Letztes Update am Di, 16.04.2019 07:14

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


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Experten sehen kein Überschwappen der Opioid-Krise von USA nach Europa

Das Ärzteverhalten dürfte in den USA – anders als in Europa – stark zur Opioid-Krise beitragen: So hat es Untersuchungen gegeben, dass etwa in Notfallambulanzen in Washington DC 40 Prozent der Patienten, die Schmerzen angaben, beim Erstkontakt ein starkes Opioid erhalten hätten.

Viele Ärzte in den USA verschreiben viel zu schnell Schmerzmittel.

© Getty ImagesViele Ärzte in den USA verschreiben viel zu schnell Schmerzmittel.



Wien/Washington/Berlin – In den USA gibt es eine „Opioid-Krise“. Zwei Drittel der jährlich rund 70.000 Drogentoten sterben dort an rezeptpflichtigen Opiat-Schmerzmitteln oder illegalen Opiaten wie Heroin. Doch diese Problematik betrifft die USA. Die Situation in Europa und in Österreich ist ganz anders, stellen Fachleute fest. Knackpunkt sind offenbar die unterschiedlichen Strategien in der medizinischen Behandlung.

Das wichtigste Indiz dafür ist die Zahl der Opiatabhängigen in den USA im Vergleich zu Europa. Burkhard Gustorff, Vorstand der Abteilung für Anästhesie, Intensiv- und Schmerzmedizin am Wilhelminenspital Wien und Vorstandsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin (ÖGARI), wurde dazu vor kurzem in einer Aussendung zitiert: „Tatsächlich gibt es keinen Zweifel an der Tatsache, dass die Zahl der Opioid-Toten in den USA kontinuierlich steigt und die Menge der verschriebenen Opioid-Analgetika nach starken Zuwächsen über mehr als 15 Jahre auch steigt und erst in den vergangenen zwei Jahren eine Abschwächung findet. In Australien sehen die epidemiologischen Daten ähnlich aus.“

30.000 Österreicher mit risikoreichem Drogenkonsum

Ludwig Kraus vom Institut für Therapieforschung in München und Co-Autoren aus Hamburg (Zentrum für interdisziplinäre Suchtforschung der Universität Hamburg) und aus Ungarn haben Anfang März 2019 im Deutschen Ärzteblatt eine Schätzung über die Zahl der Opioid-Abhängigen in Deutschland veröffentlicht. Sie kamen auf um die 166.000 Betroffene. „Vergleiche mit früheren Schätzungen legen den Schluss nahe, dass sich der Umfang der Personen mit einer Opioidabhängigkeit in Deutschland in den letzten 20 Jahren kaum verändert hat“, schrieben die Fachleute. Im Jahr 2000 war man auf einen Personenkreis zwischen 127.000 bis 190.000 Personen gekommen.

Die Schlussfolgerung könnte also darin liegen, dass die US-“Opioid-Krise“, die sich in den USA ja bereits seit etlichen Jahren hinzieht, in Ländern wie Deutschland bisher ausgeblieben ist. In Österreich gehen die Drogenfachleute von der Gesundheit Österreich GmbH davon aus, dass es 2004/2005 rund 30.000 Menschen mit risikoreichem Drogenkonsum gab. Ein großer Teil davon entfällt auf Opiatabhängige. Bis 2014 „schwanken die Werte relativ konstant um 30.000. In den letzten Jahren lässt sich wiederum ein Anstieg auf etwa 36.500 Personen beobachten“, heißt es im aktuellen österreichischen Drogenbericht. Auch alle diese Entwicklungen zeigen einen Verlauf abseits der Trends in den USA.

Ärzteverhalten in Europa anders als in den USA

„Oft wird in der aktuellen Debatte auch nicht berücksichtigt, dass die Situation in Nordamerika und in Europa deutliche Unterschiede aufweist“, wurde Rudolf Likar, Past-Präsident der ÖGARI und Vorstand der Abteilungen für Anästhesiologie und Intensivmedizin am Klinikum Klagenfurt am Wörthersee und am LKH Wolfsberg, dazu zitiert: „Anders als in den USA halten sich die Ärztinnen und Ärzte in Österreich – wie generell in Europa – in der Regel an die entsprechenden wissenschaftlichen Empfehlungen. Wir wissen, dass in den USA in vielen Situationen Opioide verschrieben werden, in denen bei uns sicher nicht zu dieser Substanzgruppe gegriffen wird.“

So hätte es Untersuchungen gegeben, dass etwa in Notfallambulanzen in Washington DC 40 Prozent der Patienten, die Schmerzen angaben, beim Erstkontakt ein starkes Opioid erhalten hätten. „Das ist in unseren Notfallaufnahmen völlig anders. Ähnlich verhält es sich bei Geburtsschmerzen, die in den USA routinemäßig mit starken Opioiden behandelt werden. Ein solcher Umgang trägt auch zu steigenden Abhängigkeitszahlen bei.“ (APA)