Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 29.04.2019


Gesellschaft

Zu viele Hürden und Barrieren

Um am Leben teilhaben zu können, brauchen Menschen mit Einschränkungen Hilfe durch eine Begleitperson. Mehr Verständnis ist gefragt, schließlich kann es spätestens im Alter jeden treffen.

In öffentlichen Verkehrsmitteln können Helfer gratis mitfahren, wenn im Behindertenausweis eine Minderung der Erwerbsfähigkeit von mindestens 70 Prozent vermerkt ist.

© iStockIn öffentlichen Verkehrsmitteln können Helfer gratis mitfahren, wenn im Behindertenausweis eine Minderung der Erwerbsfähigkeit von mindestens 70 Prozent vermerkt ist.



Von Michaela S. Paulmichl

Innsbruck – Die Bewohner in den WGs des Netzwerks St. Josef gehen gern ins Theater oder ins Kino, sie freuen sich, ihre Freunde in einem Café zu treffen oder im Schwimmbad. Um, wie alle anderen, am Leben teilhaben zu können, sind sie dabei aber meistens auf Unterstützung angewiesen – auf eine Begleitperson, die ihnen nicht barrierefreie Wege dorthin sozusagen ebnen kann. Ein Eintrag im Behindertenpass macht es möglich, dass bei einer Minderung der Erwerbsfähigkeit von mindestens 70 Prozent die Assistenz in öffentlichen Verkehrsbetrieben kostenlos mitfährt oder etwa für den Eintritt ins Museum nichts bezahlen muss.

„Außenstehenden ist nicht bewusst, wie viel Organisationsaufwand dahintersteckt. Einfach nur einmal spontan ins Konzert zu gehen, das ist nicht möglich“, sagt Veronika Mair, Leiterin der Tagesstrukturen im Netzwerk St. Josef. Die meisten Barrieren oder Hürden sind zwar immer noch baulicher Art – häufig fehlen Lifte –, doch es geht auch um das Verständnis. „Wie kommt ein Mensch mit Beeinträchtigung dazu, das Doppelte zu bezahlen, nur weil er auf Hilfe angewiesen ist?“ Während sich manche Einrichtungen bereit erklären, auch bei einem einmal vergessenen Behindertenausweis ein Auge zuzudrücken, seien die Kontrollen bei öffentlichen Verkehrsmitteln deutlich strikter geworden – „auch dann, wenn die Beeinträchtigung ganz offensichtlich ist“, berichtet Veronika Mair. „Von einer Sensibilisierung würde die ganze Gesellschaft profitieren“, meint sie. Schließlich könne es – spätestens im Alter – jeden treffen.

Auch einem Bergfreund mit hundertprozentiger Behinderung aus dem Unterland ist die Diskrepanz aufgefallen, als er sich über die Sommertarife größerer Bergbahnen in seiner Umgebung erkundigte. Während ihm und seiner Begleitung etwa die Kitzbüheler Bergbahnen sehr entgegenkommen würden, gebe es in anderen Gebieten nur einen geringen Nachlass. „Leider haben auch manche Tourismusverbände nichts für Behinderte oder Ältere übrig, Touristen mit Gästekarte können jedoch verbilligt fahren.“

„Das Sozialministeriumsservice regelt sehr klar, wann die Eintragung einer Begleitperson in den Behindertenpass möglich ist“, sagt Georg Willeit, Geschäftsführer der Lebenshilfe Tirol. „Wünschenswert wäre es natürlich, wenn auch Menschen mit einem Grad von unter 50 Prozent Behinderung einen Behindertenpass ohne weiteren Antrag bekämen und eine Begleitperson mitnehmen könnten.“ Das würde ihre Teilhabe am Leben erleichtern.

Bei einer körperlichen Beeinträchtigung funktioniere die Einstufung gut, schwieriger sei es bei einer geistigen Einschränkung: „Manche können voll mobil sein, aber trotzdem wegen einer auffälligen Verhaltensweise zum Beispiel durch ein Tourette-Syndrom oder bei Epilepsie auf Unterstützung angewiesen sein.“ Bei Veranstaltern ortet Willeit aber ein großes Entgegenkommen: „Viele sind sehr kulant.“ Er kritisiert aber den Aufwand, dass zusätzlich zum Reha-Antrag noch ein Behindertenpass organisiert werden muss.

Ermäßigungen bei den Öffis

Laut UN-Konvention haben Menschen mit Einschränkungen das Recht auf Teilhabe an der Gesellschaft.

ÖBB:

VVT: Ähnlich wie bei den ÖBB gibt es ermäßigte Einzel-Tickets und das Jahres-Ticket Spezial für Menschen mit Behinderung. Voraussetzung dafür ist der Behindertenpass (Grad der Behinderung/Minderung der Erwerbsfähigkeit von mindestens 70 % oder dem entsprechenden Vermerk im Behindertenpass). Ist darin vermerkt, dass die Person eine Begleitperson benötigt, darf diese kostenlos mitfahren. Erforderliche Mobilitätshilfen (Rollstühle, Gehhilfen, etc.) sowie Blinden- bzw. Serviceführhunde werden ebenfalls kostenlos befördert.

Mit Begleitung ist für die Klienten des Netzwerks St. Josef auch der Besuch eines Fußballspiels möglich.
Mit Begleitung ist für die Klienten des Netzwerks St. Josef auch der Besuch eines Fußballspiels möglich.
- Netzwerk St. Josef