Letztes Update am Sa, 20.04.2019 11:38

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Amoklauf mit 15 Toten

20 Jahre danach: Wie Columbine alles und doch nichts veränderte

Es war der 20. April 1999, als ein unscheinbarer Vorort von Denver, Littleton, zum Epizentrum einer nationalen Tragödie wurde. Ein Schulmassaker mit 15 Toten. Die Wunden klaffen bis heute. 20 Jahre sind vergangen. 20 Jahre, in denen Schmerz und Verlust immer wieder aufflammen. Denn Columbine war nicht genug.

Ein Meer aus Andenken an die 12 Schüler und einen Lehrer, die an jenem 20. April ihr Leben lassen mussten. Das Massaker hat sich tief in die kollektive Psyche der USA eingebrannt.

© AFPEin Meer aus Andenken an die 12 Schüler und einen Lehrer, die an jenem 20. April ihr Leben lassen mussten. Das Massaker hat sich tief in die kollektive Psyche der USA eingebrannt.



Von Tamara Stocker

Innsbruck, Littleton – 16 Minuten. 16 Minuten, die 13 Leben auslöschten. 16 Minuten, die ganze Leben zerstörten. Auf Lebenszeit. Für die Hinterbliebenen ist der Amoklauf an der Columbine Highschool in Littleton nicht nur Vergangenheit, sondern auch – oder vor allem – Gegenwart. Der Tag des 20. April 1999 ist eine tiefe Wunde, die niemals richtig verheilen wird. Eine Wunde mit harter Kruste, die immer wieder aufreißt, wenn Ähnliches passiert. Wenn wieder und wieder Schüler und Lehrer durch Waffengewalt sterben. Müssen.

„Jeder, der an diesem Tag in Columbine war, war ein Opfer. Da gibt es die Menschen, die körperlich verletzt wurden oder starben. Und es gibt jene, die für den Rest ihres Lebens emotional vernarbt sind“, sagt Sean Graves der Denver Post.

Verletzte werden nach dem Columbine-Amoklauf versorgt.
Verletzte werden nach dem Columbine-Amoklauf versorgt.
- dpa

Albträume und Traumata

Seine Albträume kommen immer wieder. Jeden Frühling. Eingehüllt von der Dunkelheit seines Schlafzimmers, nur wenige Kilometer von dem Ort entfernt, an dem alles begann, spürt Graves das Gefühl, wie sich Pistolenkugeln durch seine Bauchdecke bohren. Er liegt auf kaltem Beton. Blut durchtränkt seine dünne, schwarze Jacke.

„Jeder, der an diesem Tag in Columbine war, war ein Opfer.“
Sean Graves, Überlebender

Mit jedem April kehrt sein Geist an jenen Tag zurück, an dem zwei Klassenkameraden in langen schwarzen Trenchcoats an der Columbine Highschool das bis dahin schlimmste Schulmassaker in der US-Geschichte verrichteten. Monatelang hatten sich Dylan Klebold (17) und Eric Harris (18) auf diesen Tag vorbereitet. Der Plan: Ein Bombenanschlag. So viele Menschen töten wie möglich. In der Schulcafeteria stellten sie zwei schwere Seesäcke mit Propangasbomben ab. Als diese nicht hochgingen, änderten sie ihren Plan und erschossen wahllos zwölf Mitschüler und einen Lehrer.

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24 junge Menschen überlebten teils schwer verletzt. Sechs Mal feuerten die Schützen auf den Erstklässler Sean Graves. Die Folge: Partielle Querschnittlähmung. 49 Operationen. Ein ewiges Trauma. Jeder noch so laute Ton erschüttert ihn. Noch heute. Der Automotor. Sirenen. Sein Wecker. Graves dreijährige Tochter Olivia ist noch zu klein, um zu verstehen, womit ihr Papa noch täglich zu kämpfen hat. „Ich werde körperlich nie heilen, aber emotional denke ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin“, sagt Graves heute, zwei Jahrzehnte nach der Tragödie.

Viele trugen nicht nur körperliche, sondern auch seelische Schäden davon. Sie lasten bis heute auf ihnen.
Viele trugen nicht nur körperliche, sondern auch seelische Schäden davon. Sie lasten bis heute auf ihnen.
- AFP

Der „Columbine-Effekt“

Kurz vor dem 20. Jahrestag des Amoklaufs trafen sich Graves, andere Überlebende und trauernde Angehörige in der Bibliothek der Schule, um zu reden. Über das Unaussprechliche. Über das, was sich seither geändert hat. Und was eben nicht.

„Ich habe das Gefühl, dass wir in vielerlei Hinsicht so weit gekommen sind, aber wir trotzdem immer noch an derselben Stelle feststecken“, sagt Coni Sanders, Tochter des getöteten Lehrers Dave Sanders. „Ich hätte nie gedacht, dass wir heute an diesem Punkt sein würden. Dass es so viele Schulmassaker gibt, die wir nicht verhindern konnten.“ Sanders sagt, dass Columbine alles verändert habe und doch nichts. „Es ist unfassbar, dass Columbine nicht genug war.“

Wie die Washington Post berichtet, waren seit dem 20. April 1999 mehr als 226.000 US-Schüler mit Waffengewalt an ihren Schulen konfrontiert. Davon überlebten 143 nicht, 294 wurden verletzt. Die großen Schauplätze: Sandy Hook, Santa Fe, Marysville. Oder Parkland, die 208. Schulschießerei seit Columbine, bei der 17 Menschen getötet wurden. Keine Einzelfälle.

Bilder, die um die Welt gingen.
Bilder, die um die Welt gingen.
- dpa

Das Phänomen „School Shootings“ existiert in den USA schon seit Ende der 20er-Jahre. In den 90ern häufen sich die Vorfälle. Aber das Schulmassaker von Littleton war ein Wendepunkt. Als „Columbine-Effekt“ wird der danach weltweit zu verzeichnende Anstieg an „School Shootings“ bezeichnet. Viele Nachahmer nannten die Geschehnisse vom 20. April 1999 als Inspiration für ihre eigene Tat. Auch eine bewaffnete 18-Jährige, die im Vorfeld des jetzigen Jahrestags Drohungen gegen Schulen im Großraum Denver vorgebracht haben soll und am Mittwoch tot aufgefunden wurde, war laut Polizei von „Besessenheit“ für das Columbine-Massaker und die damaligen Täter erfüllt.

Veränderungen mit begrenzter Wirkung

Dass die Polizei hier so rasch reagierte, kommt nicht von ungefähr. Columbine führte zu Verschärfungen der Sicherheitsvorkehrungen an Schulen im ganzen Land. Verschlossene Zugangstüren. Bewaffnete Wächter. Videoüberwachung. Übungen für den Angriffsfall. Vielfach sogar Metalldetektoren. All das soll die Schulen sicherer machen. Das Leben mit der Bedrohung. Es gehört zum Schulalltag.

Neue Programme wurden entwickelt, um Mobbing vorzubeugen. Das Ziel: „Außenseitern“ zu helfen. Auch Dylan Klebold und Eric Harris, beides begabte Schüler, sollen jahrelang schikaniert worden sein. Über ihre wahren Motive wurde über die Jahre aber viel gemutmaßt. Videospiele. Hitlers Geburtstag. Gothic-Subkultur. Rache. Alles Spekulationen. Die Hauptantriebskraft der beiden war eine Art perverser Größenwahn. Sie wollten Ruhm. In die Geschichte eingehen.

„Wenn man mich fragen würde, warum das passiert ist, würde meine Antwort lauten: Nicht wegen Mobbing, nicht wegen der Medikamente, die sie nahmen, nicht wegen der Erziehung. Es war nicht die Schule, es lag nicht an der Waffenkontrolle – es waren sie. Es waren die beiden Schützen und ihre Entscheidungen. Sie sahen in dieser Welt und sich selbst nur Negatives“, sagt Craig Scott, der lange nicht über das Erlebte sprechen konnte. „In Columbine habe ich meine Schwester verloren und meine Freunde sterben sehen.“

Frank DeAngelis war damals Direktor und blieb es bis 2014. Er fühlte sich moralisch verpflichtet, alle betroffenen Schüler bis zu ihrem Abschluss zu begleiten. Unter den traumatischen Folgen leidet er bis heute.
Frank DeAngelis war damals Direktor und blieb es bis 2014. Er fühlte sich moralisch verpflichtet, alle betroffenen Schüler bis zu ihrem Abschluss zu begleiten. Unter den traumatischen Folgen leidet er bis heute.
- AFP

Die Polizei sattelte nach Columbine auf eine „Null-Toleranz“-Strategie um. Heißt: Im Ernstfall keine Zeit verlieren. Den Schützen mit allen Mitteln ausschalten. Sofort. 47 Minuten hatte es am 20. April 1999 gedauert, bis SWAT-Einheiten die Schule betraten. 47 Minuten. „Das ist verrückt“, erinnert sich Frank DeAngelis an diese veraltete, defensive Vorgehensweise, mit der man den oder die Bewaffneten bloß nicht unter Druck setzen wollte.

DeAngelis war damals Direktor an der Columbine Highschool. Erst vermutet er einen Schulstreich. Aber es sollte sein schlimmster Albtraum werden. Er begleitet ihn bis heute. DeAngelis‘ Leben blieb verschont, weil David Sanders mutig war. Der Lehrer lenkte den Schützen ab. Und bezahlte dies mit dem Leben. „Wenn er nicht gewesen wäre, wäre ich heute nicht mehr da“, weiß DeAngelis. Jeden Morgen nach dem Aufwachen sage er sich die Namen der dreizehn Opfer laut vor. Seine „geliebten Dreizehn“. So nennt er sie. „Ich will und werde ihre Namen und ihre Geschichten so lange wie möglich am Leben erhalten.“

Nach Columbine folgte eine lange Serie von Blutbädern an US-Schulen und Hochschulen, die teilweise sogar noch gräulicher waren.
Nach Columbine folgte eine lange Serie von Blutbädern an US-Schulen und Hochschulen, die teilweise sogar noch gräulicher waren.
- AFP

Die lange Serie von Schusswaffenvorfällen zeigt, dass all diese Maßnahmen nur begrenzt wirken. Amokläufe an Schulen ziehen Diskussionen nach sich. Vor allem über das lockere US-Waffenrecht. Die Debatten sind ebenso Alltag geworden, wie die Schießereien selbst. Auch die von den Überlebenden des Parkland-Massakers angeführten Massenproteste haben bisher zu keinen tiefgreifenden Beschränkungen in den landesweiten Waffenregelungen geführt.

Politik und Plattitüden

US-Präsident Donald Trump hatte im Mai 2018 das verfassungsgemäße Recht auf Waffenbesitz betont. Statistisch gesehen besitzt jeder US-Bürger eine Handfeuerwaffe. Im Schnitt werden pro Tag in den USA 100 Menschen durch Schusswaffen getötet. Nach jüngsten Berechnungen der New York Times stellen Amerikaner etwa 4,4 Prozent der Weltbevölkerung, ihnen gehören inzwischen aber 42 Prozent aller Schusswaffen auf der Erde.

Rick Townsend wirft das Wort „Hoffnungslosigkeit“ in den Raum. Auch Tom Mauser hat keine Geduld mehr für Politiker und ihre Plattitüden. „Es sind nur die sprichwörtlichen Gedanken und Gebete – und nichts anderes. Aber es muss mehr sein.“ Townsend und Mauser sind die Väter von Lauren (18) und Daniel (15). Beide starben 1999 im Kugelhagel. Andere Kinder entkamen. Ihre Narben? Unsichtbar.

Mütter, Väter, Geschwister und Überlebende trafen sich zum 20. Jahrestag des Massakers.
Mütter, Väter, Geschwister und Überlebende trafen sich zum 20. Jahrestag des Massakers.
- AFP