Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 19.05.2019


Erinnerungskultur

Ein echt smarter Grabstein: Innsbrucker Steinmetz geht neue Wege

Ein Innsbrucker Steinmetz und ein Webentwickler wollen die Erinnerungskultur modernisieren. Grabsteine werden mit Bildschirmen ergänzt.

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© Alexandra Plank



Von Alexandra Plank

Innsbruck – „In spätestens zwei Monaten werde ich den ersten digitalen Grabstein am Pradler Friedhof aufstellen“, ist sich Peter Lutz, Juniorchef der Firma Stein Wernig, sicher. Vor seinem Geschäft in Pradl, nahe dem größten Friedhof Westösterreichs, bearbeitet er gerade einen Serpentin mit einer Flex, ein Quadrat wird ausgeschnitten, dort soll der Bildschirm Platz finden.

Außer dem Bildschirm versteckt sich die Technologie für den „smarten Grabstein“, wie ihn Webentwickler Mathis Hüttl nennt, in einem Kastl in der Größe einer Scheckkarte. „Die Technik kommt in ein unzerstörbares Gehäuse, das so konstruiert ist wie die Blackbox in einem Flugzeug“, ergänzt Lutz.

Und so soll die Weltneuheit – einen Grabstein mit Bildschirm gibt es nirgendwo, sind die Tüftler überzeugt – funktionieren: Über den QR-Code (Strichcode wie auf Produkten im Supermarkt) steigt man in den Bildschirm ein und kann dann Bilder des Verstorbenen anschauen oder auch eine Gedenkkerze entzünden.

Zudem besteht die Möglichkeit, über das Handy die Lieblingsmusik des Toten zu hören, über Kopfhörer selbstverständlich. „Am wichtigsten ist für uns, dass die Ruhe und Pietät am Friedhof erhalten bleibt“, sagt der Steinmetz. Sein Gewerbe sei jahrtausendealt und müsse den Sprung ins Jetzt und in die Zukunft wagen. Die Reaktionen seien durchwegs positiv, auch von älteren Semestern: „Auch 70-Jährige bedienen heute wie selbstverständlich ein Smartphone. Eine große Frage wird sein, wer Zugriff auf den Bildschirm erhält.“ Webent- wickler Hüttl ergänzt, dass in Zukunft bei der Vorsorge ein so genanntes digitales Testament ohnehin selbstverständlich werde. „Es ist ja jetzt schon ein Problem, wenn jemand, der in den sozialen Netzwerken vertreten war, stirbt, und die Angehörigen können seinen Account nicht löschen.“ Es gebe aber inzwischen eigene Firmen, denen man die Passwörter nennt und die den User nach dem Ableben vom Netz nehmen.

Derzeit sind die beiden Innovativen dabei, sich den smarten Grabstein patentieren zu lassen. Der Prototyp ist noch batteriebetrieben, künftig soll er über Solarenergie gespeist werden. Und was soll er kosten? „Ab etwa 2000 Euro für ein Urnengrab ist man dabei“, erklärt Lutz.

Er ist überzeugt, dass die gemeinsame Erfindung die Erinnerung an Verstorbene nachhaltig sichern wird. „Künftig wird es so sein, dass jemand in Übersee an einer Gedenkfeier über den digitalen Grabstein teilnehmen kann.“ Auch Ahnenforschung soll viel einfacher werden: Wie Hüttl darlegt, könnten die Grabsteine künftig miteinander verknüpft werden und kommunizieren. So wäre es möglich herauszufinden, welche familiären Bindungen unter den Bestatteten bestehen. Einen Trumpf hat Hüttl noch im Ärmel: „Das Umweltproblem mit den ganzen Kerzen fällt weg.“

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- Alexandra Plank