Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 08.06.2019


Exklusiv

D-Day: Entscheidungsschlacht im Westen

6. Juni 1944: Die Invasion in der Normandie.

Für Joseph Goebbels: „Der entscheidende Tag des Krieges.“

Am Abend des 6. Juni standen bereits mehr als 150.000 der Alliierten auf französischem Boden.

© NATIONAL ARCHIVESAm Abend des 6. Juni standen bereits mehr als 150.000 der Alliierten auf französischem Boden.



Von Rolf Steininger

So wie Hitler waren auch die Militärs optimistisch. Generaloberst Jodl meinte, der Weg sei klar vorgezeichnet; es gehe um Sieg oder Vernichtung: „Ich sehe dem Kampf mit vollem Vertrauen entgegen.“ Von der politischen Führung wurde öffentlich Gelassenheit und Zuversicht demonstriert. Propagandaminister Goebbels betonte am 4. Juni auf dem Adolf-Hitler-Platz in Nürnberg vor 70.000 Menschen, man sei vorbereitet: „Und wenn der Feind kommt, so werden wir ihm eine Lektion erteilen.“

O. Univ.-Prof. Dr. Rolf Steininger war von 1984 bis zu seiner Emeritierung 2010 Leiter des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck.
O. Univ.-Prof. Dr. Rolf Steininger war von 1984 bis zu seiner Emeritierung 2010 Leiter des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck.
- Thomas Böhm

Einen Tag später war Gobbels auf dem Obersalz- berg, wo er mit Hitler und Eva Braun bis morgens um zwei am Kamin saß; man tauschte Erinnerungen aus und freute sich über die vielen schönen Tage und Wochen, die man zusammen erlebt hatte. „Kurz und gut“, so schrieb er in sein Tagebuch, „es herrschte eine Stimmung wie in guten alten Zeiten.“ Über dem Obersalzberg ging in jenen Stunden ein schweres Gewitter nieder, eine Art Vorbote für das, was kommen sollte.

Goebbels besuchte anschließend noch Reichsleiter Martin Bormann in dessen Haus, nur wenige hundert Meter entfernt. Erst um 4 Uhr an diesem 6. Juni fuhr man zurück nach Berchtesgaden. Dort lagen inzwischen die ersten Meldungen über die Invasion vor. Ihnen war zu entnehmen, dass sie noch in den frühen Morgenstunden stattfinden werde. Für Goebbels war jetzt klar: „Damit wäre dann also der entscheidende Tag des Krieges angebrochen.“

Zwei Aufrufe

Hitler erließ daraufhin folgenden Aufruf:

„Soldaten der Westfront. Der Feind ist zu dem seit Langem von uns erwarteten Angriff auf Europa angetreten, seine Absichten sind uns allen bekannt. Ihr seid dazu berufen, sie zu vereiteln und damit die nationale Sicherheit, die Existenz und Zukunft unseres Volkes zu sichern.“ Wenige Stunden zuvor hatte der Oberkommandierende der alliierten Streitkräfte, General Eisenhower, in einem Tagesbefehl an seine Soldaten Folgendes erklärt:

„Ihr begebt euch nun auf den großen Kreuzzug, für den wir uns seit vielen Monaten vorbereitet haben. Ihr werdet die deutsche Kriegsmaschine zerschlagen, die Nazityrannei über die unterdrückten Völker Europas hinwegfegen und Sicherheit für uns alle in einer freien Welt schaffen. Eure Aufgabe wird nicht leicht sein. Euer Feind ist gut ausgebildet, gut ausgerüstet und kriegserfahren.“

Am Abend des 6. Juni standen bereits mehr als 150.000 Mann alliierter Truppen auf französischem Boden. Die Invasion in der Normandie war geglückt.

Die Wehrmacht, die die Invasion an einer anderen Stelle erwartet hatte, hatte die Schlacht am ersten Tag am Strand verloren.

Die Stimmung im Volk

Wie hat die deutsche Bevölkerung damals auf die Ereignisse reagiert? Den besten Aufschluss darüber geben die „Meldungen aus dem Reich“, die geheimen Lageberichte des Sicherheitsdienstes SD, die zumeist von Goebbels interpretiert wurden.

Am 6. Mai hatte der in sein Tagebuch geschrieben: „Das deutsche Volk erwartet mit Sehnsucht die kommende Invasion und verspricht sich davon einen phänomenalen Erfolg, zum Teil sogar die Kriegsentscheidung.“

Angst vor der Invasion sei kaum festzustellen; man erwarte vielmehr eine schwere Niederlage der Alliierten. Das Schlimmste, was passieren könnte, sei, dass die Invasion entgegen aller Erwartungen doch nicht käme.

Die Nachricht vom Beginn der Invasion wurde dann allgemein als Erlösung aus einer unerträglichen Spannung und drückenden Ungewissheit empfunden und teilweise mit großer Begeisterung aufgenommen. Wie ein „reinigender Gewitterschlag“ habe die Meldung über den Invasionsbeginn die lange aufgestaute Spannung hinweggefegt. Durch die gesamte Bevölkerung gehe ein befreites Aufatmen: „Der Feind ist zu seiner eigenen Beerdigung gekommen.“

Das Vertrauen in Generalfeldmarschall Rommel war groß. Vor allem aber erkannte man, wie es im SD-Bericht vom 8. Juni hieß, „wieder einmal die weitsichtige Planung des Führers. Es habe sich jetzt gezeigt, wie Recht der Führer hatte, auf allen Kriegsschauplätzen ‚kurzzutreten‘ und alle Kraft auf den entscheidenden Schlag im Westen zu konzentrieren.“ Man war der Meinung, dass der Höhepunkt der Invasion noch komme.

Auf dem Weg zum Ende

Und dann hieß es weiter: „Mit stürmischer Dringlichkeit wird die Vergeltung gefordert.“ Die, so Goebbels in seinem Tagebuch, „wird ja nun auch nicht mehr lange auf sich warten lassen. Diejenigen werden dann widerlegt sein, die heute noch in großem Umfang glauben, dass die Vergeltung nur einen Propagandatrick darstellt.“ In der Nacht vom 12. auf den 13. Juni begann der massive Einsatz der „Vergeltung 1“, der V1, schon fünf Tage später wurde die 500. auf London abgefeuert. Das löste in fast allen Bevölkerungskreisen Genugtuung, teilweise sogar eine gewisse Begeisterung aus, einige erhofften sogar eine rasche Beendigung des Krieges, zumindest gegen England.

Aus dem Donau- und Alpengau (ehemals Österreich) wurde folgende Stimme zitiert: „Jetzt wird England in ein paar Tagen kapitulieren.“ Als das nicht geschah, wurde die V1 vielfach gleichgestellt mit „Versager 1“. In der letzten Juniwoche hatte die Begeisterung bereits erheblich nachgelassen. Am 7. Juli hieß es: „Das Gefühl starker Bedrückung und Sorge über die Entwicklung hält bei den meisten Volksgenossen weiter an.“

Und dann kam am 20. Juli das Attentat auf Adolf Hitler. Immerhin, so berichtete der SD, sei eine Verschlechterung der Stimmung nicht eingetreten, und weiter: „Die Bevölkerung atmet erleichtert auf, dass der Führer dem Anschlag nicht zum Opfer fiel. Fast durchweg ist die Bindung an den Führer vertieft und das Vertrauen zur Führung gestärkt worden.“

Offensichtlich hörte die Führung so etwas gern. Soweit militärische Ereignisse überhaupt noch besprochen wurden, richtete sich die Sorge in erster Linie auf die Entwicklung an der Ostfront. Zu den Kämpfen an der Invasionsfront äußerte man sich seit Ende Juli seltener. Im SD-Bericht vom 28. Juli hieß es: „Man gibt sich der Hoffnung hin, dass unsere Soldaten trotz der Schwere der Kämpfe durch die materielle Überlegenheit der Feinde die Lage meistern werden.“ Diese Hoffnung war bekanntlich vergebens.

Am 19. August wurden zwei deutsche Armeen von den Amerikanern eingeschlossen. Von den 125.000 deutschen Soldaten konnten sich im letzten Moment 50.000 retten, etwa 45.000 Mann gerieten in Gefangenschaft. Am 25. August feierte Paris seine Befreiung, am 12. September 1944 überschritten die Amerikaner erstmals die Reichsgrenze. Es sollte allerdings noch fast acht Monate dauern und mehr Opfer als in den Kriegsjahren zuvor kosten, bis das erreicht war, was Eisenhower in seinem Tagesbefehl auch gesagt hatte: „Nur ein völliger Sieg ist für uns annehmbar!“