Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 09.06.2019


Innsbruck

Heart-of-Noise-Festival: Umtriebe im Hochkulturbetrieb

Subkulturslalom im und ums Haus der Musik: Die Opernperformance „Akhtamar“ eröffnete am Freitag das Innsbrucker Heart-of-Noise-Festival.

Ekehardt Rainalters musiktheatralische Frischzellenkur „Akhtamar“ im Haus der Musik Innsbruck.

© Heart of Noise/JaroschEkehardt Rainalters musiktheatralische Frischzellenkur „Akhtamar“ im Haus der Musik Innsbruck.



Von Joachim Leitner

Innsbruck – Wenn die Kunst die ihr zugedachten Biotope verlässt und auf die freitägige Betriebsamkeit vor einem langen Feiertagswochenende trifft, ist – so scheint es jedenfalls – eine Entschuldigung angebracht. Dachten sich jedenfalls die Macher der Opernperformance „Akhtamar“, denen am späten Freitagnachmittag die Eröffnung des Heart-of-Noise-Festivals in und ums Haus der Musik Innsbruck angetragen wurde. In Fiakern ging es also einmal durchs immer mal wieder angedachte „Kulturquartier“, um für etwaige Einschränkungen der konsumfördernden Bewegungsfreiheit vielsprachig Abbitte zu leisten. Ob diese und andere Interventionen auf dem zum „Para Noise Garden“ umgestalteten Vorplatz des Hauses der Musik, Marco Tiberius Schaafs „MERZ“ zum Beispiel oder eine hintersinnig gen Ibiza gedrehte Eröffnungsrede zur Lage der Nation von Michaela Senn tatsächlich Teil von Ekehardt Rainalters Oper „Akhtamar“ waren, lässt sich nicht mit letzter Eindeutigkeit sagen. Dazugehört haben sie auf jeden Fall.

Die „2000-jährige Oper“ „Akhtamar“ ist inzwischen genaugenommen 2007 Jahre alt. Bereits 2012 wurde im Treibhaus der postdramatische Opernstaat als elektronisch und effektfreudig befeuerte Frischzellenkur fürs althergebrachte Musiktheater ausgerufen. Dieser Faden sollte nun im Haus der Musik wiederaufgenommen – und weitergesponnen – werden.

Nach dem performativen Vorplatz-Vorglühen und allerlei Stiegenhaus-Ouvertüren übersiedelte „Akhtamar“ in den großen Konzertsaal, der erstmals in seiner noch jungen Geschichte von mächtig wummernden und verstärkten Klangflächen geflutet wurde. Dass der Raum dafür adaptiert werden musste, soll vorab mancherorts für Nervenflattern gesorgt haben. Der reibungslos abgewickelte und akustisch überzeugende „Akhtamar“-Abend darf also auch als vertrauensbildende Maßnahme für künftige Kooperationen zwischen Hochkulturbetrieb und subkulturellen Umtrieben verstanden werden. Es geht. Und tut gar nicht weh.

Formal wie inhaltlich ist „Akhtamar“ auch im jüngsten Aggregatszustand schwer fassbar. Klar, eine Science-Fiction-Parabel. Aber worum geht’s? Um alles. Und um nichts. Es wird bedeutungsschwer herumgestakst und noch bedeutungsschwerer deklamiert. „Akhtamar“ ist Verweis- und Versatzstückslalom. Immer dann, wenn es zu gewichtig wird, zieht ein Zurufer das Sicherheitsnetz ein: Alles halb so wild, Kunst halt. Nötig hätte „Akhtamar“ diese vielleicht ironische, vielleicht vom eigenen Ernst übertölpelte Defensivtaktik nicht. Vor allem in der zweiten Hälfte nicht. Da entwickelt sich ordentlich ungeordneter Zug, musikalisch lässt sich gar Ohrwurmpotenzial erahnen. Und auch durchs Libretto zucken Geistesblitze. Manche verpuffen, einige brennen sich ins Hirn, andere treffen direkt ins Herz. Wie es sich für Oper gehört.

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Apropos Oper: Nebenan, im Großen Haus, stand „Mignon“ auf dem Spielplan, eineinhalb Stockwerke unter „Akhtamar“ wurde in den Kammerspielen „Astoria“ gespielt. Nach den Vorstellungen vermischte sich das Publikum im „Para Noise Garden“, rätselte, fachsimpelte, lachte. Und das eine oder andere Programmheft dürfte auch ausgetauscht worden sein. Vielleicht entsteht es ja tatsächlich, das Innsbrucker Kulturquartier.