Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 08.06.2019


Gesellschaft

Freiwillige Helfer als erste Profis am Unfallort

In den vergangenen Jahren wurde in Tirol ein Netz von gut ausgebildeten Ersthelfern für abgelegene und dünn besiedelte Regionen aufgebaut.

Ein ausgebildeter Sanitäter versorgt als „First Responder“ bis zum Eintreffen von Notarzt oder Rettung den Patienten.

© Österreichisches Rotes Kreuz ÖRKEin ausgebildeter Sanitäter versorgt als „First Responder“ bis zum Eintreffen von Notarzt oder Rettung den Patienten.



Von Nikolaus Paumgartten

Innsbruck – Ein Arbeitsunfall bei Forstarbeiten in einem abgelegenen Wäldchen im Bezirk Kufstein. Nachdem der Notruf bei der Leitstelle Tirol eingeht, ist schnell klar, dass der nächste verfügbare Rettungswagen errechnete 16 Minuten bis zum Einsatzort benötigen wird – zu lange in einer Situation, in der Sekunden über Leben und Tod entscheiden können. Also werden nicht nur Rettungs- und Notarztmannschaft zum Unfallort geschickt, sondern es wird zeitgleich ein so genannter First Responder alarmiert. Dieser ist selbst aktiver Sanitäter und hat seinen Wohnort ganz in der Nähe des Unglücksortes. Er ist es schließlich auch, der bereits wenige Minuten später vor Ort ist und erste lebensrettende Maßnahmen setzen kann.

Das beschriebene fiktive Unfallszenario zeigt, wie das First-Responder-Prinzip in Tirol in der Praxis seit mittlerweile rund 15 Jahren funktioniert. In Regionen, wo Rettungskräfte lange Anfahrtswege haben, wurden über die Jahre First-Responder-Teams aufgebaut: Die ersten in der Wildschönau und in Osttirol, mittlerweile gibt es aber auch First-Responder-Mannschaften in anderen abgelegenen Ortschaften in den Bezirken Kitzbühel, Kufstein, Schwaz und Imst. Zuletzt wurde Anfang Mai für Pillberg eine Mannschaft aus drei Ersthelfer-Sanitätern zusammengestellt.

„First Responder werden immer dann alarmiert, wenn ein Rettungsfahrzeug bis zum Einsatzort länger als zehn Minuten braucht“, erklärt Andreas Karl von der Rettungsdienst Tirol GmbH, die für die Koordination des First-Responder-Systems verantwortlich ist. Die weiteren Kriterien für einen First-Responder-Einsatz variieren je nach Unfallart und geografischer Lage, „bei einer Reanimation wird aber zum Beispiel immer ein First Responder alarmiert“, sagt Karl. Ausgestattet sind die Sanitäter mit einem Pager, der sie über den anstehenden Einsatz informiert, und mit einem Notfallrucksack. Per Handynavigation wird der Ersthelfer außerdem exakt zum Unfallgeschehen geleitet. „Unsere First Responder sind Freiwillige und bekommen für ihren Bereitschaftsdienst keine finanzielle Entschädigung“, betont Andreas Karl. Dafür gehen sie dabei auch keine rechtliche Verpflichtung ein, immer und jederzeit verfügbar zu sein. Auch müssen First Responder nicht laufend Auskunft über ihren Aufenthaltsort geben.

Adolf Schinnerl, der Ärztliche Leiter Rettungsdienst des Landes Tirol, sieht das First-Responder-System in Tirol sehr gut umgesetzt. „Anders als beispielsweise in Wien oder anderen Ländern, wo auch Feuerwehr und Polizei als First Responder im Einsatz sind, sind unsere Ersthelfer ausschließlich Rettungssanitäter“, erklärt er. Das habe den Vorteil, dass die First Responder durch ihr Engagement bei der Rettung bestens mit den Abläufen und den notwendigen Schritten vertraut sind.