Letztes Update am So, 09.06.2019 07:29

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Tirol

Sechs Flüchtlinge und ihre Geschichten über ihre Arbeit in Tirol

„Es gibt keine bessere Integration als Arbeit.“ Sechs Flüchtlinge, sechs Geschichten: Drei mussten gehen, andere wissen nicht, ob sie bleiben dürfen. Arbeitgeber, Helfer und Lehrlinge selbst über Ängste und Hoffnungen.

Die Familie Kraml aus Zirl mit Aziz Alizada und Mahmoud Nihzad (3. und 2. von rechts).

© Foto TT/Rudy De MoorDie Familie Kraml aus Zirl mit Aziz Alizada und Mahmoud Nihzad (3. und 2. von rechts).



Von Michaela S. Paulmichl

Innsbruck – „Und dann war die Tür einfach zu.“ Das unvorhergesehene Ende der Möglichkeit für junge Asylwerber, eine Lehre zu beginnen, war für Ursula Jennewein „wie ein Schlag ins Gesicht“. Die Sprecherin des Freundeskreises Flucht und Integration – das Netzwerk der Tiroler Freiwilligenorganisationen – plädiert dafür, die Maßnahme zu überdenken: „Es ist nicht richtig, wie man mit diesem Anliegen, das aus vielen Bereichen der Gesellschaft sehr massiv an die frühere Regierung herangetragen wurde, umgegangen ist.“ Und schließlich seien die vielen Unternehmer, die sich für ihre Lehrlinge einsetzen würden, ja nicht die Caritas: „Sie kämpfen für sie, weil sie so zufrieden mit ihnen sind!“

Traum von Sicherheit könnte abrupt enden

Die sechs Tiroler Flüchtlinge sind nur einige von vielen, drei wurden bereits abgeschoben, andere warten noch auf ihren Bescheid. Einer von ihnen ist Timorshah Wazir aus Afghanistan, er kam vor drei Jahren mit 18 nach Österreich und macht gerade seine Ausbildung zum Gastronomiefachmann.

Timorshah Wazir.
Timorshah Wazir.
- Foto TT/Rudy De Moor

Auf der Angerer Alm am Kitzbüheler Horn auf 1300 Metern hat er Arbeit in der Küche und als Kellner gefunden. Ein positiver Bescheid bedeutet für ihn nichts weniger, als „dass es eine Zukunft gibt“. Arbeiten zu können mache das Warten für ihn erträglicher, aber es vergehe kein Tag, an dem er nicht jede Stunde, Minute oder Sekunde darüber nachdenkt, dass der Traum von Sicherheit abrupt enden könnte. „In Afghanistan ist mein Leben in Gefahr“, sagt er ernst. Als er darüber spricht, dass es Menschen gibt, die ihn unterstützen, entspannen sich seine Gesichtszüge. „Meine Deutschlehrerin hat mir geholfen, wie es sonst Eltern tun.“

Der Unternehmer Erwin Bouvier aus Zams will für seinen Installations- und Gebäudetechniklehrling aus Kabul bis zur letzten Instanz kämpfen, damit der junge Mann – „er ist Vorzugsschüler“ – bleiben darf. Wenn nötig, bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg. Die Regelung ist für ihn eine „humanitäre und wirtschaftliche Katastrophe. Die Politiker wollen uns die Lehrlinge nehmen, die wir so dringend brauchen.“

Namakan Coulibaly spielt bei der Union Innsbruck.
Namakan Coulibaly spielt bei der Union Innsbruck.
- Foto Rudy De Moor / Tiroler Tage

„Sind Gesetze blöd, muss man sie ändern“

Namakan Coulibaly aus Mali hat nach einem negativen ersten Asylbescheid schließlich doch einen Aufenthaltstitel erhalten. Der Spenglerlehrling konnte auf die Unterstützung des Freundeskreises „Miteinander im Mittelgebirge“ (MiM) zählen und auf seinen Trainer Christian Nigg und Obmann Herbert Lener von der Union Innsbruck, die in ihm ein großes Fußballtalent sehen. Er selbst träumt davon, Profifußballer zu werden, findet aber auch seine Arbeit „cool“. Zwei Jahre hat er im Altenheim in Axams gearbeitet. „Ich bin jetzt seit vier Jahren hier, ganz alleine, ohne Familie. Ich bin sehr froh, gute Menschen gefunden zu haben, die mich unterstützen.“

Bis nach Straßburg will das Ehepaar Wandl vom Hotel Leutascherhof für ihren Lehrling Tengis gehen.
Bis nach Straßburg will das Ehepaar Wandl vom Hotel Leutascherhof für ihren Lehrling Tengis gehen.
- Foto TT/Rudy De Moor

„Manchmal hilft es, manchmal nicht“, sagt Susanne Marini (MiM). Wie im Fall des Armeniers Tengis, der kurz vor dem Abschluss seiner Lehre vor wenigen Tagen abgeholt und abgeschoben wurde. Sein Arbeitgeber, Christian Wandl vom Hotel Leutascherhof, sagt: „Wir kämpfen weiter für unseren lieben Tengis. Er ist der geborene Kellner. Wir hoffen, dass es eine Möglichkeit gibt, ihn zurückzubringen. Ab und zu braucht’s auch andere Möglichkeiten, vor allem dann, wenn man händeringend nach Mitarbeitern sucht!“ Gesetze gehören eingehalten, „aber wenn es blöde Gesetze sind, gehören sie geändert. Es gibt keine bessere Integration als Arbeit“, sagt Wandl. „Alle Mitarbeiter haben Rotz und Wasser geweint, als Tengis gehen musste.“

Nach zwei Tagen bei Bombenanschlag verletzt

Erfolglos waren auch die Bemühungen für Abraham Okojie, der – als nichts mehr half – fünf Monate lang Kirchenasyl in der Pfarre Neu-Rum erhielt. Der Nigerianer hat im Res­taurant am Baggersee in Innsbruck gearbeitet. „Es kommt mir sehr destruktiv vor, wenn der gute Wille überhaupt nicht zählt. Vielleicht mildert die neue Regierung die Regelung ab“, hofft Pfarrer Andreas Tausch auf eine Entspannung der Situation.

Erst vor wenigen Tagen wurde auch ein junger Afghane von der Polizei abgeholt – „aus fadenscheinigen Gründen“, wie die Zirlerin Luise Kraml erzählt, die Deutschkurse für Flüchtlinge leitet. „Es hieß, er habe zu viel Geld auf dem Konto und deshalb wohl etwas mit Drogen zu tun. Aber das stimmt nicht!“ Auch ist das Verfahren noch gar nicht abgeschlossen. Freunde des jungen Mannes, der gerade eine Lehre beginnen wollte, aber wegen der Verordnung nicht mehr konnte, organisierten in Innsbruck ein großes Fest samt Spendenaktion. Die Initiative hatte keinen Erfolg, das gesammelte Geld aber wird jetzt nach Afghanistan geschickt, wo der Flüchtling schon nach zwei Tagen bei einem Bombenanschlag verletzt wurde.

Keine Lehre: Kritik von allen Seiten

Als die türkis-blaue Bundesregierung das Ende der Möglichkeit einer Lehre für Asylwerber beschloss, hagelte es Kritik von vielen Seiten. 75.000 Menschen, 23 Gemeinden und über 1590 Unternehmen haben seither die Petition „Ausbildung statt Abschiebung“ des oberösterreichischen Landesrats Rudi Anschober (Grüne) unterschrieben.

Unter den prominenten Unterstützern finden sich frühere ÖVP-Granden wie der niederösterreichische Altlandeshau ptmann Erwin Pröll und Franz Fischler, die TT berichtete. Pröll hatte seine Unterstützung damit begründet, dass es um Menschen gehe, die festen Willen zeigten, sich zu integrieren, außerdem würden sie eine Ausbildung in Mangelberufen machen.

In Tirol zeigte sich die schwarz-grüne Koalition einig: Asylwerber mit negativem Bescheid sollen ihre Ausbildung zumindest beenden können. Wie berichtet, wurde bei der Enquete „Asylwerbende in der Lehre“ mit Wirtschaftskammer, Sozial- und Integrationsvereinen „dringender Handlungsbedarf bei der Ermöglichung des Aufenthalts“ geortet. LH Günther Platter sah eine breite Allianz für eine „sinnvolle“ Lösung der von Abschiebung bedrohten Asylwerber in einem Lehrberuf.

Nach Jürgen Bodenseer kritisierte auch der neue Tiroler Wirtschaftskammerpräsident Christoph Walser die Vorgangsweise und forderte „ein Zeichen der Menschlichkeit“. Arbeit sei die beste Integration. Für Franz Leidenmühler vom Ins­titut für Europarecht der Uni Linz ist das Vorgehen, den Zugang zur Lehre zu verwehren, überhaupt unvereinbar mit dem Europarecht.




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