Letztes Update am Di, 11.06.2019 10:00

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

Wenn für sechs demente Tiroler eine WG gegründet wird

Die Zahl der über 65-Jährigen steigt bis 2030 um 52 Prozent, in Speckgürtelgemeinden um weit mehr. Das bringt mehr Demenzkranke, für deren Betreuung es neue Konzepte braucht. Eines davon ist die Demenz-WG.

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© APA (dpa)/Patrick PleulSymbolfoto.



Von Anita Heubacher

Innsbruck – In Innsbruck leben schätzungsweise 1600 Demenzkranke. Eine genaue Zahl gibt es nicht. Aber eines weiß man genau: Die Zahl der Betroffenen wird rapide steigen. Von Bezirk zu Bezirk und von Gemeinde zu Gemeinde unterschiedlich. Osttirol oder Kitzbühel haben einen höheren Anteil an bereits jetzt älteren Menschen. Ebenso wie die Speckgürtelgemeinden, wo viele Mittelständler hingezogen sind, um sich in finanzstarken Jahren den Traum vom Häuschen im Grünen zu verwirklichen. Im südöstlichen Mittelgebirge bei Innsbruck wird die Zahl der über 85-Jährigen bis 2030 um 146 Prozent gestiegen sein, der Durchschnitt tirolweit liegt bei 86 Prozent. Das Verstreutsein der Klienten am Land macht die Betreuung für Sozialsprengel nicht einfacher.

Es braucht neue Wohnkonzepte, darüber sind sich Experten einig. Demenzkranke sind nicht klassisch pflegebedürftig, aber sie brauchen sehr viel Aufmerksamkeit und das rund um die Uhr. „Das können die Angehörigen, wenn die Erkrankung schlimmer wird, nicht stemmen“, erzählt Franz Bittersam, Geschäftsführer der Johanniter Tirol. Zusammen mit einer Vermittlungsagentur für 24-Stunden-Betreuerinnen hat er ein Konzept entwickelt: die Senioren-WG mit Schwerpunkt Demenz für Menschen in den Pflegestufen zwei bis vier. „Es ist eine Alternative, wenn es zu Hause nicht mehr geht und man nicht ins Altenheim will, wo man für Demenzkranke oft nicht eingerichtet ist“, sagt Bittersam.

Mit dem Konzept sind die beiden Organisationen bei einigen Gemeinden und beim Land bereits vorstellig geworden. Weitere Gespräche sollen folgen. Zwei Demenz-WGs sind laut Bittersam aber bereits konkret und vor der Umsetzung. Eine in Innsbruck und eine in Innsbruck-Land.

Der Plan sieht so aus: Sechs bis neun Senioren sollen zusammenziehen. Jeder hat sein eigenes Zimmer, das Herzstück der WG bilden aber laut Konzept die Gemeinschaftsräume. Terrasse, Balkon oder Garten sind ebenso vorgesehen wie zwei bis drei Bäder bei einer Senioren-WG von acht Bewohnern. Eine zusätzliche Toilette für den Betreuungsdienst und eine beim Gemeinschaftsraum sind eingeplant. „Für sechs Personen braucht es ungefähr 350 Quadratmeter.“

Miteinziehen in die WG soll nach den Plänen der Projektwerber eine 24-Stunden-Betreuerin, die den Haushalt schmeißt, mit den Demenzkranken den Tag schaukelt und beim Pflegen unterstützt. „Auf drei Demenzkranke kommt eine Betreuerin, die nach zwei Wochen abgewechselt wird. Die Sozialsprengel und wir sorgen für die klassische Pflege, falls nötig“, sagt Bittersam. „Für die Betreuerinnen ist es zum Teil angenehmer, in einer WG zu arbeiten und sich austauschen zu können, als 24 Stunden für die Betreuung eines Patienten zu Hause zuständig zu sein.“ Die Betreuerinnen kommen aus Osteuropa oder Slowenien. „Personalmangel haben wir keinen.“ 2000 Euro soll ein Platz in der Senioren-WG kosten. Die Johanniter wären damit Pionier in Tirol. Demenz-WGs gibt es bereits in Wels oder im Südburgenland. Schauplatzwechsel in die Tirol Kliniken. Dort bilden Beate Czegka, Abteilungsvorständin im Pflegemanagement, und Josef Marksteiner, Leiter der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie im Landeskrankenhaus Hall, die Spitze des Demenz-Expertenteams. „Wir sind in Tirol bei der Betreuung von Demenzkranken ganz gut aufgestellt. Es gibt mehr als 200 Angebote“, erklären die beiden. „Aber damit werden wir in Anbetracht der künftigen Entwicklung nicht auskommen.“

Die Experten verweisen auf eine Hochrechnung. Demnach kommt heute ein Demenzkranker auf 50 Erwerbstätige, 2040 kommt ein Demenzkranker auf nur noch 16 Erwerbstätige. „Selbst wenn die Zahl der pflegenden Angehörigen gleich bleibt, braucht es Initiativen“, erklären Marksteiner und Czegka. Am Beginn der Erkrankung stünden Vergesslichkeit und Unsicherheit. Zeitliche und räumliche Desorientierung kämen hinzu. Wenn Tag und Nacht verwechselt werden, machen sich Klienten schon einmal mitten in der Nacht auf, um den Bus in die Stadt zu nehmen. „Es braucht keine diplomierte Pflegekraft, die auf Demenzkranke schaut, sondern jemanden, der präsent und vor Ort ist“, sagt Czegka.

Ebendas werde auch in vielen Tiroler Altenheimen gewährleistet. „Dort gibt es schon sehr gute Konzepte.“ Das Bild vom Aufenthalt im Altenheim werde oft zu schwarz gemalt, meint auch Marksteiner. Den Anteil von Heimbewohnern mit kognitiver Beeinträchtigung schätzt er bereits jetzt auf 60 bis 70 Prozent. „Dementsprechend wichtig ist, dass die Angehörigen weiter mitmachen, auch wenn der Vater oder die Mutter im Heim untergebracht sind.“

Demenz ist nicht heilbar, sie lässt sich laut Marksteiner und Czegka aber verzögern. Als Vorbeugung empfehlen sie viel Bewegung, soziale Kontakte und gesunde Ernährung. Dass so vielen bereits mit 60 Jahren eine Demenz­erkrankung attestiert würde, liege daran, dass sich die Diagnose in den letzten Jahren stark verbessert hat. Einen Überblick über Pflege und Betreuungsangebote bietet die Homepage: www.demenz-tirol.at