Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 22.06.2019


Exklusiv

Klinik-Seelsorger Andreas Krzyzan: Der am Himmel haftet

Wenn er nicht gerade Menschen Trost spendet, ist Klinik-Seelsorger Andreas Krzyzan am liebsten in „warmgebeteten“ Kirchen unterwegs. Über einen, der zuhören kann.

Andreas Krzyzan übergibt seine Aufgabe als Leiter der Krankenhaus-Seelsorge an die Theologin Hildegard Anegg.

© Foto TT/Rudy De MoorAndreas Krzyzan übergibt seine Aufgabe als Leiter der Krankenhaus-Seelsorge an die Theologin Hildegard Anegg.



Von Michaela S. Paulmichl

Innsbruck – Es sind die letzten gemeinsamen Momente, die in Erinnerung bleiben. Und die viele daran denken lassen, was sie zu einem Menschen, der ihnen etwas bedeutet hat, zum Schluss gesagt haben. Manchmal wünscht man sich, man hätte andere Worte gefunden. Andreas Krzyzan gehört zu jenen, die es wissen müssen: Was sagt man zum Abschied? Doch er meint nach 27 Jahren, in denen er die Krankenhaus-Seelsorge leitete: „Ich habe den Eindruck, dass nicht die Worte entscheiden. Es muss nicht alles mit Reden übertüncht werden.“ Am Leid anderer teilzuhaben, gemeinsam zu schweigen mit den Kranken und ihren Angehörigen und mitzufühlen, das alles sei wichtiger – „eben einfach da zu sein“. Niemand solle allein sein. „Ich bin ein Zuhörer“, sagt er über sich.

In den vergangenen Jahrzehnten hat der gebürtige Pole die Krankenhaus-Seelsorge neu konzipiert, die Anfang der 1990er-Jahre „nur am Rande der Klinik angesiedelt war“, wie er meint. Die Aufgabe der fünfköpfigen Gruppe bestand damals aus den drei Pfeilern Kommuniondienste, Krankensalbungen und Gottesdienste. Heute ist es ein ökumenisches Team von rund 80 Menschen – viele unter ihnen ehrenamtlich – in mehreren Krankenhäusern, die rund um die Uhr zur Verfügung stehen, wenn Kranke, Angehörige oder auch Mitarbeiter ihren Beistand brauchen. Rund 1500 Einsätze gibt es im Jahr.

„In dieser Zeit habe ich an den Schicksalen sehr vieler Menschen teilgenommen und sie sind mir dabei ans Herz gewachsen“, blickt Krzyzan zurück. „Da waren viele Tumorpatienten, aber auch Patienten aus dem Psychiatriebereich, deren unwahrscheinliche Leiden oft unterschätzt werden.“ Er erinnert sich an „herzzerreißende Situationen“, wenn sich Kinder von Mutter oder Vater verabschieden müssen. „Oft fehlen mir die Worte.“

Schildert ihm jemand seine Not und seine Probleme, dann stehe er da wie eine Klagemauer. „Und vielleicht war das auch die Philosophie, weshalb sie errichtet wurde, denn im Erzählen sehen die Menschen, wie es um sie steht. Wer etwas aus dem Herzen heraus artikuliert und berichtet, was ihm Erfreuliches und weniger Erfreuliches auf der Seele liegt, setzt wichtige erste Schritte.“

„Herr Kaplan, woher nehmen Sie die Kraft für diese wichtige Aufgabe?“, wurde Krzyzan einmal in einem Interview gefragt. Seine Antwort lautete: „Ich gehe mit meinen Kumpels auf ein Bier und bespreche das.“ Heute ergänzt er: „Ich schöpfe aus den Beziehungen, in denen ich verankert bin, aber ich tanke auch Kraft an Orten wie dem Höttinger Bild oder dem Locherboden, sie sind für mich Energiequellen und ich wandere gern dorthin.“ Der Seelsorger meint: „Ich halte viel davon, an Orte zu gehen, wo die Kirchen schon warmgebetet sind. Am Locherboden sehe ich die Sterbebildchen und spüre die Verbundenheit mit Menschen, die ich vielleicht sogar gekannt habe.“

Im Krankenhaus fühlt er sich „nur als ein Rädchen im großen Betrieb“, was Pfleger und Ärzte leisten, sei großartig. „Als ich einmal selbst Patient war, wurde ich so liebevoll betreut, wie es das letzte Mal vielleicht meine Mama getan hat.“

Es gehört zur alltäglichen Erfahrung des Seelsorgeteams, dass das Leben enden kann – nicht nur im fortgeschrittenen Alter. „Als Krankenhaus-Seelsorger können wir den Gedanken an den Tod nicht wegschieben. Doch diese Anmaßung, dass ich als Priester weiß, wo es langgeht, habe ich nicht. Es gibt Menschen, die wissen, wo es langgeht, so bin ich nicht.“ Meistens seien es Diktatoren, die das von sich behaupten, sagt Krzyzan und denkt dabei zurück an die Zeit als junger Priesteramtskandidat in einer Strafkompanie im kommunistischen Polen. „Dort habe ich die Solidarität der Unterdrückten erlebt, die vor allem die Not der anderen im Auge behält“, wird er am Sonntag zu seinem Abschied sagen, an der Klinik findet ein Gottesdienst statt.

Der 70-Jährige übergibt seine Aufgabe an die Theologin Hildegard Anegg. „Sie ist seit fünf Jahren im Team und steht mit ihren fünf Kindern mitten im Leben“, sagt er über seine Nachfolgerin.

„Machst du jetzt eine Weltreise?“, lautete eine weitere, erst vor Kurzem gestellte Frage an den Seelsorger. „Ich habe mit ,Ja‘ geantwortet, ,ich mache eine Reise nach innen‘. Um zu schauen, wer bin ich denn eigentlich gewesen?“ Der Text des deutschen Schriftstellers Reiner Kunze „Die Silhouette von Lübeck“ hilft ihm dabei. Denn der schrieb: „Damit die Erde hafte am Himmel, schlugen die Menschen Kirchtürme in ihn.“ Krzyzan hat die Zeilen umgewandelt in „damit Tirol hafte am Himmel, schlugen die Bewohner dieses Landes Nägel in ihn. Unzählige kupferne Kirchtürme, nicht aufzuwiegen mit Gold.“ – „Es ist für mich eine Herausforderung zu erfahren, ob sich mein Leben im Hier und Jetzt erschöpft oder ob ich diese Himmelshaftung habe.“

In der Nikolauskapelle im Kinderzentrum der Klinik Innsbruck hat er in die Gedenknische für verstorbene Kinder einen kleinen Stein gelegt. „Hoffnung“ steht drauf. Das gilt für alle. „Ich entdecke in der liebenden Zuwendung eine Hoffnung, wir muntern uns gegenseitig auf.“