Letztes Update am Sa, 22.06.2019 06:49

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Blick von Außen

Sprache als Schlüssel zur Welt

Jürgen Habermas ist politischer Philosoph und streitbarer Intellektueller. Eine Würdigung zu seinem 90. Geburtstag.

Der Philosoph Jürgen Habermas

© AFPDer Philosoph Jürgen Habermas



Von Helmut Reinalter

Der deutsche Philosoph Jürgen Habermas feierte kürzlich seinen 90. Geburtstag. Er galt als wichtiger politischer Philosoph der Gegenwart und Theoretiker der Demokratie. Als öffentlicher Intellektueller fand er nicht nur in der Wissenschaft große Anerkennung, sondern auch bei Politikern und kritischen Zeitgenossen. In seinen zahlreichen Zeitungsartikeln zeigte sich nicht nur der theoretische Denker, sondern auch der praxisbezogene Erklärer, dessen Werke um Öffentlichkeit, Kommunikation und Diskurs kreisen.

Der Theoretiker

Die Theorie des kommunikativen Handelns, zweifelsohne sein Hauptwerk, ist kompliziert, wenngleich die Art und Weise, wie Habermas auf der Basis einer umfassenden Rationalitätskonzeption unterschiedliche Traditionen der Philosophie und Soziologie miteinander verbindet, beeindruckt. Habermas argumentiert auf verschiedenen Ebenen, einer metatheoretischen, einer methodologischen und einer empirischen, die nicht immer deutlich voneinander unterschieden werden können. Er kombiniert auch eine historische und eine systematische Linie, und er greift Gesichtspunkte und Anregungen auf, die aus unterschiedlichen Paradigmen entnommen werden. Seine Theorie entwickelt er hauptsächlich als eine rationale Konstruktion. Die Theorie der kommunikativen Kompetenz stellt zweifelsohne einen neuen Zugang zu einer bereits bekannten Aufgabe dar, nämlich eine Erweiterung der Konzeption von Rationalität zu begründen.

Als jüngerer Vertreter der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule hat er diese entscheidend weiterentwickelt. Diese Weiterentwicklung besteht vor allem darin, dass er seine Theorie über den Weg der Beschäftigung mit der hermeneutischen Philosophie und der Sprachanalyse Wittgensteins entwickelte. So gelangte er zur Einsicht, dass für den Menschen immer schon das Medium der sprachlichen Verständigung von entscheidender Bedeutung war und ist. Mit dieser Überlegung trennte sich Habermas von den geschichtsphilosophischen Grundlagen der Kritischen Theorie. Der Begriff der kommunikativen Rationalität nimmt bei Habermas eine wichtige Position ein, die an die Stelle der „Dialektik der Aufklärung“ tritt.

Helmut Reinalter
Helmut Reinalter
- Robert Parigger

Aus dem Rationalitätspotenzial des kommunikativen Handelns leitet er die Entwicklungsdynamik eines Geschichtsprozesses ab. Seine Gesellschaftstheorie stützt sich vor allem auf die Vernunft, erweitert sie sprachphilosophisch und verwendet sie für seine Entwicklung einer sozialwissenschaftlichen Theorie. Die von Sozialwissenschaftern vorgenommene Einengung von Habermas als bloßen Philosophen oder als Diskursethiker wurde in der Zwischenzeit zu Recht korrigiert. Seine Theorien gehen über diese beiden Wissensbereiche weit hinaus, denn er versteht sich eigentlich als interdisziplinärer Theoretiker der Gesellschaft, zumal der Begriff „Gesellschaft“ eigentlich das Zentrum seines Werkes darstellt. Die Diskurs-ethik versteht sich bei ihm als Konzeption einer Theorie der Moral in der Tradition des Philosophen Immanuel Kant. Sie ersetzt die reflexive Prüfung moralischer Prinzipien im Sinne des Kategorischen Imperativs durch Prüfung der Geltungsansprüche moralischer Normen in einem praktischen Diskurs.

Demokratie und Europa

Habermas hat sich schon sehr früh auch mit demokratietheoretischen Forschungen und ihren normativen Bezugspunkten auseinandergesetzt. Seine Demokratietheorie wurde entscheidend geprägt durch die Auseinandersetzung mit der Weimarer Staatsrechtslehre, wobei auch die radikaldemokratische Rechtstheorie Kants eine Rolle spielte. Sein maßgebliches Verständnis von Demokratie als Idee der Herrschaft des Volkes hat er nicht nur in seinem Werk „Faktizität und Geltung“ (1992), sondern schon sehr früh in seinem Aufsatz „Zum Begriff der politischen Beteiligung“ (1958) festgelegt, wo er darauf hinweist, dass Demokratie keine Staatsform wie andere Staatsformen sei: Das Wesen der Demokratie „besteht darin, dass sie die weitreichenden gesellschaftlichen Wandlungen vollstreckt, die die Freiheit der Menschen steigern und am Ende vielleicht ganz herstellen können. Demokratie arbeitet an der Selbstbestimmung der Menschheit, und erst wenn diese wirklich ist, ist jene wahr. Politische Beteiligung wird dann mit Selbstbestimmung identisch sein.“

Habermas hat sich auch mit der europäischen Verfassung beschäftigt und in diesem Zusammenhang häufig transnationale und transdisziplinäre Orientierungspunkte gesetzt. Seine Überlegungen gehen auf zwei bestimmende Motive zurück, nämlich auf sein leidenschaftliches Engagement für Europa und den europäischen Integrationsprozess und die Sorge um die Bedrohung der Folgen des demokratischen Verfassungsstaates, deren Erhaltung ihm ein großes Anliegen ist.

Religiöser Kern

In letzter Zeit befasst sich die Forschung stärker mit der spannungsreichen Entstehung des Denkens von Habermas im Zusammenhang mit seinen früheren Schriften aus ideengeschichtlicher Perspektive. Habermas hat sich in den letzten Jahrzehnten auch der Religion etwas angenähert. Es ist allerdings nicht einfach, die Frage zu beantworten, was eigentlich der religiöse Kern im Forschungsprogramm von Habermas sei. Am interessantesten und gleichzeitig am aufschlussreichsten sind seine frühen persönlichen Überlegungen und biographischen Hinweise. So betont er 1985: „In meiner Überzeugung gibt es auch einen dogmatischen Kern. Ich würde lieber die Wissenschaft fahren lassen, als diesen Kern aufweichen zu lassen – denn das sind Intuitionen, die ich nicht durch Wissenschaft erworben habe, die überhaupt kein Mensch durch Wissenschaft erwirbt, sondern dadurch, dass er aufwächst in einer Umgebung von Menschen, mit denen man sich auseinandersetzen muss und in denen man sich wiederfindet.“ An anderer Stelle hebt er hervor: „Ich habe ein Grundmotiv und eine grundlegende Intuition. Diese geht auf religiöse Traditionen, etwa der protestantischen oder jüdischen Mystiker, zurück, auch auf Schelling.“

Lebenserfahrung, philosophische Interessen und kommunikatives Handeln

Die negativen Erfahrungen während des Zweiten Weltkrieges und die ambivalente Konstellation mit widersprüchlichen Erfahrungen könnte die Anziehungskraft erklären, die die protestantische und jüdische Mystik auf den jungen Habermas ausübten. Offenbar besteht hier ein enger Zusammenhang zwischen Lebenserfahrungen und philosophischen Interessen. Durch die im Kommunikativen Handeln eingebaute Idealisierung können nach Habermas die Lernprozesse in der Welt und die Lebensweltstrukturen beeinflusst werden. So ist die Theorie des Kommunikativen Handelns ein bedeutender Ansatz der Gegenwartsphilosophie überhaupt. Leistung und Wirkung dieser Theorie zeigen sich vor allem darin, dass sie Strukturen und Formen menschlichen Handelns und menschlicher Interaktion herausarbeitet und die normativen Grundstrukturen dieses Handelns kritisch reflektiert. Zunächst ist die Rezeption des Hauptwerkes von Habermas besonders aus fundamentaltheologischer Perspektive aufgenommen und für die Grundlegung einer theologischen Handlungstheorie herangezogen worden. Auf katholischer Seite stand man der Theoriekonzeption allerdings abstinent bis kritisch gegenüber. Erst die jüngere Generation, die sich mit theologischer Ethik beschäftigt hat, beginnt sich mit dem Programm der Diskursethik genauer auseinanderzusetzen. Unabhängig von der bereits ertragreich gelaufenen theologischen Rezeption und vielen Debatten über Habermas sind zahlreiche Fragen und Kontroversen bis heute nicht ganz ausgeschöpft. So wurden in diesem Zusammenhang vor allem vier Bereiche des Denkens von Habermas hervorgehoben:

1. der Komplex des Rechts, der Reichweite und Grenzen des moralischen Universalismus;

2. das Verhältnis von Konsens und Dissens;

3. der theoretische und praktische Umgang mit der Erfahrung gescheiterter Kommunikation;

4. das Desiderat, den kommunikations- und handlungstheoretischen Ansatz aus theologischer Perspektive in ein intensives Gespräch mit dem modernen französischen Denken einzubinden.

Wirkung

Habermas versteht sich als Fortsetzer der Tradition der Aufklärung, die sich die Transformation religiöser in rationale und ethische Wahrheiten als Hauptaufgabe stellt. Er hat mehrmals vor den Gefahren gewarnt, die unsere Kultur bedrohen, wenn die semantischen Potenziale, die in religiösen Vorstellungen enthalten sind, verlorengehen würden. Habermas hat die frühromantische Tradition seiner eigenen Theorie heute in vorsichtiger Formulierung anerkannt. Seine Theorie des kommunikativen Handelns ist eigentlich eine Weiterführung der Kantischen Vernunftkonzeption, die auch Fragen nach dem Sinn des Lebens als vernünftig ansieht. Darunter verstehen wir heute eine prozessuale Rationalität, und keine, wie Kant betont, substanzielle. Da dieser Vernunftbegriff die moralisch-praktische Einsicht miteinbezieht, ist auch dieser im Kern religiöser Natur. Diese Beispiele zeigen, dass die Religion bei Habermas zunehmend eine Rolle spielt. Religion und Werte haben für die Wissenschaft keineswegs eine nebengeordnete Bedeutung, sondern bilden eine Grundlage und Triebkraft. Wissenschaftliche Fakten und Interpretationen, Erklärungen, Deutungen und Beurteilungen entwickeln sich aus einer Gesamtkonstellation menschlicher Wahrnehmungen, Erfahrungen, Werte und Handlungen. So sind Wissenschafter für ihre Forschung nicht nur inhaltlich, sondern auch ethisch verantwortlich.

Die Wirkung von Habermas und seinem Werk ist weit über den wissenschaftlichen Bereich hinaus schon heute von großer Relevanz, vor allem sein vitaler Rationalismus, das Kraftzentrum Sprache für die seine Philosophie, seine Kapitalismuskritik, die Grenzen des Diskurses, seine Demokratievorstellungen, die Bedeutung seines Wer- kes für die Philosophie all- gemein und sein Europa-Engagement. Als hellwacher Intellektueller hat er immer wieder auf die Gefahren für die Demokratie hingewiesen, in seinen philosophischen Werken tritt vor allem sein Scharfsinn hervor und seine immense Produktivität im Schreiben von Werken. Im Herbst wird ein Riesenwerk von ihm, eine Art Zusammenfassung seiner Theorien unter dem Titel „Auch eine Geschichte der Philosophie“, erscheinen, in dem er sich mit den Etappen der Philosophiegeschichte neu auseinandersetzen wird.

Zum Autor

Univ.-Prof. Dr. Dr. h.c. Helmut Reinalter war Prof. für Geschichte der Neuzeit und Politische Philosophie an der Universität Innsbruck und leitet heute das Forschungsinstitut für Ideengeschichte.

Helmut.Reinalter@uibk.ac.at