Letztes Update am Mi, 26.06.2019 17:07

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Studie

Fernsehen blendet Frauen aus und verzerrt die Wirklichkeit

Wie sieht es mit der Gleichberechtigung von Frauen in Film und Fernsehen aus? Nicht besonders gut, sagt eine Studie. Die Probleme fangen demnach schon im Kinderfernsehen an.

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Berlin – Es sind Männer, die im Fernsehen die Welt erklären. Frauen verschwinden ab Mitte 30 meist vom Bildschirm. Kinder wachsen mit einem verzerrten Bild von Weiblichkeit im Fernsehen auf. Das geht aus einer Studie der Universität Rostock hervor, die am Mittwoch in der Landesvertretung von Mecklenburg-Vorpommern in Berlin vorgestellt wurde.

Erste Ergebnisse der von Schauspielerin Maria Furtwängler und deutschen Fernsehsendern unterstützten Studie machten bereits 2017 Furore. Ein Buch widmet sich nun ausführlich dem Thema. Der Titel: „Ausgeblendet – Hält das Fernsehen die Fortschritte in Bezug auf Geschlechtergerechtigkeit auf?“ Die Forscher untersuchten – zum Teil mit der Stoppuhr – 3500 Stunden Fernsehen aus dem Jahr 2016 sowie 900 deutsche Kinofilme von 2011 bis 2016.

Besonders schlimm sieht es laut der Studie beim Kinderfernsehen aus: Kinder wachsen demnach mit einem falschen Bild von Weiblichkeit auf. „Die Hälfte der weiblichen gezeichneten Figuren ist anatomisch nicht möglich“, sagt die Medienwissenschaftlerin Elizabeth Prommer. Untersucht wurde dafür etwa das Verhältnis zwischen Hüfte und Taille, die oft wie bei einer Sanduhr ultra-dünn ist. Nur etwa ein Drittel der weiblichen Figuren seien im natürlich schlanken Bereich, heißt es in der Studie. Prommer betont, Kinder würden auch Figuren mit normalen Körpern akzeptieren.

87 Prozent der Tierfiguren, 79 Prozent der Experten männlich

„Mich erschüttern die Zahlen zum Teil“, sagt Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD), die Mutter einer kleinen Tochter ist. Sie kritisiert, dass der Studie zufolge bei den Tierfiguren 87 Prozent männlich seien – und wünscht sich, dass nicht immer nur das Einhorn, sondern auch mal der Tiger ein Mädchen sein sollte. Für Schwesig sind die Fakten aus der Studie ein Beleg, wie wichtig Genderforschung ist, die von vielen Rechtspopulisten angefeindet wird.

Was Männer und Frauen als Experten im Fernsehen angeht, ist noch einiges aufzuholen: Der Frauenanteil liegt im untersuchten Zeitraum bei einem Fünftel (21 Prozent). Wenn Männer als Alltagspersonen vorkommen, sind sie mit 57 Prozent ebenfalls dominant. Das Fernsehen hinkt laut der Forschung der Wirklichkeit hinterher: So gibt es anteilig deutlich mehr Richterinnen, als im Fernsehen als Expertinnen auftreten. Frauen werden im Fernsehen sichtbarer, je mehr Frauen hinter der Kamera das Sagen haben. Bei gemischten Teams dominieren in der Regel die Männer.

Maria Furtwängler unterstreicht, wie verbreitet Vorurteile seien: „Wir sind alle sexistisch, wir sind alle homophob, und wir sind alle rassistisch.“ Auch sie selbst ist demnach nicht frei von Sexismus. So habe sie etwa einmal im Flugzeug die weibliche Stimme der Pilotin gehört und gedacht: „Scheiße, wie komme ich hier raus?“ Ihre Schlussfolgerung: „Wir müssen uns alle immerzu überprüfen.“

Dass Medien einen Einfluss auf die Wirklichkeit haben, beschreibt Furtwängler im Vorwort zum Buch „Ausgeblendet“: Seit in Filmen wie „Die Tribute von Panem“ die Heldinnen Abenteuer mit Pfeil und Bogen erlebten, wurde Bogenschießen bei den Mädchen in den USA immer beliebter. (dpa)