Letztes Update am So, 30.06.2019 10:47

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Vermisst

In Österreich werden aktuell 1018 Menschen vermisst

Pro Jahr werden hierzulande etwa 11.000 Vermisstenanzeigen bei der Polizei erstattet. Die meisten Fälle sind schnell zu klären, ein Teil allerdings bleibt über Jahre offen.

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© RehfeldSymbolfoto.



Von Liane Pircher

Wien, Innsbruck – Seit 22. Jänner 2018 ist die 23-jährige Jennifer Scharinger aus Wien spurlos verschwunden. Gegen Mittag verließ die junge Frau ihre Wohnung ohne Handy, ohne Geldtasche. Kurz danach geriet ihr Ex-Freund unter Verdacht, später wurden die Ermittlungen gegen ihn eingestellt. Zum Fall Scharinger kann Chefin­spektor Stefan Mayer vom Kompetenzzentrum für abgängige Personen (kurz KAP) nichts sagen.

Fakt ist aber, dass die Mutter der verschwundenen Jennifer nach wie vor viel in Bewegung setzt, um Gewissheit zu erlangen. Jennifers Gesicht ist eines von vielen, das auf der Fahndungsliste des Bundeskriminalamtes aufscheint. Auch für die Beamten ist der Fall nicht vergessen. Es ist einer von vielen: Aktuell gelten in Österreich 1018 Menschen als vermisst (Stand: 1. Juni 2019). Davon sind 481 Erwachsene und 537 Minderjährige. „Die meisten Fälle, etwa 80 bis 85 Prozent, sind innerhalb einer Woche geklärt, etwa 95 Prozent binnen eines Monats. Einige wenige Fälle können leider auch über Jahre nie gelöst werden“, erklärt Mayer.

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Die älteste Vermisstenmeldung geht auf das Jahr 1964 zurück. Es handelt sich um einen Salzburger, bei dem vermutet wird, dass er ertunken ist. Die Leiche hat man nie gefunden. Es gibt viele Gründe, warum Menschen spurlos verschwinden können, in den seltensten Fällen steckt ein Verbrechen dahinter. Vielfach sind es Jugendliche, die aus Betreuungseinrichtungen ausreißen, oder Kinder, die im Zuge von Trennungen und Obsorgestreitigkeiten von einem Elternteil (manchmal auch ins Ausland) mitgenommen werden, oder es sind beeinträchtigte Personen, etwa Demenzkranke, die verschwinden. Ein besonders spektakulärer Fall war jener in Wien, wo nach jahrelangem Verschwinden ein junger, autistischer Mann in Italien gefunden werden konnte.

Es ist eine Mär, wenn oft gesagt wird, dass die Polizei nur für eine bestimmte Zeit ermittelt: „Ja, wir stellen unsere Ermittlungen ein, wenn alle, und damit meine ich wirklich ausnahmslos alle, Hinweise abgearbeitet worden sind. Gleichzeitig ist es so, dass Ausschreibungen für Fahndungen alle drei Jahre verlängert und spätestens dann aufs Neue hervorgeholt und geprüft werden“, erklärt Mayer. Das KAP macht zudem regelmäßig statistische Auswertungen, erkennt so länger zurückliegende offene Fälle und ersucht dann zuständige Polizeidienststellen, diese Fälle neuerlich zu überprüfen. Es gebe immer wieder Fälle, die man nach Jahrzehnten mittels DNA-Abgleichungen von Knochenfunden klären könne, „etwa, wenn jemand in eine Gletscherspalte gefallen ist“.

Umgekehrt gibt es nach Vermisstenanzeigen keine bestimmte Frist, bis die Polizei mit einer Fahndung startet. Es ist zwar etwas anderes, ob ein Minderjähriger oder ein Erwachsener (der kann seinen Aufenthaltsort in der Regel frei bestimmen) vermisst werden, aber bei begründetem Verdacht wird sofort mit der Suche begonnen, „und nicht erst nach 24 Stunden Abwesenheit. Das ist leider ein Gerücht, das sich hartnäckig hält“, sagt Mayer.

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Für Angehörige sei die schwierige Arbeit der Vermisstensuche oft schwer zu verstehen, viele würden unter der Ungewissheit leiden. Oft werden auch Vorwürfe gemacht, die Polizei tue zu wenig. Viele kommen durch das Verschwinden in leidvolle Situationen, sagt Mayer: „Wir haben drei Fälle, die wir seit Jahren betreuen. Das sind harte Schicksale.“ Dass Angehörige leiden, wenn jemand aus dem nahen Umfeld verschwindet, weiß auch Christian Mader vom Verein „Österreich findet euch“. Selbst Polizist, allerdings für Suchtgift zuständig, hilft er Angehörigen von Vermissten: „Das Schlimme ist, dass die Angehörigen nie abschließen können. Wir hören zu und helfen, zu schauen, wo man noch überall mit der Suche ansetzen könnte, und wir helfen, Fahndungen zu verbreiten“, erklärt Mader.

Nicht alle tauchen wieder auf

Seit Jahresbeginn wurden in Tirol 264 Menschen als vermisst gemeldet. „Der Großteil ist wieder aufgetaucht, 14 sind aber noch immer abgängig“, sagt Katja Tersch, stv. Leiterin des Landeskriminalamtes. Viele Anzeigen gehen auf Jugendliche zurück, die oft nur für wenige Stunden aus Betreuungseinrichtungen verschwinden. „Manche Jugendliche werden immer wieder als vermisst gemeldet“, sagt Tersch: „Die Verantwortlichen in den Einrichtungen haben keine Wahl, sie müssen die Abgängigkeiten melden.“

Die aktuelle Statistik passt ins langjährige Bild. So waren es im gesamten Vorjahr 645 Menschen, die in Tirol als abgängig gemeldet wurden. Das Schicksal von 26 Vermissten ist unklar, 32 mussten tot geborgen werden. Insgesamt konnten 619 Abgängigkeitsfälle im Vorjahr geklärt werden. Und das relativ schnell – 97 Prozent der Vermissten werden in der Regel innerhalb von drei Wochen aufgespürt.

Aber es gibt auch Schicksale, die seit Jahren Rätsel aufgeben. Wie etwa jenes von Tabita Cirvele. Die Lettin lebte bis September 2016 mit ihrem deutschen Ehemann in Reutte. Angeblich wollte sie ihren Mann verlassen. In der Nacht ihrer Abreise verschwand die damals 48-Jährige, seither fehlt jede Spur von ihr. Die Polizei vermutet, dass die zierliche Lettin nicht mehr am Leben ist. Die Ermittlungen führten allerdings bislang ins Leere.

Ebenso rätselhaft ist das Verschwinden der heute 20-jährigen Christina S. aus Imst. Im September 2017 wollte die junge Frau mit dem Zug nach Innsbruck fahren, ist dort aber nie angekommen. Ihr Handy ist seither abgeschaltet, das Konto unberührt. Wie die Ermittlungen ergeben, könnte S. statt nach Innsbruck nach ­Ischgl gefahren sein. Doch auch diese Spur versandete. Hoffnung kam auf, als sich eine Schwarzfahrerin in Berlin gegenüber den Kontrolleuren mehrfach mit dem Pass von S. auswies. Bis heute ist aber unklar, ob es sich bei der Schwarzfahrerin tatsächlich um die Imsterin handelte. Oder ob sie nur den Ausweis der Abgängigen verwendete.

Noch länger zurück liegt das letzte Lebenszeichen der heute 29-jährigen Innsbruckerin Katharina Kirchmair. Zuletzt wurde die junge Frau am 24. April 2015 beim Haller Krankenhaus gesehen. Dann verlor sich ihre Spur.

(tom)