Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 08.07.2019


Bezirk Imst

76-seitiges Konzept: Wenns kann sich weiterentwickeln

Künstler Daniel Nikolaus Kocher liefert 76-Seiten-Konzept als Diskussionsgrundlage zur Ortsentwicklung.

76 Seiten stark sind die zu Papier gebrachten Denkansätze von Daniel Nikolaus Kocher zu seinem Heimatort Wenns.

© Parth76 Seiten stark sind die zu Papier gebrachten Denkansätze von Daniel Nikolaus Kocher zu seinem Heimatort Wenns.



Von Thomas Parth

Wenns – Der Wenner Bildhauer Daniel Nikolaus Kocher hat sich seiner Heimatgemeinde angenommen. Nicht nur in künstlerischer hinsicht, sondern den gesamten Lebensraum betreffend.

„Für Gargellen im Montafon habe ich bereits ein Konzept entwickelt, das, dank starker Bürgerbeteiligung, umgesetzt wird“, bestätigt Kocher. Der Prophet im eigenen Land hat es der Redewendung nach nicht leicht und wird oft verkannt. „Für meine Heimatgemeinde Wenns habe ich vor eineinhalb Jahren bereits ein Konzept geschrieben. Auslöser war der Wunsch des Bürgermeisters, den Ort zu verschönern“, erinnert sich der umtriebige Künstler, der etwa den „Grünen Ring“ in Lech am Arlberg initiierte. „Ich bin aber kein Florist, habe ich dem Bürgermeister gesagt“, schmunzelt Kocher. Am Ende seiner Gedanken und Bemühungen ist ein 76-seitiges Konzept herausgekommen, welches er zur Diskussion stellt. „Wenn ich an so eine Sache herangehe, dann als neutraler Beobachter. Ich sehe mir die Ist-Situation an und analysiere sie, arbeite mit Professionisten zusammen und erarbeite konkrete Vorschläge“, erklärt Kocher. Man kenne die Situation der mit viel Geld res­taurierten Städte rund um München, zeigt der Bildhauer auf: „Der Donut-Effekt dürfte ebenfalls bekannt sein. Außen herum Zuckerguss, aber innen hohl.“ Dies passiere leider allzu oft, wenn es um das Leben an sich gehe, weil man mit dem Leben nicht beliebig jonglieren könne. „In Wenns ist das grundsätzlich anders“, freut sich Kocher über eine gute Ausgangssituation. „Wir haben z. B. eine lebendige Fasnacht. Da herrscht über Wochen eine mitreißende Energie. Die Wagen werden von fanatischen Fasnachtern in ihrer Freizeit mit viel Einsatz und Herzblut gebaut. Das ist ein Beweis dafür, dass es eine Dorfkultur, eine Gemeinschaft gibt. Dieses Kollektiv, an dem sich alle Bürger beteiligen, lässt sich auch anderweitig nutzen“, ist Kocher überzeugt. Seine Aufgabe sieht Kocher als Ideenspender, dessen Vorschläge alles andere als „in Stein gemeißelt“ sind: „Ich skizziere und entwerfe und stelle diese Entwürfe zur Diskussion, gebe Denkanstöße und bette diese in ein Gesamtkonzept ein. Letztlich möchte ich ein Bewusstsein bei allen Wennern dafür erzeugen, wieder an einem schönen Dorf, auf das man stolz sein kann, mitzuarbeiten.“

Der „Beobachter im eigenen Dorf“ legt seine Analyse behutsam an: „In einem ersten Schritt habe ich versucht, einen Ortsplan zu erstellen, der die einzelnen Bereiche sichtbar macht. Was gehört wohin? Wo spielt sich das Leben ab? Wo ist der Dorfkern?“

Der Künstler nimmt sich allerdings auch kein Blatt vor den Mund: „Ich genieße diese Freiheit und traue mich, Dinge anzusprechen, an denen kaum einer rühren mag. – Mitten im Dorfkern steht etwa ein Kriegerdenkmal. Das war früher einmal ein Tanzboden! Früher haben die Menschen oft viel pragmatischer gedacht als heute. Warum nutzen wir das Denkmal nicht in der Vorweihnachtszeit als Überdachung für eine schöne Lebendkrippe?“ Am Ende verfolgt Kocher die Devise: „Design folgt Funktion. Was nützt das schöne Aussehen, wenn es keine Aufgabe erfüllt? Wir sollten zuerst über die Funktion nachdenken, die ein Bauwerk oder eine gewöhnliche Sitzbank erfüllt, bevor wir lieblos drauflosbetonieren.“

Auf alten Ortsansichten von Wenns sind gleich mehrere Gasthäuser mit belebten Gastgärten zu erkennen. „Lauben mit wildem Wein und ein Kastanienbaum, die Schatten spenden, und selbst der Kies im Gastgarten erzeugen eine Wohlfühlatmosphäre, wo die Leute nach der Kirche gerne eingekehrt sind“, ruft Kocher in Erinnerung: „Heute leben wir in einem neuen Biedermeier und verstecken uns hinter Zäunen und Hecken. Das will ich ein wenig aufbrechen, weil ich gesehen habe, was man im Kollektiv alles erreichen kann.“

Eine Skizze von Gargellen war der Auslöser für die Aktion „Ein neuer Haarschnitt, mehr Licht für Gargellen“. Die Bevölkerung hat gemeinsam über Tage den Ort von Sträuchern befreit. „Längst zugewachsene Wege wurden wieder sichtbar. Die Leute haben wieder miteinander gesprochen, weil die Hecke, die sie getrennt hat, plötzlich weg war“, freut sich Kocher über das Projekt mit Vorbildfunktion für Wenns: „Am Ende ist das verlorene Bewusstsein wieder auferstanden. Die Einwohner nehmen nicht nur die bestehenden Schönheiten wahr, sondern fühlen sich sogar dafür verantwortlich.“