Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 13.07.2019


Tirol

Der Mann, der ständig rotiert: Das Leben eines Schaustellers

Eine Verschnaufpause gibt es für Fritz Thurner nicht. Auch wenn der Vergnügungspark geschlossen hat, dreht der Schausteller seine Runden. Nur so läuft dann auch alles rund.

Das Lieblingsgeschäft von Fritz Thurner ist das Magic-Karussell. Selbst nimmt er nur selten darin Platz.

© Rudy De MoorDas Lieblingsgeschäft von Fritz Thurner ist das Magic-Karussell. Selbst nimmt er nur selten darin Platz.



Von Manuel Lutz

Innsbruck – Die Rollos bei den kleinen Häuschen der Schausteller sind noch heruntergelassen, die Attraktionen stehen still. Das Areal neben der Eishalle in Innsbruck ist wie ausgestorben. Entspannung vor der großen Menschenflut im Vergnügungspark ist jedoch ein Fremdwort für Schausteller Fritz Thurner. Im Gegensatz zu seinem Autodrom steht der Besitzer des Rummelplatzes ständig unter Strom. Mit einem Blaumann gekleidet eilt er umher und kontrolliert die Fahrgeschäfte. „Alles muss am Vormittag gemacht werden. Allein beim Karussell braucht man täglich locker eine halbe Stunde. Das Abschmieren und die Kontrolle von etlichen Zahnrädern braucht Zeit“, erklärt der 50-Jährige. Insgesamt sind fünf der Attraktionen in Familienbesitz.

Seit 34 Jahren reist der Vösendorfer durch ganz Österreich, bis vor zwei Jahren führte er gemeinsam mit seinem Vater den Familienbetrieb. Auch schon als Kind war er an Wochenenden und in den Ferien immer im Vergnügungspark: „Das ist normal, die ganze Familie hat geholfen. Ich habe die Chips kassiert.“ Innsbruck war seit eh und je ein Fixpunkt für die Schausteller, deren Vorfahren aus dem Pitztal kommen. „Seit ich denken kann, sind wir in Innsbruck. Auf diesem Platz, seit es die Eishalle gibt. Damals konnte man im Sommer sogar noch eislaufen“, erinnert sich Thurner gern zurück. Auch wenn der mittlerweile zweifache Vater den Traum eines jeden Kindes lebt, meint er mit einem Zwinkern: „Das Leben im Vergnügungspark ist gar nicht so amüsant, wie man glaubt. Auch als Kind nicht.“

Und dennoch könnte er sich ein Jahr ohne Jahrmarkt nicht vorstellen. „Wir sind von April bis Oktober unterwegs. Klar ist man dann froh, auch wieder daheim zu sein. Aber spätestens im März freut man sich schon sehr, dass es bald wieder losgeht.“ Auch wenn sein Vater, Fritz Thurner Senior, seine Pension genießt, schaut er dennoch auch in Innsbruck für einen Tag vorbei. Das Kirmes-Gen liegt einfach in der Familie: „Bereits eine Woche nach der Geburt war meine Tochter im Maxi-Cosi neben der Kassa. Ich habe zu ihr gesagt, sie soll doch auf Maturareise fahren. Sie wollte aber lieber die Zeit mit uns in Innsbruck verbringen.“

Über die Jahre lernte die Familie überall Freunde kennen, ein zusätzlicher positiver Nebeneffekt: „Die kommen uns nach wie vor besuchen. In Innsbruck sagen sie sogar, dass wir wie das Inventar zur Eishalle gehören.“

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Verändert hat sich zwar nicht so viel, aber das Geschäft wird schwieriger: „Die Technik macht es aus, die neuen Karusselle funktionieren nur noch mit dem Computer.“ Auch bei der Auswahl der Fahrgeschäfte muss man mit der Zeit gehen. Als Thurner noch ein Kind war, gab es z. B. Allround-Gondeln und Gokarts. „Die Klassiker wie Autodrom und Geisterbahn gehen jedoch immer“, ist ihm klar.

Das Magic-Karussell ist das beliebteste Stück, wie er verrät, seit 20 Jahren begeistert es schon die Gäste in Tirol. „Das werde ich bis zur Pension haben. Kaputt geht es nicht mehr“, ist sich der geschickte Geschäftsmann mit den ölverschmierten Händen sicher. Kleinigkeiten repariert er selbst. Von seinem Vater, einem gelernten Mechaniker, habe er sich viel abgeschaut. „Wichtig ist, dass man sich dafür interessiert, dann kann man alles machen“, weiß Thurner. Für Sicherheit ist gesorgt, stellt der TÜV doch jährlich alles auf den Prüfstand.

Aus der Ruhe scheint den Vösendorfer nur wenig zu bringen. Ein Zwischenfall vor ein paar Jahren sorgte aber für Ärger bei ihm. So musste ein Karussell wegen einer defekten Kugelverbindung für drei Tage im Vergnügungspark zerlegt werden. Für das Geschäft war dies natürlich nicht gut. Zumal auch die Kosten ständig in die Höhe gehen. „Allein der Transport wurde viel teurer und schwieriger. Die Preise für eine Fahrt haben wir nicht groß verändert. Die Leute sollen es sich leisten können“, rechnet er vor. Für ein neues Autodrom bezahlt man ca. 600.000 Euro.

Der größte Gegner auf dem Rummelplatz ist jedoch das Wetter. „Wir können nur zusperren, wenn es richtig schlecht ist. Sonst lassen wir offen. Wenn dann nichts los ist, ist es auch anstrengend.“ Sogleich folgt ein kritischer Blick Richtung Himmel, der von dunklen Wolken bedeckt wird.

Wenn es dann wirklich so weit ist, zieht sich Thurner mit seiner Frau Erika in den Wohnwagen zurück. Wie könnte es anders sein, hat die Familie das 18 Tonnen schwere Eigenheim selbst gebaut. Lediglich das Fahrgestell sei bestellt worden. Auch privat ist Thurner gastfreundlich und lädt sogleich zu einer Besichtigung. Das Leben auf engstem Raum schadet der Partnerschaft nicht, wie er mit einem Lachen berichtet. „Wir sind seit 26 Jahren glücklich verheiratet. Unsere Freunde fragen uns oft, wie das funktioniert, da wir uns rund um die Uhr sehen. Aber jeder hat auch immer etwas zu tun.“

In der Freizeit sind die Attraktionen nicht mehr so spannend wie einst. „Wenn man immer sieht, wie die Leute damit fahren, hält sich die eigene Begeisterung, selbst eine Runde zu drehen, in Grenzen. Mittlerweile wird mir sogar bei manchen Fahrten schlecht.“


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