Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 14.07.2019


Gesellschaft

Als Hitler knapp überlebte

75 Jahre danach wird weiter über die Motive der Verschwörer um Stauffenberg debattiert.

Nazi-Größen begutachten den Schauplatz des Stauffenberg-Attentats. Der Führer überlebte, und den Verschwörern gelang es nicht, ihren Plan für den Staatsstreich umzusetzen.

© dpaNazi-Größen begutachten den Schauplatz des Stauffenberg-Attentats. Der Führer überlebte, und den Verschwörern gelang es nicht, ihren Plan für den Staatsstreich umzusetzen.



Von Floo Weißmann

Berlin – Beinahe hätte die Weltgeschichte eine andere Wendung genommen. Der Offizier Claus Schenk Graf von Stauffenberg platzierte am 20. Juli 1944 eine Bombe unter dem Besprechungstisch, über den sich der NS-Diktator Adolf Hitler beugte.

Aus Zeitgründen hatte Stauffenberg nur die Hälfte des Sprengstoffs mit einem Zeitzünder präparieren können. Außerdem fand die Besprechung diesmal nicht in einem Bunker statt, sondern in einer oberirdischen Baracke. Das schwächte die Wirkung der Bombe ab. Es gab mehrere Tote, doch Hitler überlebte leicht verletzt und meldete sich noch am Abend desselben Tages im Radio zu Wort.

Stauffenberg und Hunderte seiner Mitverschwörer wurden hingerichtet. Dennoch ging der Oberst als „der berühmteste aller Widerstandskämpfer“ gegen das Nazi-Regime in die Geschichte ein, wie Ingrid Böhler, Leiterin des Instituts für Zeitgeschichte an der Universität Innsbruck, der TT sagte.

75 Jahre danach sorgt der Versuch des Tyrannenmords noch immer für Debatten. Zum Jahrtag sind weitere Bücher über Stauffenberg und die Operation Walküre erschienen, mit der die Verschwörer die Kontrolle im Land übernehmen wollten. Umstritten sind vor allem die Motive und die moralische Beurteilung der Widerständler. „Da war sich die Gesellschaft nach dem Krieg nie wirklich einig“, sagt Böhler.

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Die Verschwörer um Stauffenberg stammten aus der Elite: hohe Offiziere, Politiker und Beamte, vielfach mit adeligem Hintergrund. „Das waren Staatsdiener, die von ihrem Selbstverständnis her Verantwortung für das Land hatten“, sagt Böhler. Gemeinsam war ihnen wohl, dass sie die Aussichtslosigkeit des Kriegs erkannt hatten und diesen rasch beenden wollten. Das hätte Millionen Menschen das Leben gerettet. Doch was für ein Deutschland wollten sie errichten, für welche Gesinnung standen sie?

Die Verschwörung war wohl ein Zweckbündnis. Einige Verschwörer waren entsetzt über die Verbrechen des Regimes, andere waren an diesen Verbrechen beteiligt gewesen. Wieder andere wollten vielleicht im Angesicht der Niederlage ihre eigene Haut oder ihre Standesprivilegien retten.

Stauffenberg selbst hatte Hitler und Teile der NS-Ideologie anfangs unterstützt – inklusive Führerprinzip und Überhöhung des Deutschtums. Von frühen militärischen Erfolgen dürfte er angetan gewesen sein. „Irgendwann scheint dann ein Läuterungsprozess begonnen zu haben“, sagt Böhler. Aber das Deutschland, das er anstrebte, war keine liberale Demokratie. Taugt so ein Mann heute zum Helden?

„Mit dem Heldentum ist das immer so: Kein Mensch ist nur gut oder vereinigt nur solche Eigenschaften auf sich, die ihn strahlend erscheinen lassen“, sagt Böhler. Stauffenberg stehe auf jeden Fall für großen Mut.

Auch andere bewiesen Mut und bezahlten dafür mit ihrem Leben. Von den Geschwistern Scholl, die Flugblätter gegen die Nazis und den Krieg verteilten, bis zum schwäbischen Tüftler Georg Elser, der schon 1939 ganz im Alleingang versucht hatte, Hitler zu ermorden.

Das Stauffenberg-Attentat sticht heraus, weil es besonders spektakulär war und nur den Auftakt zum Staatsstreich bilden sollte. Zudem wurde es schon unmittelbar danach bekannt, weil das Nazi-Regime das Scheitern der Verschwörer propagandistisch ausschlachtete.

„Letztlich ist der Widerstand gegen den Nationalsozialismus eine Randerscheinung geblieben“, bilanziert Böhler. Der allergrößte Teil der Gesellschaft habe sich weggeduckt. Dass einige doch etwas unternommen haben, wurde später noch bedeutsam. Die Widerstandskämpfer hätten „der Nachkriegsgesellschaft das (moralische) Recht gegeben, von den Siegermächten eine Chance zu bekommen“.

Claus Schenk Graf von Stauffenberg wandelte sich vom Unterstützer zum erbitterten Gegner des Nazi-Regimes.
Claus Schenk Graf von Stauffenberg wandelte sich vom Unterstützer zum erbitterten Gegner des Nazi-Regimes.
- dpa