Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 25.07.2019


Exklusiv

Offenes Haar bei Bundesmusikfest: Musikbund kriegt sich in die Haare

Beim Bundesmusikfest in Weißenbach wurde offenes langes Haar bei Musikantinnen schriftlich bemängelt. Das sorgt für Irritationen.



Haare aufgesteckt – vorbildlich präsentierten sich diese Musikantinnen in Weißenbach – wenn es nach einem ranghohen Bewerter geht.

© Mittermayr HelmutHaare aufgesteckt – vorbildlich präsentierten sich diese Musikantinnen in Weißenbach – wenn es nach einem ranghohen Bewerter geht.



Von Helmut Mittermayr

Reutte, Innsbruck – Reutte wäre vor Lechaschau gelegen, wenn da nicht offene Haare ins Spiel gekommen wären – das erklärt der Außerferner Bezirksstabführer Roland Hohenrainer. Auf Bewertungszetteln seien Haare explizit als Mangel angeführt gewesen. Die Rede ist vom Bundesmusikfest in Weißenbach. Dort marschierten am Sonntag 36 Kapellen bei der Marschmusikbewertung mit, um aus einem Mix aus Tonalität, Auftreten, Gleichschritt und Erscheinungsbild eine möglichst hohe Punktezahl zu erreichen. Wie berichtet, hatten sich Mitglieder zweier Kapellen erregt, weil sie die Anordnung, dass Musikantinnen langes Haar gebunden tragen müssten, als Respektlosigkeit Frauen gegenüber empfanden. Der Obmann des Außerferner Musikbundes, Horst Pürstl, hatte erklärt, dass sich Kapellen, die sich nicht daran halten würden, der Gefahr aussetzen würden, beim Erscheinungsbild Abzüge zu bekommen. Damit werde eine österreichweite Übung umgesetzt und zudem den klaren Vorgaben des Tiroler Trachtenverbandes gefolgt.

Schließlich soll es am Sonntag bei Kapellen Abzüge gegeben haben, weil Musikantinnen die Haare nicht aufgesteckt oder geflochten hatten. Bezirksstabführer Roland Hohenrainer, der bei der Schlussbesprechung der Bewerter dabei war, hat dies genau so in Erinnerung. Reutte habe deshalb einen Platz eingebüßt. Übrigens ist laut Horst Pürstl das Haarthema keine lokale Auslegungssache des Bezirkes Reutte – einer der Bewerter, der auf die gebundene Haare großen Wert gelegt hatte, ist der Landesstabführer von Vorarlberg und stellvertretender Bundesstabführer Österreichs. Die TT fragte bei Erik Brugger in Dornbirn nach. Ja, er habe in Weißenbach gewertet und „Haare“ in einen Bewertungsbogen geschrieben. Vor allem bei einer Kapelle hätten sehr viele Musikantinnen die Haare frei getragen, was nicht passe. Dies sei als Hilfestellung für künftige Ausrückungen zu verstehen, nicht als Kritik. Punkte habe er dafür aber keine abgezogen. „In Vorarlberg wird das Thema sowieso viel schärfer gesehen. Offenes Haar, das ins Gesicht wehen könnte, ist nicht erlaubt. Haare dürfen auch nicht am Kragen aufstehen. Auch Sonnenbrillen und Kaugummikauen sind Thema.“

Von all dem nichts wissen will der Tiroler Landesstabführer Robert Werth, der am Sonntag in Weißenbach den Vorsitz der Bewerter innehatte. In einer schriftlichen Stellungnahme sagt er: „Ich muss mich für etwas rechtfertigen, was schlichtweg falsch ist. Abzüge für offenes Haar gibt es nicht und wird es, so lange ich Landesstabführer bin, auch nicht geben. Auch bei der Bewertung im Außerfern ist es hier zu keinen Abzügen gekommen.“

Werth weiter: „Es können auch keine Regeln von Bezirksfunktionären ausgegeben werden, auch wenn sie das vielleicht gerne hätten“, teilt er Richtung Pürstl und Hohenrainer aus. Es gehe um die Landeseinheitlichkeit bei Bewertungen. Zudem gebe es auch im Regelhandbuch keine Paragrafen über korrekte Haare, Tattoos oder Piercings. Auch wenn der Trachtenverband Tirols so eine Regelung vielleicht habe, werde sie vom Blasmusikverband nicht automatisch übernommen. Haartracht sei nicht nur bei Frauen ein Thema, es gebe genügend Männer mit langem Haar und es gebe eine persönliche Freiheit, die vom Landesverband nicht eingeschränkt werde.

Für Hohenrainer nur „schöne Worte“, die nicht den Tatsachen entsprechen würden. „Werth war der Vorsitzende der Bewerter in Weißenbach und hat persönlich jedes Ergebnis unterfertigt. Auch jenes, auf dem ausdrücklich ,Haare‘ angemerkt waren. Jetzt will er nichts mehr davon wissen und wechselt die Seite, weil es öffentlich problematisch wird.“ Die Haare der Musikantinnen seien natürlich Thema in der Schlussbesprechung der Bewerter gewesen. „Die Bürgermusikkapelle Reutte mit 91,15 Punkten liegt in Gruppe D (der besten – Anm.) nur 0,05 Prozentpunkte hinter Lechaschau mit 91,2. Offen getragene lange Haare waren der Grund, warum der dritte Platz ganz knapp verfehlt worden ist“, spielt Hohenrainer den Ball über den Fernpass zurück. Prinzipiell ist Hohenrainer die Haarfrage, ob offen oder gebunden, egal. Nur klar geregelt gehöre sie.

Auch Außerferns Musikbundobmann Horst Pürstl fehlt ein wenig der Glauben daran, „dass Haare explizit als Mangel in eine Bewertung geschrieben und dann doch keine Punkte dafür abgezogen wurden. Dass kann glauben, wer will.“