Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 25.07.2019


Gesellschaft

Ein Bischofssitz, der noch bis heute Bestand hat

Um das Jahr 50 nach Christus haben die Römer die Verwaltungsstadt Aguntum gegründet. Die Archäologen laden zu Schaugrabungen.

Der Eingang zum Forum in Aguntum wurde als Stahlgerüst nachempfunden.

© Christoph BlassnigDer Eingang zum Forum in Aguntum wurde als Stahlgerüst nachempfunden.



Von Christoph Blassnig

Dölsach – Die letzten Wochen waren zum Arbeiten ideal, sagt der wissenschaftliche Leiter der Ausgrabungen in Aguntum, Michael Tschurtschenthaler. Etwas über 20 Grad, trocken, bewölkt. Die derzeitige Hitze verlangt nicht nur dem arbeitenden Grabungspersonal einiges ab.

Grabungsleiter Michael Tschurtschenthaler führt Besucher.
Grabungsleiter Michael Tschurtschenthaler führt Besucher.
- Christoph Blassnig

Tschurtschenthaler begleitet die Ausgrabungen in der ehemaligen Römerstadt bei Dölsach seit dem Jahr 1991. Seit 2008 ist der Archäologe auch mit der Leitung betraut. Nächstes Jahr wechselt er in den Ruhestand. „Glücklicherweise konnten wir meine Nachfolge bereits regeln. Die Universität Innsbruck hat einen Wissenschafter eingesetzt, der meine Aufgaben übernehmen wird.“ Die jahrzehntelange Erfahrung mit Aguntum hat Michael Tschurtschenthaler zu einem wandelnden Lexikon werden lassen. Der Archäologe lädt zu öffentlichen Schaugrabungen auf das Gelände. Hauptsächlich junge Kräfte legen auch heuer wieder Mauern, befestigte Böden und eingestürzte Dächer der früheren Hauptstadt frei. Sorgfältig werden die Materialien geborgen, geordnet, gewogen, untersucht und katalogisiert. „Wir arbeiten einerseits am Forum, dem politischen, wirtschaftlichen und religiösen Zentrum, das die Römerstadt und das zugehörige Umland verwaltet hat“, gibt der Grabungsleiter Auskunft. „Weiters suchen wir im ehemaligen Handwerkerviertel nach neuen Erkenntnissen.“ Fragen beantwortet der Wissenschafter mit viel Geduld. Auch Gerüchte und Auseinandersetzungen zwischen Gelehrten in der Grabungsgeschichte weiß der Archäologe einzuordnen. Seine lebhaften Beschreibungen lassen die einstmaligen Funktionen der antiken Mauern und Plätze erkennen, vor dem geistigen Auge wird das Dasein der Menschen in der Stadt wieder lebendig.

Der Fachmann berichtet zum Beispiel von der seltsam anmutenden Tatsache, dass die ehemalige Bischofsstadt Aguntum bis heute ein Titularbistum geblieben ist. „Ein Bischofssitz vergeht nicht, auch wenn es die zugehörige Stadt gar nicht mehr gibt“, erklärt Tschurtschenthaler den überraschten Gästen. Der Weihbischof von Rio de Janeiro in Brasilien ist daher seit Oktober 2017 zugleich Titularbischof von Aguntum.

Schließlich erläutert der Grabungsleiter die Methoden der Konservierung. Die freigelegten Mauern werden nach der Dokumentation wieder vergraben. Genau darüber errichten Fachleute mit einigem Abstand neue Mauern, die den Besuchern des Freilichtmuseums zur Anschauung dienen. Dank moderner Technologie entsteht ein 3D-Modell. Die zweite Schaugrabung findet am 7. August um 14 Uhr statt.

Wo wissenschaftliches Personal gerade Bruchstücke von Dachziegeln aus Ton freilegt, erfahren Besucher einer Schaugrabung von deren Herkunft.
Wo wissenschaftliches Personal gerade Bruchstücke von Dachziegeln aus Ton freilegt, erfahren Besucher einer Schaugrabung von deren Herkunft.
- Christoph Blassnig