Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 04.08.2019


Tirol

Heft über Fahnen und Ferggelen: Keine Rückansicht von Maria

Chronos Thaur hat ein Heft über Fahnen und Ferggelen erstellt. Bei Prozessionen schauen Statuen zum Allerheiligsten, in Grinzens nicht.

Prozession in Thaur: Das Ferggele wird in Richtung des Allerheiligsten getragen. In Grinzens schaut es zu den Frauen.

© MeixnerProzession in Thaur: Das Ferggele wird in Richtung des Allerheiligsten getragen. In Grinzens schaut es zu den Frauen.



Von Alexandra Plank

Innsbruck – „Was haben kleine Schweine mit einer Prozession zu tun?“, fragen sich Unwissende angesichts der „Ferggelen“ bei Prozessionen in Thaur mitunter. Josef Bertsch und Fritz Gostner vom Verein Chronos Thaur haben jetzt Abhilfe geschaffen: Ein kleines, feines Heft (8 Euro, erhältlich bei der Romedius-Apotheke) dokumentiert die örtlichen Kirchenfahnen und eben auch die sogenannten „Ferggelen“. Letztere sind Heiligenfiguren, die bei einer Prozession mitgetragen werden. So wie bei den Fahnen reicht auch ihre Geschichte weit zurück, erfährt man. „Ferculi“ nannten die Römer die Tragegestelle, auf denen sie bei Umzügen Gottheiten deutlich sichtbar der Menge präsentierten.

Mit dem Aufkommen christlicher Prozessionen im Mittelalter wurde diese Tradition übernommen, nur waren nun die Statuen verschiedener Heiliger gemeint. In Thaur gibt es nach Aussagen von Bertsch drei große und drei kleine Prozessionen.

Im Westlichen Mittelgebirge sind in den meisten Dörfern nur mehr zwei große Prozessionen üblich, in Axams und Grinzens indes vier. „Die wichtigste Prozession ist die Fronleichnamsprozession“, erklärt Pfarrer Ernst Jäger. Mit dieser Prozession wollten die Katholiken den Protestanten klarmachen, dass Gott für sie in Brot und Wein gegenwärtig ist. Die Protestanten glauben nicht an diese Wandlung. Die erste Sa­kramentsprozession fand 1273 in Benediktbeuern in Bayern statt. Auch zu Maria Himmelfahrt am 15. August gibt es in Grinzens eine Prozession. „Obwohl das mitten in der Ferienzeit ist, sind die Vereine mit vollem Einsatz dabei“, sagt Jäger. An sich seien Umgänge sehr beliebt, aber eher aus Tradition als aus Glaubensgründen.

Eine Frage rund um die Heiligenfiguren beschäftigte auch die Grinziger. Irgendwer wollte wissen, wie diese zu tragen seien. Sollen die Statuen zum Allerheiligsten blicken oder weiter zu den betenden Frauen schauen? Maria Haider, Obfrau des Pfarrgemeinderates, erzählt, dass erst die Meinung herrschte, alles müsse aufs Allerheiligste ausgerichtet sein. „Die Frauen sahen Maria als Mittlerin und wollten nicht die Rückenansicht anbeten.“ Intensive Nachforschungen ergaben: Das kann man so oder so machen. Und die Grinziger machen es, nach einer kurzen Hinterfragung, nun eben wieder so, wie sie es immer gemacht haben.