Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 11.08.2019


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„Das versteht kein Kind“: Debatte in Tirol über Alter der Einschulung

Schulreife und ein Stichtag: Kinder, die im August sechs Jahre alt werden, gelten als schulpflichtig. Kritiker fordern eine individuelle Beurteilung.

„Es müssen nicht alle an der Startlinie stehen, nur weil sie sechs Jahre alt sind“, sagt der Psychologe Johannes Achammer.

© Getty Images„Es müssen nicht alle an der Startlinie stehen, nur weil sie sechs Jahre alt sind“, sagt der Psychologe Johannes Achammer.



Von Michaela S. Paulmichl

Innsbruck – Der nahende Termin der Einschulung mehrerer Tausender Kinder in Tirol wirft für viele Eltern Fragen auf: Ist es für ihr Kind der richtige Zeitpunkt oder zu früh? Im August Geborene sind fast ein Jahr jünger als andere, die im September schon ihren siebten Geburtstag feiern. In Österreich beginnt die allgemeine Schulpflicht mit dem auf die Vollendung des sechsten Lebensjahres folgenden 1. September, so der Wortlaut im Gesetz. „Nach unserer Rechtsauslegung haben aber auch Kinder, die erst an diesem Tag geboren wurden, am 31. August bereits ihr sechstes Lebensjahr vollendet und sind damit schon schulpflichtig“, heißt es aus der Bildungsdirektion.

Für am und ab dem 2. September Geborene heißt es also noch ein Jahr warten, außer die Eltern veranlassen eine Schulreifeüberprüfung, die direkt an einer der rund 360 Tiroler Volksschulen durchgeführt wird.

Über die Sinnhaftigkeit von Stichtagen wird immer wieder diskutiert, wie derzeit gerade in Deutschland, wo die Termine je nach Bundesland von Juni bis Ende September angesetzt sind. Kritiker fordern eine genauere Beurteilung des Kindes nicht nur nach dem Alter.

Das derzeitige System funktioniert, sagt der klinische Psychologe Johannes Achammer, er ist auch Diplom-Pädagoge und unterrichtet Mathematik, Geografie und Informatik an einer Neuen Mittelschule. Aber natürlich sei es sinnvoller und auch wünschenswert, sich den Entwicklungsstand der Kinder genauer anzuschauen. „Um sich ein gutes Bild von einem Kind machen zu können, müssen die motorischen, kognitiven und sozialen Fähigkeiten untersucht werden.“

Achammer führt selbst in seiner Praxis Diagnosen zur altersgemäßen Entwicklung durch. „Das sind ausführliche klinisch-psychologische Testungen, bei denen festgestellt werden kann, in welchen Bereichen es Förderungsbedarf gibt. Es gibt aber nicht ,das‘ ideale oder schwache Kind, da ist die Spannungsbreite sehr groß“, rät er von zu frühen Normierungen ab.

Haben die Eltern die Ausbildung ihres Kindes früher ausschließlich den Lehrern überlassen, geht es heute sehr oft um die Frage, wie sie ihr Kind zusätzlich fördern können. Und dabei wollen viele nichts dem Zufall überlassen. Achammer: „Das fängt schon bei der Auswahl der Schule an, dass sich manche auch die privaten Volksschulen anschauen.“ Der Schulbeginn zählt als großer Einschnitt und wird den Kindern auch so vermittelt – als Ernst des Lebens, und da ist es sehr wichtig, den Start gut hinzubekommen.

Achammer: „Manche gönnen ihrem Kind aber noch einmal ein Jahr, in dem es sich noch entwickeln kann. Es müssen nicht alle an der Startlinie stehen, nur weil sie sechs Jahre alt sind!“ Vor allem junge Eltern seien sehr leistungsorientiert, „ihnen sage ich, dass sie nicht ein Kind bekommen haben für eine Leistungsgesellschaft, sondern weil sie an seiner Entwicklung teilhaben wollen“.

Der Leistungsdruck beginne ohnehin zu früh, „in den ersten beiden Jahren ist es in der Volksschule noch nett, dann geht es schon darum, ins Gymnasium zu kommen. Mit neun stellen sich schon die Weichen für das spätere Leben, das versteht kein Kind.“