Letztes Update am Di, 13.08.2019 06:53

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Bezirk Kufstein

Abfallberater Manfred Zöttl: „Umweltpolitik ist nicht bequem“

Trendwende oder populistische Kosmetik: Wie stark ist das Bewusstsein für das Thema Müll? Abfallberater für den Bezirk Kufstein und stv. Obmann des Umweltvereins Tirol, Manfred Zöttl, gibt Einblicke in die Welt des Abfalls.

Abfallberater Manfred Zöttl: "Wer glaubt, nur weil er ein E-Auto fährt, hat er schon seinen Beitrag geleistet, liegt falsch.“

© HrdinaAbfallberater Manfred Zöttl: "Wer glaubt, nur weil er ein E-Auto fährt, hat er schon seinen Beitrag geleistet, liegt falsch.“



Vor vier Jahren wurde Kufstein zur saubersten Stadt Österreichs ernannt. Seither hat sich Umweltbewusstsein zu einem regelrechten Trend entwickelt. Spiegelt sich das auch in den Mülleimern wider?

Manfred Zöttl: Wir leeren allein in Kufstein 7000 Restmülltonnen und 3000 Biotonnen. Man spürt, das Umweltbewusstsein im Bezirk ist größer geworden. Bei Veranstaltungen wie „Stopp den Plastikwahn“ (die Tiroler Tageszeitung berichtete – Anmerkung der Redaktion) wäre vor Jahren keiner gekommen. Heuer hatten wir über 100 Zuhörer.

Wer das Thema Abfall angreift, landet schnell beim Thema Klimaschutz. Kufstein hat ja nun den Klimanotstand ausgerufen, wie sinnvoll finden Sie das?

Zöttl: Kufstein alleine wird die Welt nicht retten. Aber es geht darum, Zeichen zu setzen und immer mehr Bürger mitzureißen – so wie Greta Thunberg es auch gemacht hat. Die Stadt wird die Bevölkerung heuer auch aufrufen, an Silvester auf private Feuerwerke zu verzichten.

14 % des Restmülls sind originalverpackte Lebensmittel.
14 % des Restmülls sind originalverpackte Lebensmittel.
- APA (dpa)

Im schönen Land Tirol geht man gerne davon aus, dass man an den Müllinseln in den Ozeanen keine Schuld trägt ...

Zöttl: Das ist freilich nicht wahr. Mikroplastik – wie es etwa in diesen selbstauflösenden Tabs für die Waschmaschine enthalten ist – wird über das Abwasser in die Flüsse bis ins Meer getragen. Man sollte auch daheim möglichst weg vom Plastik.

Auch die Stadt Kufstein geht mit gutem Beispiel voran. Beim heurigen Weinfest haben wir in zwei Tagen nur 90 kg Restmüll zusammengebracht, weil es Pfandgläser und -geschirr gab. Bei Kufstein unlimited haben wir heuer 1000 Glasflaschen aus dem Müll gefischt – wir werden nächstes Jahr sicher noch mehr Glasmüllbehälter aufstellen.

Wer ist der größere Müllsünder, wer produziert am meisten davon – Unternehmen oder Privatpersonen?

Zöttl: Schon die Firmen. Aber: Wir verarbeiten 14.000 Tonnen Siedlungsabfälle pro Jahr im Bezirk. 14 Prozent des privaten Restmülls sind originalverpackte Lebensmittel.

Ist Umweltbewusstsein eine Generationenfrage?

Zöttl: Ja, ich denke schon. Mir fällt auf: Ältere Menschen haben mehr einen „Sammlerinstinkt“ und trennen sich nicht so schnell von Dingen. Jüngere hingegen kaufen sich ständig neue Sachen, Smartphones beispielsweise. Sie entsprechen mehr der Wegwerfgesellschaft.

Was ist nun effektiver, der Appell an die Vernunft – Stichwort Bewusstsein schaffen – oder braucht es zwingend gesetzliche Vorgaben?

Zöttl: Die Politik ist hier mit Verboten gefordert. Das geht bei den Plastiksackerln schon in die richtige Richtung. Wir haben hier in der Stadt Kufstein auch große Probleme, weil die immer wieder im Biomüll landen. Umweltpolitik ist nicht bequem, aber man kann viel damit leisten.

Wenn die Regeln „von oben“ kommen, wie kann man dann als Einzelner etwas bewirken?

Zöttl: Ganz einfach, wenn z. B. Lebensmittel in Plastik verpackt sind, die es nicht sein müssten: nicht kaufen, nicht verwenden. Der Kunde schafft an – wenn es im Regal liegen bleibt, wird es irgendwann nicht mehr angeboten. Wer glaubt, nur weil er ein E-Auto fährt, hat er schon seinen Beitrag geleistet, liegt aber falsch.

Wie sieht es mit gefährlichen Abfällen aus – Stichwort geplante Asbestlager in Schwoich und Kufstein. Wie und wohin sollen wir das entsorgen?

Zöttl: Dazu möchte ich mich nicht äußern, das Thema ist derzeit sehr emotional besetzt und etwas heikel.

Das Gespräch führte Jasmine Hrdina