Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 31.08.2019


Tirol

„Alles außer fern“: Von Russland nach Reutte

Jahrelang war Ksenia Konrad überzeugt, auf Deutsch könne man nur streiten. Nun hat die Russin, die in Reutte lebt, ein Buch über ihre Erfahrungen als Deutschtrainerin geschrieben.

Ksenia Konrad wuchs in russischen Städten wie Moskau auf. Darum war der Umzug in den Reuttener Talkessel, wo sie von Natur umgeben ist, eine große Umstellung.

© Ksenia Konrad wuchs in russischen Städten wie Moskau auf. Darum war der Umzug in den Reuttener Talkessel, wo sie von Natur umgeben ist, eine große Umstellung.



Von Judith Sam

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Reutte – Wenn es einen Plusquamperfekt gibt, müsste es dann nicht auch einen Minusquamperfekt geben? Und warum ist die Rede von Leitungswasser, obwohl das Wort Wasserhahnwasser viel naheliegender wäre?

Mit Fragen wie diesen schlägt sich Ksenia Konrad herum. Die gebürtige Russin, die der Liebe wegen vor elf Jahren nach Tirol gezogen ist, hat schon so manchen an den Rand des Wahnsinns getrieben. In der besten Absicht, versteht sich: „Ich bin hier nämlich Deutschtrainerin für Migranten und für Schüler des Lehrabschlusses im zweiten Bildungsweg.“

Deren größte Herausforderung sind nicht die unzähligen Grammatikregeln, sondern die Logik der Sprache zu verstehen. „Kürzlich habe ich erklärt, dass man ,das‘ rote Kleid ebenso sagen kann wie ,dem‘ roten Kleid. Je nachdem, welcher Fall gefragt ist. Daraufhin fragte ein Schüler, was man bei grünen Kleidern sagt“, schmunzelt die 37-Jährige, die einen Reuttener geheiratet hat.

Sie ist überzeugt, dass vielen Einheimischen nicht klar ist, wie komplex die deutsche Sprache ist: „Im Russischen ist es egal, an welcher Stelle des Satzes das Verb steht. In Tirol gilt: Es steht immer an zweiter Stelle. Außer bei Fragen – da ist das Verb auf Platz eins und bei Nebensätzen das Schlusslicht. Diese Details machen meine Schüler verrückt.“

Trotzdem sieht die Mutter einer Tochter den Spracherwerb als Grundstein einer gelungenen Integration: „Diese bedeutet für mich, dass ich ankomme, mich wohl fühle und zu mir selbst finde. Dafür muss ich verstehen, was um mich herum passiert – was lediglich möglich ist, wenn ich die Sprache der Einheimischen spreche.“ Doch trotz ihres Studiums der Germanistik in Moskau, das sie mit ausgezeichneten Noten absolviert hat, hatte auch Konrad mit Sprachbarrieren zu kämpfen.

Kein Wunder, zog sie doch nach Reutte, wo Deutsch für Experten gesprochen wird, um es charmant zu sagen: „In keinem Wörterbuch konnte ich nachlesen, was Worte wie ,Säckle‘, ,auffi‘, ,ummi‘ ,des hob i mia gedenkt‘ oder ,bärig‘ bedeuten. Darum waren die Unterhaltungen hier anfangs eher Monologe meines Gegenübers als Gespräche.“

Wenn Konrad heute mit Außerferner Dialekt um sich wirft, kann man nur schwer erahnen, dass sie keine Muttersprachlerin ist: „Es war ein langer Weg hierher, vom ersten Mal, als ich Deutsch gehört habe. Damals kannte ich die Sprache nur aus dem Fernsehen – aus Kriegsfilmen, wo ich nur Befehle und Geschrei hörte. Darum war ich lange der Meinung, auf Deutsch könne man nur streiten.“

Doch Konrads Lehrerin in der russischen Stadt Ryazan belehrte sie eines Besseren. „Ihr Deutsch hatte einen wunderbaren Klang, eine melodische Farbe. Das hat mich so verzaubert, dass ich Deutsch als Fremdsprache wählte“, schwärmt die Autorin.

Um Lernenden Mut sowie Tipps – gewürzt mit kleinen Anekdoten und Erfahrungen – zu geben, schrieb Konrad das Buch „Alles außer fern“, das demnächst im Haymon Verlag erscheint: „Es richtet sich an alle, die mit Ausländern arbeiten, neben ihnen wohnen oder sich ein Bild abseits der Fernsehberichterstattung über die Situation machen wollen.“

Einer der Tipps darin lautet, dass man die Motivation, sich zu integrieren, nicht in Lehrbüchern findet: „Sondern in der Region, in der man nun lebt. Darum ist es mir wichtig, mit meinen Schülern in die Natur zu gehen, dass sie ihr neues Umfeld kennen lernen. Wir sind etwa oft bei der Ruine Ehrenberg anzutreffen.“

Konrad selbst musste die Liebe zur schroffen Tiroler Landschaft erst lernen: „Als Stadtmensch war ich mit diesen vielen Felswänden und hohen Bergen anfangs etwas überfordert. Ich hatte noch nie zuvor so viel Natur um mich herum gesehen.“ Doch nach einigen Monaten in Tirol begann sie zu wandern: „Heute sehe ich das Leben aus einer anderen Perspektive, wenn ich auf 2000 Metern stehe und zum Horizont blicke. Dort oben, auf den Gipfeln, habe ich die schönsten Momente meines Lebens verbracht und gelernt, die Heilkraft der Tiroler Natur zu nutzen.“

Diese Landschaft könnte auch eine Erklärung sein, warum Tiroler entspannter sind als Russen: „Im Grunde ähneln sich die Mentalitäten. Doch das Lebenstempo variiert. In Russland herrscht mehr Konkurrenzdruck. Die Freizeitgestaltung spielt nur eine kleine Nebenrolle. In Reutte habe ich erst gelernt zu genießen.“

Umso glücklicher ist Konrad, nun hier zu wohnen: „Wobei ich gestehen muss, dass ich anfangs dachte, es gebe nur zwei Gründe, nach Reutte zu ziehen: „Der Liebe wegen oder um im Plansee-Unternehmen zu arbeiten. Ich habe mich für die romantische Variante entschieden.“

Der Reuttener Talkessel.
Der Reuttener Talkessel.
- Thomas Böhm