Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 22.09.2019


Exklusiv

Schafe scheren in Rekordzeit: „Wer es mit Kraft tut, hat verloren“

Ein Mann, 140 Schafe, drei Stunden. Vizemeister Felix Riedel macht beim Scheren in Axams klar: So schaut die Kür aus.

Felix Riedel setzt die Schafe vor sich hin. Er hat eine eigene Apparatur, die das Kreuz entlastet. Er befreit das Schaf von der Wolle, so wie man ihm einen Pyjama auszieht.

© Felix Riedel setzt die Schafe vor sich hin. Er hat eine eigene Apparatur, die das Kreuz entlastet. Er befreit das Schaf von der Wolle, so wie man ihm einen Pyjama auszieht.



Von Alexandra Plank

Axams — Betritt man den Stall des Tellishofs in Axams, fällt auf, dass es abgesehen vom Surren des Scher-Apparats still ist. Von den 140 Schafe­n, die geduldig warten, ist nur vereinzelt ein Blöken zu hören.

Die Schafe blicken neugierig der Rasur entgegen.
Die Schafe blicken neugierig der Rasur entgegen.
- Michael Kristen

Der Axamer Züchter Hermann Freisinger, er hat schon viele Auszeichnungen eingeheimst, führt seine Tiere zum Scherer. „Wenn man sich viel mit den Schafen abgibt, sind sie wie Hunde", sagt er stolz. In Axams hat die Schafzucht Tradition. Der örtliche Verein entstand sogar noch ehe der landesweite Verband vor 82 Jahren gegründet wurde. Nicht zum ersten Mal war der Ort im Westlichen Mittelgebirge Vorreiter: Die wehrhaften Axamer, so geht die Historie, waren die Auslöser für den Tiroler Volksaufstand 1809, — aber das ist eine andere Geschichte.

Schnell, aber mit höchster Konzentration

Freisinger erzählt indes, wie sich das Schafscheren verändert hat: „Früher haben sich einige Bauern getroffen. Man ist auf einer Langbank gesessen und hat die Wolle mit der Schere heruntergeschnitten." Eine halbe Stunde habe man gebraucht, um ein Schaf von der Wolle zu befreien. Der reisende Schafscher-Profi Felix Riedel, der aus der Schwäbischen Alb stammt, erledigt das in einer bis längstens zwei Minuten pro Schaf. Er ist in der Saison — im Frühjahr und im Herbst — in Bayern, Tirol und Vorarlberg unterwegs.

Der deutsche Vizemeister im Schafscheren arbeitet mit höchster Konzentration und Präzision. Wortspenden sind spärlich, er wird ja nicht fürs Reden bezahlt. Zügig befreit er die Tiere aus der Wolle, als würde er ihnen einen Pyjama ausziehen. Das Tier wird ihm vom Bauern gebracht, er setzt es vor sich hin, dann beginnt er beim Bauch zu scheren. Das Schaf starrt vor sich hin, nur manche widerborstige Exemplare strampeln, wenn die Beine enthaart werden. „Felix ist sehr geschickt, er weiß, wie er die Tiere anpacken muss. Er ist schnell, dennoch werden die Schafe nicht verletzt."

Indes bitten wir den Schafscherer, für das ­Video ein Tier ganz langsam zu entkleiden. „Langsam kann ich es nicht", sagt er.

200 Schafe an einem Tag geschert

Der Schwabe hat sich sein eigenes Gerät gebaut, mit dem er von Hof zu Hof fährt. Er hängt in einem Bauchgurt, damit die Wirbelsäule entlastet ist. Ein Motor, der die Schermaschine antreibt, garantiert, dass ihm nicht der Saft ausgeht. Die Schafe müssten unterschiedlich behandelt werden, sagt Riedel. Widder seien nicht nur wegen der Geschlechtsteile schwieriger zu scheren, sondern man habe es gleich mit viel mehr Gewicht zu tun. Einmal habe er an einem Tag 200 Schafe von der Wolle befreit. Ob ihm da die Handsehnen geschmerzt hätten? „Wenn du es mit Kraft probierst, hast du schon verloren", definiert der Schafscherer seine Arbeitsweise.

Es komme auf die Technik an. Diese hat er in Kursen gelernt, den Lehrberuf des Schafscherers gibt es nicht. Er sei auch zu Übungszwecken in Neuseeland gewesen. Bei wem es jetzt klingelt — Schafe und Dornenvöge­l —, der ist erstens nicht mehr jung und hat sich zweitens im Land geirrt (Australien).

Hermann Freisinger wendet die Handschere für den letzten Schliff bei Ausstellungen an.
Hermann Freisinger wendet die Handschere für den letzten Schliff bei Ausstellungen an.
- Michael Kristen

Wie lange braucht es, bis man ein guter Schafscherer wird? „Ein Profi hat mir gesagt, nach 10.000 Schafen hast du eine Idee davon, wie es gehen könnte." Die Arbeit sei gut bezahlt, genaue Zahlen sind ihm nicht zu entlocken.

Sonnenbrand-Gefahr

Freisinger erklärt, dass der Preis der Wolle gestiegen sei, die Kosten für die Schur aber immer noch nicht abdecke: „Es ist wichtig, dass die Tiere geschoren werden, sonst ist ihnen im Winter im Stall viel zu heiß." In diesen traumhaften Herbsttagen dürfe man die Frischgeschorenen nicht vor die Tür lassen, da sie sonst einen Sonnenbrand bekommen würden. Freisingers teuerster Zuchtwidder koste 10.000 Euro. Zum Friseur müssen die Schafe von klein auf. „Durch die Schur verfilzt sich die Wolle nicht, sie kommt schöner nach, die Tiere sind besser genährt und gesünder."

Schafe in Tirol: Drittgrößter Bestand und zentrale Rolle bei Almerhalt

  • Statistik: Laut Jahreserhebung 2018 gibt es 16.097 Schafbetriebe in Österreich. Das sind 450.934 Schafe. In Tirol bestehen 2804 Betriebe mit 84.598 Tieren. 15.186 sind Zuchttiere, die von 1600 Züchtern betreut werden. Tirol verzeichnet den drittgrößten Schafbestand hinter Niederösterreich und der Steiermark in Österreich. Ein Betrieb hat durchschnittlich 30 Schafe.
  • Beweidung: Schafe fressen harte Gräser und dämmen die Verbuschung auf der Alm ein. Durch ihr geringes Körpergewicht ist eine Festigung der Hänge möglich — Schutz vor Erosion. Deshalb werden Schafe auch als „goldene Klaue" bezeichnet.
  • Vermarktung: Jährlich werden rund 1000 Zuchttiere bei fünf Versteigerungen des Tiroler Schafzuchtverbandes versteigert. Schlachtlämmer und Altschafe werden vorwiegend über regionale Kleinmetzgereien, Schlachtereien, Gastronomie sowie über die Tiroler Lamm- und Wollverwertung vermarktet. Es gibt auch innovative Direktvermarkter, die die Veredelung forcieren.