Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 06.10.2019


Gesellschaft

Ausbildungspflicht bis 18 Jahre: Förderungen statt Strafen

Seit drei Jahren gilt das Ausbildungspflichtgesetz. Heuer wurden in Tirol 263 ausgeschiedene Jugendliche positiv begleitet. Viele bleiben noch auf der Strecke.

Für viele Jugendliche ist ein Jugendcoaching der erste Schritt in die Ausbildungsstätten. Diese Form der Betreuung ist Bestandteil der Programme im Rahmen der Ausbildungspflicht bis 18.

© Getty ImagesFür viele Jugendliche ist ein Jugendcoaching der erste Schritt in die Ausbildungsstätten. Diese Form der Betreuung ist Bestandteil der Programme im Rahmen der Ausbildungspflicht bis 18.



Von Sabine Strobl

Innsbruck – Eine Ausbildung im Sack zu haben, bedeutet Zukunft. Doch rund 5000 Jugendliche jährlich verlassen in Österreich das Ausbildungs- und Bildungssystem frühzeitig. Sie tragen ein mehrfaches Risiko, ungelernte Arbeiter zu werden und von Arbeitslosigkeit betroffen zu sein. Ein Fünftel von ihnen ist armutsgefährdet. Vor drei Jahren wurde die Ausbildungspflicht bis 18 Jahre in Österreich eingeführt und ein ausgeklügeltes Netz von Maßnahmenangeboten aufgebaut. Doch noch bestehen in der Bevölkerung Vorurteile gegenüber dem Ausbildungspflichtgesetz. Mehr Aufklärung ist gefragt. Noch können viele Jugendliche, welche die Ausbildungspflicht nicht erfüllen, nicht erreicht werden. Auch der Weg, Jugendlichen mit psychischen Problemen oder besonderen Bedürfnissen gerecht zu werden, ist noch ein langer. Das ergab eine Anfrage bei den beteiligten Institutionen in Tirol.

Bis 30. September wurden heuer in Tirol 263 Jugendliche, die aus gängigen Schul- und Ausbildungsstätten herausfallen, in eine Betreuung aufgenommen (österreichweit 2261 Jugendliche).

Nicht alle Jugendlichen sind auf der „Butterseite“ gelandet, wie Maria Steibl von der Tiroler Arbeitsmarktförderungsgesellschaft sagt. „Eine Ausbildung ist aber existenziell wichtig. Wann, wenn nicht in diesem Alter, sollen junge Menschen etwas lernen?“ Ihr ist vor allem wichtig, dass die Jugendlichen eine Ausbildung oder Teilqualifikation abschließen, auch wenn sie später einer komplett anderen Arbeit nachgehen. Die Zeiten seien vorbei, in denen man keinen Beruf erlernen musste, um sein Auslangen zu finden. In Tirol werden derzeit laut Sozialministeriumservice etwa 60 Prozent der Jugendlichen, die nicht mehr in den Ausbildungs- und Bildungsstätten gemeldet waren, wieder in einen Ausbildungsweg begleitet. Die anderen können nicht erreicht werden oder haben den Kontakt wieder abgebrochen.

Was kann getan werden? „Es braucht noch mehr Aufklärung über dieses Angebot“, meint Steibl. Die Kanäle dazu wären offene Jugendarbeit, Schulen und Gemeinden. „Es ist unsere Pflicht, dass wir die jungen Menschen nicht ausgrenzen, sondern mitnehmen in unserer schnelllebigen Gesellschaft.“

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Auch das AMS ist Bestandteil des Netzwerkes, das Jugendliche in ihrem Weg zu einer Ausbildung mit Abschluss unterstützt. Jugendlichen wird bei der Orientierung und der Lehrstellensuche geholfen. Bei Bedarf werden eine überbetriebliche Lehre oder Teilqualifikationen angeboten. Anfänglich gab es einige Anfragen von Eltern, berichtet Theresa Muigg, Jugendbeauftragte beim AMS Tirol. Sie waren etwa besorgt, dass ihr Kind nicht rasch genug eine Lehrstelle findet. Mittlerweile verliere die Ausbildungspflicht bis 18 aber den Touch eines „Schreckgespenstes“.

Ein Viertel der betroffenen Jugendlichen wird durch Jugendcoaching, das vom Sozialministeriumservice (SMS) finanziert wird, für eine Ausbildung vorbereitet. Das kann auch heißen, aus überaus schwierigen Verhältnissen in einen funktionierenden Alltag zu finden, weiß Philipp Möller, Projektleiter von ARGE Jugendcoaching Tirol. Es kommen verschiedenste Einstiegswege in Frage, von der verlängerten Lehre bis zu Produktionsschulen. Zumal die Anforderungen an Lehrlinge infolge der Digitalisierung steigen. „Es ist wichtig, dass alle Jugendlichen eine Chance bekommen“, betont Möller. „Grundsätzlich kommen Jugendliche mit dem großen Wunsch, eine Ausbildung zu machen.“

Seit einem Jahr können Eltern bei Nichterfüllen der Ausbildungspflicht mit Geldstrafen belangt werden. Bislang gab es keine Sanktionen. „Es geht nicht um Strafen, sondern um die Zukunft der Jugendlichen“, so Steibl.

Abläufe im neuen Ausbildungspflichtgesetz

Meldung. Das Meldesystem erfasst Zu- und Abgänge Jugendlicher in bzw. aus Bildungs- und Ausbildungssystemen in Österreich. Jugendliche, welche die Ausbildung verlassen und nach vier Monaten in kein anderes System eintreten, werden der Koordinierungsstelle im Bund verschlüsselt gemeldet. Die Koordinierungsstelle in Tirol nimmt Kontakt zum Jugendlichen auf.

Reaktionskette. Ein Netzwerk (Jugendcoaching, AMS, Land Tirol, Arbeitsmarktförderungsgesellschaft etc.) unterstützt Jugendliche, um der Ausbildungspflicht nachzukommen.

Sanktionen. Der Strafrahmen beträgt 100 bis 500 Euro beim ersten Verstoß.