Letztes Update am Sa, 05.10.2019 07:19

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Thema des Tages

Halbe-Halbe beim Regieren: Österreich, Hochburg der Männer

Die Übergangsregierung schaffte, woran Sebastian Kurz arbeiten könnte: Parität zwischen den Geschlechtern in der Regierung. EU-Chefin van der Leyen wollte Halbe-Halbe. Davon ist die Wirtschaft weit entfernt.

EU-Kommissarin Ursula von der Leyen setzte in ihrer Wunsch-Kommission auf Halbe-Halbe. Das EU-Parlament könnte ihr einen Strich durch die Rechnung machen. Ob die Quote nach den Hearings hält, ist ungewiss.

© AFPEU-Kommissarin Ursula von der Leyen setzte in ihrer Wunsch-Kommission auf Halbe-Halbe. Das EU-Parlament könnte ihr einen Strich durch die Rechnung machen. Ob die Quote nach den Hearings hält, ist ungewiss.



Von Anita Heubacher

Innsbruck – Bis die nächste Bundesregierung steht, dürft­e es noch ein Weilchen dauern. Die Übergangsregierung bescherte Österreich mit Brigitte Bierlein die erste Bundeskanzlerin und das erste Kabinett, in dem gleich viele Frauen wie Männer saßen.

Je nach Regierungsbeteiligung drückt oder hebt der Koalitionspartner die Frauen­quote. Im Bund senkte die FPÖ den Frauenanteil bei Türkis-Blau auf 37,5 Prozent, die ÖVP hätte mehr zustande gebracht. In Tirol profitiert die ÖVP vom 100 Prozent Frauenanteil bei den Grünen. Zwei Landesratsposten, zwei Frauen. Das achtköpfige Kabinett von Landeshauptmann Günther Platter bringt es damit auf 50:50.

ÖVP-Chef Kurz sondiert. Türkis-Blau brachte es samt Staatssekretäre in der Regierung auf einen Frauenanteil von 37,5 Prozent.
ÖVP-Chef Kurz sondiert. Türkis-Blau brachte es samt Staatssekretäre in der Regierung auf einen Frauenanteil von 37,5 Prozent.
- APA

Ist Tirol reif für die erst­e Landeshauptfrau? Diese Frag­e mag die erste Landtagspräsidentin im Land Sonja Ledl-Rossmann von der ÖVP nicht beantworten, gilt Ledl-Rossmann doch als mögliche Thronfolgerin. In ferner Zukunft, denn Platter sitzt sehr fest im Sattel. Die Landtagspräsidentin findet es „ein gutes Mittel“, dass ihre Partei unter Sebastian Kurz ein Reißverschluss­system eingeführt hat. Auf kommunaler Ebene sei dies aber schwer zu halten. „Wir brauchen die Frauen, die Ja sagen und Verantwortung übernehmen wollen.“

Ja gesagt hat offensichtlich Ursula von der Leyen. Die künftige Chefin der EU-Kommission zittert derzeit um die Zusammensetzung ihres Kabinetts. Die Hearings im Europäischen Parlament laufen und die gilt es zu bestehen. Von der Leyen hat jedenfalls auf Gleichberechtigung gesetzt. In ihrem Wunschkabinett wären 13 Frauen und 14 Männer gesessen. Ob sich das am Ende ausgeht, entscheiden die Parlamentarier und die Nationalstaaten, die die Kommissare entsenden. Ist halbe-halbe beim Regieren im Vormarsch? Politologin Kathrin Stainer-Hämmerle sieht „ein schönes Signal“, das Bierlein und von der Leyen gesetzt hätten, und hofft auf einen „Lerneffekt“. Allerdings will Stainer-Hämmerle das nicht überbewerten. „Die EU-Regierung ist weit weg vom Bürger und von einer Wahl, ebenso wie die Übergangsregierung unter Bierlein, die ebenso nicht zur Wahl stand.“ Je näher zum Bürger, desto mehr dünnt sich der Frauenanteil aus. Die geringste Frauenbeteiligung gibt es immer noch auf kommunaler Ebene. „Das liegt an den Rahmenbedingungen, aber auch an den Frauen selbst“, sagt Stainer-Hämmerle. Die Politologin nimmt in den letzten Jahren einen „Rückzug auf das Traditionelle“ wahr. Gesamtgesellschaftlich würde die Work-Life-Balance und nicht mehr so sehr die Karriere­leiter im Vordergrund stehen. Jetzt ist die Politik noch weit von der Gleichstellung entfernt, noch bitterer wird es in der Wirtschaft. „Eliten rekrutieren sich selbst“, sagt Stainer-Hämmerle. „Und die Eliten sind immer noch zu weiß, zu katholisch und zu sehr von denselben Unis.“

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In den Aufsichtsräten finden sich in Österreich im Schnitt 26 Prozent Frauen. In Tirol gibt es selbst in öffentlichen Betrieben rein männlich besetzte Aufsichtsräte. Die Innsbrucker Verkehrsbetriebe gehören der Stadt und dem Land. Die Anzahl der Frauen im Aufsichtsrat betrug letztes Jahr trotzdem null. Beim landeseigenen Energieversorger, Tiwag ist es anders. Da sitzt Hannelore Weck-Hannelor­e im Aufsichtsrat. Die Universitäts-Professorin hat sich seit den 80er-Jahren mit dem Thema Gleichberechtigung auseinandergesetzt. Damals sei sie der Quote sehr skeptisch gegenübergestanden. Diese Skepsis habe sich relativiert. „Quotenfrauen will niemand. Es geht darum, gute Frauen an Positionen zu bringen.“

Warum immer noch zu wenige Frauen sowohl in der Wirtschaft als auch in der Wissenschaft an Führungspositionen sitzen, erklärt Weck-Hannemann einerseits durch die Kindererziehung und andererseits würden Studien belegen, dass Frauen in ihrem Auftreten zurückhaltender seien. „Rechtlich sind wir bei der Diskriminierung weit gekommen. Das heißt aber nicht, dass das so gelebt wird.“ Vor allem in der Wirtschaft, bei Top-Manager-Posten, gehe es um viel Prestige und viel Geld. „Es lohnt sich, sich zu engagieren. Der Wettbewerb ist riesig.“ Wirtschaft und Wissenschaft hätten Aufholbedarf.

Tirol sei noch sehr männlich dominiert, lautet der Befund von Unternehmerin Ingeborg Freudenthaler. „Starke Fraue­n sind nicht unbedingt gefragt“, meint sie. Das Klima für Frauen in Chefpositionen sei schon einmal besser gewesen. „Viele Frauen wollen sich das gar nicht antun und das ist schade.“ Freudenthaler hält von Quoten gar nichts. „Frauen können nur von sich aus erfolgreich sein. Mir fehlt bei manchen Frauen der Wille und der Biss.“ Familie und Beruf würden sich vereinbaren lassen.

Das Kabinett Bierlein war das erste, das eine Fifty-Fifty-Quote schaffte.
Das Kabinett Bierlein war das erste, das eine Fifty-Fifty-Quote schaffte.
- AFP

Kurz gefasst

Politik

Nicht zuletzt aufgrund der Frauenquote ist der Anteil an weiblichen Abgeordneten gestiegen, aber mit zuletzt 37 Prozent immer noch niedrig. Mit der ersten Bundeskanzlerin, Brigitte Bierlein, zogen im Sommer 2019 erstmals gleich viel Frauen wie Männer in die Regierung ein. Die erste EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen will dasselbe auf EU-Ebene schaffen. In Tirol herrscht in der Landesregierung ebenfalls Halbe-Halbe.

Wirtschaft

Von 205 Vorständen in österreichischen Börsenkonzernen sind 15 Frauen. Das sind 7,3 Prozent. Der Anteil ist laut dem Beratungsunternehmen EY in den letzten fünf Jahren gleich geblieben. In Aufsichtsräten sieht es Dank der 2018 eingeführten Genderquote von 30 Prozent besser aus: Aktuell sind 26 Prozent, Frauen. In Tirol gibt es sogar in öffentlichen Unternehmen noch rein männlich besetzte Aufsichtsräte.

Wissenschaft

Von 2014 bis 2016 wurden 667 Professuren an Österreichs Universitäten neu besetzt. 202 Frauen und damit 30 Prozent kamen zum Zug. 2018 sank der Frauenanteil auf 24 Prozent. Geisteswissenschaften haben einen hohen Frauenanteil, technische Fächer einen geringen. Die Universität Wien kam bei Neuberufungen im letzten Jahr auf 44 Prozent, die Uni Graz auf 26 Prozent und die Uni Innsbruck ist Schlusslicht mit 23 Prozent.