Letztes Update am Di, 08.10.2019 16:10

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Österreich

Großer Aufholbedarf bei Versorgung psychisch Kranker in Österreich

Eine entsprechende Petition hat bereits mehr als 8000 Unterschriften. Nicht nur das Leid, sondern auch die Kosten sind enorm.

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Wien — 1,2 Millionen Österreicherinnen und Österreicher sind von einer psychischen Erkrankung betroffen. Bei der Versorgung dieser Menschen besteht jedoch großer Aufholbedarf, kritisierte der Berufsverband Österreichischer PsychologInnen (BÖP) am Dienstag bei einer Pressekonferenz in Wien. Gefordert werden u.a. ausreichend Behandlungsplätze sowie klinisch-psychologische Behandlung als Kassenleistung.

„Psychische Erkrankungen sind leise, sie werden viel zu wenig gesehen und immer noch unterschätzt", sagte BÖP-Präsidentin Beate Wimmer-Puchinger. Das Wissen in der Bevölkerung sei nach wie vor viel zu gering - die Scham, darüber zu sprechen aber umso größer: Schwächen zu zeigen sei nicht erlaubt in der Gesellschaft. Zu den häufigsten Ursachen für psychische Erkrankungen zählen frühe Traumatisierungen, schwere körperliche Erkrankungen, Lebens- und Beziehungskrisen, körperliche oder seelische Gewalt.

Nicht nur das Leid, auch die volkswirtschaftlichen Kosten sind enorm: jährlich werden sie auf zwölf Milliarden Euro geschätzt. Psychische Erkrankungen sind für zwei Drittel aller Frühpensionen verantwortlich (53 Prozent bei Frauen, 31 Prozent bei Männern), besonders häufig sind Depressionen und Angststörungen.

„Psychische Erkrankungen sind die neue Armutsfalle"

Der Bedarf nach besserer Versorgung bestehe, ist Wimmer-Puchinger überzeugt. Eine entsprechende Petition habe bereits mehr als 8000 Unterzeichner. Menschen mit geringem Einkommen sind von den Versorgungslücken besonders betroffen. „Es gibt viele gut ausgebildete Psychologen und Psychologinnen, doch die Bevölkerung kann sie sich nicht leisten, weil es keine Kassenleistung ist", so Andrea Birbaumer von der Gesellschaft kritischer PsychologInnen. „Psychische Erkrankungen sind die neue Armutsfalle."

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„Das ist eine soziale Frage: Wer es sich leisten kann, für den findet sich ein Platz", meinte auch Johannes Wancata, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik. Die anderen müssen warten: Auf einen psychiatrischen Kassenplatz heutzutage rund drei bis vier Monate. Zudem drohe ein Mangel an psychiatrischen Fachärzten, da der Verlust durch Pensionierungen nicht durch jüngere Kollegen ausgeglichen werde, so Wancata.

Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO warnte bereits vor einem Anstieg psychischer Erkrankungen. Alleine bedingt durch die Arbeitswelt mit ständiger Erreichbarkeit und immer größeren Verantwortlichkeiten, steige das Risiko, sagte Birbaumer. Doch auch beispielsweise Burn-out sei nur in einem ganz bestimmten Spektrum legitimiert. „Da gibt es in Österreich noch viel Aufklärungsbedarf." (APA)


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