Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 24.10.2019


Bezirk Kufstein

Gefahr im Verzug: „Es geht um das Wohl des Kindes“

Neun Kinder wurden im Vorjahr im Bezirk Kufstein wegen Gefahr im Verzug von den Eltern getrennt und fremduntergebracht. Doch viel häufig er muss das Jugendamt bei der Erziehung unter die Arme greifen.

318-mal wurden im Bezirk Kufstein Kinder als gefährdet gemeldet, mehr als die Hälfte der Anzeigen stellten sich als falsch heraus.

© iStockphoto318-mal wurden im Bezirk Kufstein Kinder als gefährdet gemeldet, mehr als die Hälfte der Anzeigen stellten sich als falsch heraus.



Von Wolfgang Otter

Kufstein – Geschichten, wie jüngst jene über das Wörgler Elternpaar Paul, dem das Sorgerecht für die Kinder über Jahre entzogen worden ist, sorgen für mediales Aufsehen und hitzige Diskussionen. Buhmänner der Betroffenen sind meistens Jugendamtsmitarbeiter und die zuständigen Richter. Im Wörgler Fall also jene in Kufstein. Da sah der Vater Willkür hinter dem Eingreifen des Amtes und der Verein Victim Mission von Sissi Kammerlander ortet gar bei vielen Entscheidungen Methode dahinter und spricht von einem „bewussten Zerschlagen der Familien“.

Stimmt nicht, weist man die Vorwürfe an der Bezirkshauptmannschaft Kufstein zurück. Hinter jeder Entscheidung steht eine Kette von Beratungen und Gutachten, wie man weiters erklärt. Ein Verfahren, das nach einem genauen Ablauf überprüfbar und standardisiert ist. „Und am Ende steht immer ein gemeinsames Gespräch und eine gemeinsame Entscheidung über das weitere Vorgehen. Es passiert alles nach dem Vier-Augen-Prinzip“, wie Georg Mitterer, Leiter der Kinder- und Jugendhilfe an der Kufsteiner BH, betont und für sich und die 26 Mitarbeiter anfügt: „Wir nehmen das nicht auf die leichte Schulter.“ „Es geht“, so BH Christoph Platzgummer, „immer um das Kindeswohl.“

Eine Gefährdungsmeldung führt meist zum Einschreiten. 318-mal wurden die Mitarbeiter im Bezirk im Vorjahr von unterschiedlichsten Personen alarmiert, bei mehr als der Hälfte war ein Eingreifen überhaupt nicht notwendig. Der Bezirk, so Platzgummer, liege da im Landesschnitt. Tirolweit waren an die 2800 Meldungen erfolgt. Auch hier stellt sich mehr als die Hälfte als blinder Alarm heraus. Aber trotzdem ist dem Jugendamt lieber, wenn einmal zu viel als einmal zu wenig gemeldet wird. „Denn dann wird der Verdacht wenigstens professionell abgeklärt“, sagt der Bezirkshauptmann. Und dabei stehen die Sozialarbeiter immens unter Druck. Bei einem gefährdeten Kind nicht zu reagieren, wäre fatal bis hin zu lebensgefährlich. Leider bleibt es auch nicht immer nur beim Verdacht. So war in Tirol im Vorjahr in 316 Fällen eine erhebliche Gefährdung gegeben, in 145 Fällen sogar Misshandlungen und Quälen der Kinder, 74-mal wurde Vernachlässigung und neunmal sexueller Missbrauch festgestellt und entsprechend reagiert.

„Die Kindesabnahme ist aber die letzte Möglichkeit. Zuvor wird jede andere Maßnahme, wie Unterstützung in der Erziehung, ergriffen. Daher sind die Fälle, bei denen geholfen wird, mehr“, sagt Platzgummer. Aber wenn das nicht ausreicht, müssen Kinder fremduntergebracht werden. 135 Kinder sind im Bezirk derzeit nicht bei ihren Eltern, 42 davon bei einer Pflegefamilie. Oft werden diese Schritte mit den Eltern abgesprochen und gemeinsam festgesetzt – im günstigen Fall. Doch wenn Gefahr im Verzug ist, wird von der Behörde sofort gehandelt. Das war 2018 bei neun Kindern im Bezirk der Fall. „Vier Kinder, zwei Geschwisterpaare, sind dabei gegen den Willen der Obsorgeträger zu den Großeltern gebracht worden und sind auch dort verblieben“, erzählt Mitterer. „Ein Kind musste aufgrund eines medizinischen Notfalls in einer Krise vorübergehend untergebracht werden, die Mutter war zwischenzeitlich nicht in der Lage, die Zustimmung zu erteilen. Es ist nach der Gesundung wieder zur Mutter gekommen.“ Ein Säugling wurde in einer Bereitschaftspflegefamilie untergebracht, weil beide Elternteile schwer suchtkrank waren bzw. sind. „Drei Kinder, davon ein Geschwisterpaar, mussten in Kriseneinrichtungen gebracht werden. Beide Familien waren bereits länger bekannt und es sind vielfältige Hilfsmaßnahmen installiert gewesen. Mittlerweile sind alle drei in dauerhafte Wohngemeinschaften gezogen“, zählt Mitterer weiter auf.

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Ziel ist es, „dass die Eltern die Kinder bis zur Einrichtung begleiten“. Leider sei das nicht immer möglich. Besonders wenn eine Gefährdung vorliegt. Daher werden Kinder abgeholt, wenn die Eltern außer Haus sind. Eine harte Maßnahme, „aber ein schreiendes Kind aus den Armen der Mutter zur reißen, ist eventuell noch schlimmer“, verteidigt Mitterer die Maßnahme. Alle derartigen Entscheidungen müssen später vom Gericht bestätigt werden. „Dieser Bereich wird immer größer und schwieriger“, betont Platzgummer. Und sehr viel Arbeit leistet die Kinder- und Jugendhilfe von der breiten Öffentlichkeit unbemerkt. So ist es für die Verwaltung der Unterhaltszahlungen zuständig, übernimmt aber auch für knapp 1200 Kinder die Rechtsvertretung.