Letztes Update am Do, 24.10.2019 07:02

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Spanien

Spaniens faschistischer Diktator Franco wird exhumiert

Nach jahrelangen politischen Debatten, Rechtsstreitereien mit der Familie und sozialen Protesten ist es soweit. Am Donnerstag werden die Überreste des spanischen Diktators Francisco Franco (1892-1975) im „Tal der Gefallenen“ exhumiert.

Diktator Francisco Franco in einer Archivaufnahme.

© AFPDiktator Francisco Franco in einer Archivaufnahme.



Madrid – Alles ist vorbereit. Die spanische Polizei hat das so genannte „Valle de los Caidos“ in den Madrider Bergen bereits seit einer Woche weiträumig abgesperrt, damit es zu keinen Protesten faschistischer Gruppen auf dem Gelände kommen kann. Auf einem Parkplatz in der Nähe des monumentalen Mausoleums stehen gleich zwei Hubschrauber der spanischen Luftwaffe bereit, die den Sarg mit dem Leichnam transportieren sollen, wenn es die Wetterumstände erlauben.

So will die spanische Regierung mögliche Zwischenfälle, Proteste oder auch Huldigungen während des rund 50 Kilometer langen Transports zwischen dem „Tal der Gefallenen“ und dem Friedhof El Pardo Mingorrubio im Norden Madrids verhindern. Hier werden die Überreste des faschistischen Gewaltherrschers Francisco Franco (1892-1975) auf Beschluss der Regierung – und gegen den Willen von Francos Hinterbliebenen – in der Familiengruft beigesetzt.

Graböffnung in kleinstem Kreis

Die Exhumierung wird um 10.30 Uhr im engsten Familienkreis stattfinden. Die militärischen Ehren und ein neues Staatsbegräbnis, welches von der Familie verlangt wurden, lehnte die Regierung ab. Nur Spaniens Justizministerin Dolores Delgado, die Bestattungsangestellten, ein Gerichtsmediziner und 22 Familienangehörige Francos, seine sieben Enkel mit Frauen und Kindern, werden bei der Öffnung des Grabs anwesend sein. Zwei geplante Protest- und Huldigungsveranstaltung vor der neuen Ruhestätte wurden verboten.

Bereits vor über einem Jahr hatte Spaniens sozialistischer Regierungschef Pedro Sanchez direkt nach seiner Machtübernahme erklärt, er wolle die Überreste Francos sofort – binnen Wochen – aus dem „Tal der Gefallenen“ holen, damit der Ort endlich zu einem wirklichen „Ort der Versöhnung“ werden und aufhören könne, ein „Pilgerort“ für Faschisten zu sein. Doch immer wieder verhinderten Francos Enkel die Exhumierung mit Anzeigen und Klagen. Bis Spaniens Oberster Gerichtshof endlich Mitte September der Regierung Recht gab, die Überreste des Ex-Diktators exhumieren zu können.

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Konservative reagieren verärgert

Dass die Exhumierung nun drei Wochen vor den spanischen Parlamentswahlen durchgezogen wird, verärgert vor allem Spaniens konservativen Parteien. Santiago Abascal, Chef der neuen rechtspopulistischen Vox-Partei, twitterte, „der sozialistische Feldzug“ beginne mit der Entweihung von Gräbern. Dabei kommt den Rechtspopulisten die Exhumierung eigentlich gelegen. So dürften sie im Zuge der Franco-Polemik und den jüngsten Unruhen in der separatistischen Konfliktregion Katalonien mit ihrem nationalistischen Kurs bei den Neuwahlen am 10. November ordentlich punkten. Das zumindest sagen ihnen sämtliche Umfragen voraus.

Spaniens konservativer Oppositionsführer Pablo Casado (PP) betont, er wolle sich lieber um das Spanien seiner Kinder und weniger um das seiner Großeltern kümmern. Die Sozialisten würden ein Thema aus der Versenkung holen, was die Spanier längst überwunden hätten. Die „Transicion“, der friedliche Übergang von der Diktatur zur Demokratie, war vorbildlich, sagt Casado und rechtfertigt damit die Position seiner konservativen Volkspartei, die sich stets gegen die Aufarbeitung der Franco-Diktatur stellte.

Silvia Navarro sieht das etwas anders. „Die franquistischen Familien konnten zumindest ihre Angehörigen bestatten. Ich warte immer noch darauf, meinen Großvater im Familiengrab beerdigen zu können, überhaupt ein Ort des Trauerns zu haben“. 1936 wurde ihr Großvater, ein Republikaner, zu Beginn des von Franco angezettelten Spanischen Bürgerkriegs (1936-1939) hingerichtet und in einem Massengrab geworfen. 1959 nahm das Regime alle Überreste mit, um sie in den Mauern des Mausoleums im „Tal der Gefallenen“ zu bestattet. Eine „Geste der nationalen Versöhnung“ nannte Franco das. Franco, der Spanien bis 1975 eisern regierte, ließ sich direkt hinterm Altar beerdigen.

20.000 Regime-Feinde liegen heuer in den Mauern der gigantischen Basilika bestattet. „Mein Opa wollte mit Sicherheit nicht neben Franco bestattet werden. Und ich kann nicht an einem Ort trauern, an dem täglich faschistischer Personenkult um den Diktator praktiziert wird“, stellt Silvia Navarro im Gespräch mit der APA klar. Sie engagiert sich in der Franco-Opfervereinigung ARMH. Die Bürgerinitiative schätzt, dass sich noch rund 114.000 Franco-Opfer in anonymen Massengräbern befinden.

Von der Politik fühlen sie sich im Stich gelassen. Der sogenannte Schweigepakt zwischen den zu Francos Tod verfeindeten Lagern sollte den friedlichen Übergang von der Diktatur zur Demokratie garantieren. „Das war damals wichtig. Die Demokratie war schwach, wie der Staatsstreichversuch franquistischer Militärs 1981 zeigte. Doch dadurch wurde auch eine dringend notwendige und bis heute ausgebliebene Vergangenheitsbewältigung verhindert“, versichert die spanische Historikerin Sara Nunez.

Silvia Navarro und ihr Franco-Opferverband hoffen, dass mit der Exhumierung des Diktators nun endlich etwas ins Rollen kommt. Sie bezweifelt, dass das „Tal der Gefallen“ als Gedächtnisstätte wirklich zu einem „Ort der Versöhnung“ werden kann, wie es Pedro Sanchez vorschwebt. Zu sehr sei der Ort mit dem Franco-Regime vereint. Es könne aber ein Anfang sein. „Ein dringend notwendiger“, so Navarro. Denn Spaniens sozialistischer Regierungschef Jose Luis Rodriguez Zapatero verabschiedete bereits 2007 das „Gesetz zur Historischen Erinnerung“ und bisher sei nicht viel passiert. Franquistische Straßennamen und Symbole wurden aus öffentlichen Gebäuden entfernt. Franco und seinem Regime darf nicht mehr gehuldigt werden. „Doch wir Hinterbliebenen sind immer noch auf uns alleine gestellt, nach Gerechtigkeit und unseren Familienangehörigen zu suchen“, so Navarro.

Auch das will Pedro Sanchez ändern. Dafür muss er allerdings die Neuwahlen am 10. November auch tatsächlich gewinnen. Seine Chancen stehen gut. Doch sollte sich überraschender Weise eine mehrheitsfähige Mitte-Rechts-Koalition bilden, dürften die Hinterbliebenen von Franco-Opfern wohl erneut auf Hilfe und eine „Wiedergutmachung“ warten müssen. „Die Kirche, Rechtsparteien und erzkonservative Medien sprechen immer davon, man solle keine alten Wunden aufreißen. Dabei haben sich unsere noch nicht einmal geschlossen“, versichert Silvia Navarro.

(Schluss) mme/za

APA020 2019-10-24/05:02