Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 14.11.2019


Bezirk Reutte

Außerferner macht mit 91 Jahren 100 Bergtouren im Jahr

Karl Specht ist ein Phänomen – der Außerferner sieht mehr Gipfel und Hütten als die meisten jungen Bergfexe.

(Symbolbild)

© pixabay(Symbolbild)



Von Helmut Mittermayr

Wängle – Wie unterschiedlich Wahrnehmung sein kann. Karl Specht schildert, was in seinem hohen Alter alles nicht mehr geht. Und Außenstehende staunen fast ungläubig, was alles geht. Die Rede ist von einem Wängler, der bei gutem Wetter vor allem eines macht: in die Berge gehen. Keine außergewöhnliche Leistung in Tirol, könnte man meinen. Specht ist aber 91 Jahre alt – und hat heuer schon mehr als 90 Bergtouren hinter sich. „Den 100er mache ich sicher noch voll“, ist er überzeugt. Es sei ja erst Mitte November.

Die letzten drei Jahre habe er schon bemerkt, dass er seinem Alter etwas Tribut zollen müsse und „es retour geht“. Aber auf dem Gipfel des Tauerns ist er auch heuer wieder gestanden. Auf dem Thaneller ebenso. Den markanten Berg im Süden des Bezirkshauptortes erklimmt er jedes Jahr am 4. Juni zu seinem Geburtstag. Dieses Jahr ist er in den Schnee geraten. Am „Raufweg“ sei noch alles gutgegangen, aber runter wäre es ein einziger Kampf gewesen. Denn seit einem Unfall vor Jahrzehnten hat Specht ein Sprunggelenk verschraubt. Eine Dreiviertelstunde habe er länger ins Tal gebraucht. Für die allermeisten Außerferner ist ein schneebedeckter Thaneller hingegen etwas zum Anschauen, aber gewiss nichts zum Raufgehen.

Im Reuttener Talkessel hat der 91-Jährige auch heuer die meisten Gipfel gemacht. Er war auch auf den Geierköpfen am Plansee, am Kohlberg oder am Koflerjoch – gleich 16-mal. Ohne einmal stehen blei- ben zu müssen, versteht sich.

Inzwischen ist Specht alleine in den Bergen unterwegs. Jahrzehnte begleitete ihn oft sein verstorbener Bruder Hubert Specht als kongenialer Partner. Da auch seine Frau nicht mehr lebt, hält ihn bei schönem Wetter nichts daheim in seinem Wängler Haus in Winkl, von wo er oft direkt Richtung Gehrenalm startet.

Wer glaubt, dass der Außerferner im Winter etwas kürzertreten wird, irrt. „Ich habe mir gerade wieder die Regiokarte gekauft.“ Was bedeutet, dass der ehemalige Autohändler vor allem am Hausberg Hahnenkamm seine Schwünge ziehen wird. Ohne Unterlass. Wenn 30 Jahre Jüngere längst der Anstrengung Tribut zollen und einkehren, ist für ihn noch lange nicht Schluss.

Anmerk. d. Red.: Karl Specht hatte keinen Wunsch auf Veröffentlichung seiner Leistungen, diese auf Bitte der TT aber ausnahmsweise akzeptiert.