Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 04.12.2019


Osttirol

Vordenken für Osttirol: “Zusammenleben ist verloren gegangen“

In den nächsten Jahren verliert der Bezirk Lienz Erwerbsfähige und Fachkräfte. „Vordenken für Osttirol“ regt zum Gegensteuern an.

Vor allem das Thema Wohnen stieß bei den Zuhörern im Leisacher Gemeindesaal auf großes Interesse und soll weiter diskutiert werden.

© BrunnerVor allem das Thema Wohnen stieß bei den Zuhörern im Leisacher Gemeindesaal auf großes Interesse und soll weiter diskutiert werden.



Von Christoph Blassnig

Leisach – Die Prognosen zur Bevölkerungsentwicklung in Osttirol geben bekanntlich Anlass zur Sorge. „Wir stehen vor einer Zeitwende. Um es einmal wirtschaftlich auszudrücken: Der Faktor Mensch ist als eine knappe, wertvoll­e Ressource anzusehen“, meint Michael Hohenwarter, Geschäftsführer des Regionsmanagement Osttirol (RMO). Dort laufen auch alle Fäden des Prozesses „Vordenken für Osttirol“ zusammen.

Nach Jahrzehnten, in denen die Arbeitslosigkeit ein beherrschendes Thema war, werden dem Bezirk in wenigen Jahren nicht mehr Arbeitsplätze, sondern Menschen fehlen. „Bis zum Jahr 2030 verlieren wir 3525 erwerbsfähige Personen“, gibt Hohenwarter zu bedenken. „Bis dahin fehlen uns insgesamt 2800 Fachkräfte.“

Die Antwort der Vordenker: „Mit Mut, innovativen Ideen und Weltoffenheit für eine positive Zukunft sorgen.“ Das gehe nicht von alleine. „Wir müssen aktiv werden“, sagt Hohenwarter, der die Bevölkerung einladen, einbinden und mitnehmen will. „Ich war vor wenigen Tagen in der Bodenseeregion unterwegs. Wenn man sieht, mit welchen Initiativen dieser traditionell wirtschaftlich erfolgreiche Raum heute um neue Arbeitskräfte wirbt, müssen wir uns im Vergleich sehr anstrengen.“

In Osttirol sollen dazu immer wieder Denkprozesse angestoßen werden. Zuletzt fand im Leisacher Gemeindesaal der Auftakt zur Vortragsreih­e „Zukunft Land“ statt. Ein Gastredner war Josef Mathis, ehemaliger Bürgermeister der Vorarlberger Gemeinde Zwischenwasser und Obmann des Vereines „Zukunftsorte“. „Uns ist es wichtig, Ausheimische zu Wort kommen zu lassen“, sagte Mathis. „Sie sollen Ideen geben, um Trends zu erkennen und Wissen in die Zukunftsorte zu bringen.“ Für Osttiroler Gemeinden sieht er nicht 33 verschiedene Lösungen, sondern plädiert für Zusammenarbeit. „Es gibt in jeder Dorfgemeinschaft innovative Leute, die sich um die Zukunft kümmern. Diese Ressource gilt es zu nutzen.“

Auf besonderes Interesse der Vortragsbesucher stieß das Thema Wohnen, wie ein­e Abstimmung per Handzeichen am Ende des Abends zeigte. Roland Gruber vom Architekturbüro Nonconform ließ zuvor aufhorchen: „Den Menschen ist das Zusammenleben verloren gegangen. Es braucht am Land mutige, moderne Wohnformen für Rückkehrer.“ Michael Hohen­warter will diesen Impuls in künftigen Veranstaltungen zum Thema machen. Ein gemeinsames Leben von Jung und Alt lasse sich nicht verordnen, sondern müsse entstehen und erhalten werden. Im ländlichen Raum geb­e es bisher kaum Alternativen zu Einfamilienhäusern und Wohnblöcken, stellte Gruber fest. „Grenzen befinden sich im Kopf“, meinte der Architekt. „Ich kann mir zum Beispiel vorstellen, dass der Bürgermeister Gäste und Urlauber zum Frühstück einlädt und sie proaktiv anspricht, dass sie hierbleiben sollen.“

Die Verbindung von Urlaub und Arbeit ermöglicht der Verein „Coworkation Alps“ in Südtirol, Tirol und Bayern. Vorständin Veronika Müller sieht darin auch einen Mehrwert für die Gemeinde. „Man wird nicht nur als Wohnort oder touristischer Ort wahrgenommen, sondern wirklich als Arbeitsstandort.“ Die Voraussetzung sei bestmögliche Infrastruktur durch Internet und geeignete Büros.