Letztes Update am Mi, 28.03.2012 11:17

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Plagiatsaffäre

Ungarns Präsident schrieb Dissertation ab, doch Schuld hat Uni

Ungarns Präsident steht in der Kritik. Experten kommen zu dem Schluss: Seine Doktorarbeit stammt nicht von ihm. Doch die Schuld wird auf die Uni abgewälzt.



Budapest - Der ungarische Staatspräsident Pal Schmitt hat lange Passagen anderer Autoren in seine Doktorarbeit übernommen. Das konstatierte die Überprüfungskommission der Budapester Semmelweis-Universität am Dienstag in einer Aussendung. „Formell“ entspreche die Dissertation jedoch den Ansprüchen.

Auf der Webseite der Universität wird betont: „Wenn auch keine Regelwidrigkeit festgestellt wurde, basiert die Doktorarbeit auf einer ungewöhnlich ausgedehnten textgleichen Übersetzung, was nicht rechtzeitig entdeckt wurde.“ Betreuer und Beurteiler hätten zudem bereits während der Arbeit an der Dissertation auf die unsachgemäßen Quellenangaben hinweisen müssen.

Die Untersuchungskommission hält fest, dies sei „ein fachlicher Fehler“ der damals noch als eigenständige Einrichtung existierenden Sportuniversität (TE) gewesen, an der Schmitt 1992 dissertiert hatte. Diese habe die Textgleichheit nicht rechtzeitig aufgedeckt, so dass der Autor der Doktorarbeit in dem Glauben gewesen sei, den Anforderungen zu entsprechen.

Die Kommission stellt zugleich fest, dass von Seite 34 bis 50 „völlige Textgleichheit“ mit einer Studie des deutschen Forschers Klaus Heinemann herrsche. Weitere 180 Seiten wiesen eine „teilweise Übereinstimmung“ mit einem Text des bulgarischen Sportwissenschaftlers Nikolai Georgiew auf. Laut der Untersuchungskommission entspricht das Dissertationsverfahren aber trotz „Verfahrensmängeln“ formell der damaligen Praxis der Sportuniversität, die später in die Semmelweis-Medizinuniversität (SOTE) eingegliedert wurde.

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Die Internetausgabe der Wochenzeitung „hvg“ hatte im Jänner 2012 berichtet, dass Schmitt den Großteil seiner Doktorarbeit von Georgiew und Heinemann abgeschrieben habe. Der Staatspräsident, ein ehemaliger olympischer Fechter und langjähriger Sportfunktionär, hat die Plagiatsvorwürfe bisher stets zurückgewiesen und sich darauf berufen, dass damals „andere formale Kriterien“ üblich gewesen seien als heute.

Opposition fordert Rücktritt des Präsidenten

Die ungarische Opposition fordert unterdessen einhellig den Rücktritt von Staatspräsident Schmitt. Nach Ansicht der Sozialisten (MSZP) hat Schmitt seine Doktorarbeit „gestohlen“. MSZP-Chef Attila Mesterhazy verwies auf die Erklärung der Überprüfungskommission, der diesen „Diebstahl“ eindeutig belege. Der Präsident habe deswegen den Doktortitel ebenso wenig verdient wie das Amt. „Ein solcher Mensch, der nicht eingesteht, sich mit fremden Federn geschmückt zu haben, ist nicht zum Staatschef geeignet“, betonte Mesterhazy laut der ungarischen Nachrichtenagentur MTI.

Die Grünen (LMP) forderten ebenfalls den Rücktritt Schmitts. Der Bericht der Überprüfungskommission habe belegt, dass der Präsident „95 Prozent“ seiner Dissertation abgeschrieben habe. Zugleich erinnerte die LMP den rechtskonservativen Premier Orban an dessen eigene Worte: „Ungarn kann in Zukunft kein derart konsequenzloses Land sein, wie in den vergangenen acht Jahren (der sozialistischen Regierung, Anm.).“ Laut LMP-Sprecher Laszlo Heltai muss Schmitt zurücktreten, da er „mit seinem Verhalten der Jugend nicht als Vorbild dienen kann“. Die Überprüfungskommission habe zwar das Plagiat bestätigt, aber nicht die entsprechenden Konsequenzen gezogen. Als Grund nennt Heltai „Angst“ der Mitglieder der Kommission „vor Retorsion“.

Auch die rechtsradikale Jobbik-Partei drängte auf den Rücktritt Schmitts und meinte, wenn Fidesz den Staatschef nicht zu diesem Schritt aufforderte, sei das ein Beweis dafür, dass es der Regierungspartei wichtiger sei, „einen politischen Kader in seiner Position zu belassen, als die Reinheit des öffentlichen Lebens“. Die Demokratische Koalition (DK) von Ex-Premier Ferenc Gyurcsany kündigte Demonstrationen an, sollte Schmitt nicht zurücktreten. (APA)




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