Letztes Update am Di, 19.11.2013 06:04

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Innsbruck Kinderpsychiatrie

Diözese prüft Aberkennung von Orden

Die Diözese Innsbruck wird sich mit der Aberkennung des päpstlichen Silvesterordens für die Psychiaterin Nowak-Vogl beschäftigen.

Eingang der Psychiatrie in Innsbruck (Archivbild).

© Thomas BoehmEingang der Psychiatrie in Innsbruck (Archivbild).



Von Peter Nindler

Innsbruck – Der 149 Seiten umfassende Bericht der Medizinisch-Historischen Expertenkommission über die Innsbrucker Kinderbeobachtungsstation von Maria Nowak-Vogl in der Zeit von 1954 bis 1987 arbeitet nicht nur die Behandlungsmethoden einer weltanschaulich vom Nationalsozialismus und vom konservativen Katholizismus geprägten Psychiaterin auf, wie der Zeithistoriker Horst Schreiber betont. Die Expertise soll auch ein Zeichen an die 3650 Kinder sein, die unvorstellbarem Missbrauch ausgesetzt waren, der Merkmale terroristischer Gewalt aufwies. „Das System war verwerflich. Der Bericht sagt klar: Ihr ward die Opfer“, erklärte der Vorsitzende der Expertenkommission Günther Sperk.

88 Betroffene der einstigen Kinderbeobachtungsstation, die 1979 wieder in die Klinik eingegliedert wurde, meldeten sich bei der Opferschutzkommission des Landes. Nowak-Vogl, die bis zu ihrer Pensionierung 1987 die Beobachtungsstation geleitet hatte, war nicht nur verantwortlich für strukturelle Gewalt an den schutzlosen Kindern, sondern hatte auch innerhalb der regionalen Fürsorge in Tirol eine Macht- und Schlüsselposition. Ihre Therapiemethoden wie die Verabreichung des tierischen Extrakts Epiphysan zur Behandlung von so genannter Hypersexualität, wurden jahrzehntelang von der Politik, der Kirche und der Öffentlichkeit geduldet. 1980 deckte erstmals ein Fernsehbericht Missstände in der Beobachtungsstation auf, aber Nowak-Vogl wurde nicht abgesetzt. „Lediglich die repressive Hausordnung setzte man außer Kraft, die Verabreichung von Epiphysan wurde gestoppt“, sagte die Historikerin Michaela Ralser. Die Öffentlichkeit verteidigte Nowak-Vogl sogar, „Leserbriefschreiber wie in der Tiroler Tageszeitung setzten sich für sie ein“, ergänzte Schreiber.

Das historische Forschungsprojekt soll mit Unterstützung des Landes, der Medizin-Uni und der Stamm-Universität weitergehen. Auch die Frage nach zusätzlichen Entschädigungen für die Opfer wird sich im Lichte der neuen Erkenntnisse wohl erneut stellen.

Kritisch wird sich in den nächsten Wochen jedenfalls die Diözese Innsbruck mit Maria Nowak-Vogl auseinandersetzen, erhielt sie doch einen der höchsten kirchlichen Orden. Der Papst verlieh ihr für ihre Verdienste den Silvesterorden. „Wir haben uns bereits damit auseinandergesetzt“, sagt Kommunikationschefin Karin Bauer. Für die nachträgliche Aberkennung von diözesanen Orden gibt es bereits ein Regulativ. „Im Falle Nowak-Vogls werden wir die Sache jetzt prüfen lassen, letztlich werden wir aber dem Vatikan nur eine Aberkennung des Ordens empfehlen können“, betont Bauer.

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