Letztes Update am So, 11.05.2014 07:55

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Muttertag

„Die unbezahlte Arbeit machen die Mütter“

Job und Familie bringen viele Mütter an die Gren­zen ihrer Belastbarkeit. Ein Fünftel ist burnout-gefährdet. Männer wären bereit, mitzuhelfen, müssen aber immer noch mehr arbeiten, damit die Familie nicht in die Armutsfalle gerät.



Von Brigitte Warenski

Innsbruck, Salzburg, Wien – Kochen, putzen, den Kindern bei den Hausübungen helfen, die Oma pflegen: „70 Prozent der unbezahlten Arbeit wird in Österreich von den Frauen bzw. Müttern geleistet, auch wenn sie daneben einem geregelten Job nachgehen“, verweist der Sozialexperte der Diakonie Österreich, Martin Schenk, auf die Zeitstudie der „Statistik Austria“.

Dass 75 Prozent der jüngeren Männer ihren Frauen bei Hausarbeit und Kindererziehung unter die Arme greifen würden, klingt gut und schön, „aber leider bleibt das nur Theorie. In der Praxis können die Männer gar nicht viel am Familienleben teilhaben. Sie sind nämlich immer weniger daheim, weil Österreich innerhalb der EU das Land mit den höchsten Überstundenzahlen ist“, so Schenk. Und weil in Österreich das skandinavische Modell der Arbeitsreduktion für beide – Mütter wie Väter – nicht umgesetzt ist, muss die Entscheidung fallen, wer Haupternährer sein soll. „Da ist für eine Familie die logische Schlussfolgerung, dass der Mann Vollzeit geht, weil der Großteil der Frauen noch immer Berufe vor allem im Dienstleistungsbereich und Handel wählt, bei denen das Einkommen so gering ist, dass man davon nicht leben könnte“, sagt Birgit Buchinger vom Sozialforschungsinstitut „Solution“. Doch auch den Müttern bleibt oft nicht die Wahl beim Job: Manche wollen ganztags, weil sie gut ausgebildet sind und können nicht, weil es keine ganzjährigen qualitativ hochwertigen Betreuungseinrichtungen gibt. Manche wollen Teilzeit, können aber nicht, „weil sich dann auch die Sozialtransfers verringern und später die Mindestpension droht“, weiß Schenk.

Besonders dramatisch zeigt sich die Lage bei den alleinerziehenden Frauen, „die einfach unbedingt einen Job brauchen und unter diesem Druck auch leichter in prekäre, daher jederzeit kündbare Arbeitsverhältnisse schlittern“, sagt Sabine Lanthaler, Frauensekretärin beim ÖGB-Tirol. 24 Prozent der Alleinerzieherinnen sind armutsgefährdet und müssen täglich „zittern, denn da werden die kleinsten Dinge zur Katastrophe“, so Schenk. Ein Schulausflug am Ende des Monats, ein Kälteeinbruch, der die Heizungskosten hinaufschraubt. „Diese Mütter stellen ihre eigenen Bedürfnisse zurück, damit es dem Kind nicht schlecht geht“, weiß Schenk aus den Gesprächen in den Beratungsstellen der Caritas und Diakonie. Aber auch die Kinder leiden: „Sie sind gestresst, haben oft Einschlafstörungen und Kopfschmerzen“, so Schenk.

Einig sind sich die Experten, was es braucht, damit nicht mehr jede fünfte Mutter burnout- gefährdet ist: „Ich wünsche mir, dass nicht nur am heutigen Festtag die Mütter einmal kein Frühstück machen müssen. Unbezahlte Arbeit muss fairer verteilt werden. Das geht erst, wenn die Rahmenbedingungen geändert werden, wie der Ausbau der mobilen Pflegedienste und der Betreuungseinrichtungen“, so Schenk. Besser geht es den Müttern laut Lanthaler, „wenn sie sich endlich aus ihren traditionellen Abhängigkeitsverhältnissen befreien können. Aber dazu braucht es zuerst gleichen Lohn für gleiche Arbeit. Und Frauen sollen nicht bestraft werden, dass sie Mütter sind. Es gibt Betriebe, die darauf schauen, aber in der Gesellschaft ist das noch nicht angekommen.“ Buchinger fordert, „dass die Arbeitsstunde der Friseurin gleich viel wert wird wie die eines Mechanikers“ und plädiert klar für „verkürzte Vollzeit für Mütter wie Väter. Es ist nahezu fahrlässig, dass sich Wirtschaft und Politik nicht um bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie bei Frauen wie Männern bemühen. Wir haben die bestausgebildetste Frauengeneration aller Zeiten und einen Arbeitskräftemangel, der sich weiter zuspitzen wird.“ Aus frauenpolitischer Sicht ist für Buchinger „der Muttertag eigentlich zynisch und ich plädiere massiv für dessen Abschaffung“.