Letztes Update am Mo, 29.09.2014 09:22

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Gesellschaft

Schulalltag löst Krisen aus

Wie alle Jahre steigt wenige Wochen nach Schulbeginn die Anzahl der Meldungen an die Jugendämter. Der Grund: familiäre Krisen durch schulische Belastungen.



Von Thomas Hörmann

Innsbruck – Zwei Monate Ferien, dann wieder Schule. Früh aufstehen, Jause richten, Schulsachen kaufen und Hunderte Euro dafür ausgeben, Hausübungen überwachen – kein Zweifel, „für schlecht strukturierte Familien ist der plötzlich einsetzende Schulalltag eine Belastungsprobe“, weiß Gabriele Herlitschka, Leiterin des Innsbrucker Jugendamtes. Die Folgen spüren – mit einer Verzögerung von einigen Wochen – auch die Mitarbeiter der Jugendwohlfahrt: „Im Oktober haben wir Jahr für Jahr Hochbetrieb. Nur in der Weihnachtszeit erhalten wir ähnlich viele Meldungen über Krisensituationen in den Familien.“

Vorwiegend sind es Lehrer und Kindergärtnerinnen, die die Jugendamtsmitarbeiter auf familiäre Missstände aufmerksam machen: „Das sind unsere Kooperationspartner“, sagt Herlitschka. Die Lehrer und „Tanten“ sehen, ob die Kinder mit einer Jause versorgt sind. Sie sehen auch, „wie die Kinder angezogen sind. Ein Volksschüler, der bei Sommertemperaturen regelmäßig im dicken Skipullover aus dem Haus geschickt wird, lässt auf Probleme schließen“, sagt die Leiterin des Jugendamtes. Ein ständig unausgeschlafenes Kind kann ebenfalls ein Alarmzeichen sein.

Und was passiert, wenn ein vermeintlicher Missstand ans Jugendamt gemeldet wird? „Wir machen uns vor Ort ein Bild und wollen die Familien unterstützen, aber bestimmt nicht die Kinder herausreißen“, kämpft Herlitschka gegen das alte Klischee des „bösen“ Jugendamtes.

Das Unterstützungsangebot ist vielfältig: So kann die Schuldnerberatung helfen, Finanzprobleme in den Griff zu bekommen. „Geldsorgen können das ganze Familienleben beeinträchtigen. Wenn die Eltern den Kopf nicht frei haben, leiden häufig die Kinder darunter.“

Und wenn die Kleinen ausschließlich Schokolade und Gummibärchen in der Kindergartentasche haben, hilft möglicherweise ein Ernährungsberater.

Weiters im Angebot hat das Jugendamt die ambulante Familienbetreuung. Das heißt, Sozialarbeiterinnen schauen regelmäßig vorbei und unterstützen die Eltern bei der Lösung vielseitiger Probleme. Ein durchaus bewährtes Mittel, um Familienkrisen aller Art zu bewältigen.

Das Problem: Nicht alle Elter wollen sich helfen lassen. Die einen aus Scham, andere aus verletztem Stolz, manche wohl auch aus Angst, dass ihnen die Kinder weggenommen werden. Herlitschka appelliert, die Hilfe anzunehmen. „Die Leute sollen keine Scheu haben, wenn eine Krise eintritt. Je früher wir helfen können, desto leichter lassen sich die Probleme lösen.“ Entsprechend wichtig sei auch, dass Auffälligkeiten so früh wie möglich gemeldet werden.

Dass Kinder gegen den Willen der Eltern aus ihrer familiären Umgebung genommen werden, kommt viel seltener vor, als die Leute glauben. Von etwa 20.000 unmündigen Innsbruckern (unter 18 Jahren) sind gerade einmal 249 bei Pflegefamilien oder in Betreuungseinrichtungen untergebracht. Und das größtenteils mit der Zustimmung der Mütter und Väter. „70 % der Eltern sind einverstanden mit der Fremdunterbringung“, sagt Herlitschka. Und räumt ein, dass die Jugendamtsmitarbeiter allerdings entsprechende Überzeugungsarbeit leisten müssen.

Bei den restlichen 30 % musste das Pflegschaftsgericht ein Machtwort sprechen. In 14 Fällen war die Situation so prekär, dass die Kinder den Eltern unverzüglich abgenommen werden mussten – wegen Gefahr in Verzug. Drastische Maßnahmen, die meist mit einem Antrag auf Obsorgeentzug am Pflegschaftsgericht enden. Oft stehen Drogenprobleme der Eltern im Hintergrund.

Übrigens: Über die Hälfte der betroffenen Kinder (52 %) sind einverstanden, dass sie aus ihren Familien genommen werden. Die Fremdunterbringung ist nur in Ausnahmefällen von jahrelanger Dauer, durchschnittlich kommen die Kinder nach zwölf Monaten wieder nachhause.