Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 07.12.2014


Gesellschaft

„Die Mama hat oft geweint“

Enttäuschung, Schweigen, Heimweh, das bis heute anhält: Bei dieser Buchvorstellung standen Zeitzeugen der Option im Mittelpunkt.

© Vanessa Weingartner / TTFranz Trebo, geboren 1926 in Enneberg im Gadertal. Er lebt in Innsbruck.



Von Michaela Spirk-Paulmichl

Innsbruck – Es war nicht einfach nur Interesse an einer neuen Publikation über die inzwischen 75 Jahre zurückliegende Option, das Menschen aus allen Landesteilen zu dieser Buchvorstellung führte. In der bis auf den letzten Platz belegten Bibliothek des Landesmuseums Ferdinandeum versammelten sich an einem sehr emotionalen Abend Betroffene, die sich als ehemalige Optanten bzw. als deren Kinder vielmehr direkt angesprochen fühlten. Sie standen im Mittelpunkt.

Wie Franz Trebo, der dem Projektteam um Autorin Eva Pfanzelter eines von 70 Interviews gegeben hatte, auf die sich das Buch „Option und Gedächtnis. Erinnerungsorte der Südtiroler Umsiedlung 1939“ stützt. Der Innsbrucker wurde 1926 in Enneberg im Gadertal geboren. 1940 wanderten seine Eltern mit den acht Kindern aus. Nach der Ankunft in Innsbruck ging es in die einem Buben aus dem Dorf völlig fremde, „verrußte Industriestadt“ Ludwigshafen am Rhein, dann wieder zurück und weiter nach Bregenz, bevor sich die Familie doch in der Tiroler Landeshauptstadt niederlassen konnte. Erst mit 15 Jahren konnte Franz die erste Klasse Volksschule besuchen, „es ist nicht anders gegangen“.

Auf Aufforderung der Autorin meldete sich – anfangs noch zögerlich – aus dem Publikum schließlich ein Zeitzeuge nach dem anderen zu Wort. Schicksalsgenossen, die heute in Landeck, Innsbruck, Kufstein oder Kitzbühel leben. Den Anfang machte eine Frau, die in Gargazon geboren wurde. Sie erzählte vom heimlichen Deutschunterricht in einem Keller, bevor die Lehrerin verhaftet und eingesperrt wurde. Und von der Ankunft in Wattens, nach der ihr „Tata“ einrücken musste. „Uns haben sie Plentenfresser g’nannt. ,Wärts g’scheiter daheim’blieben, wir brauchen das Essen selber‘, haben sie uns nachgerufen.“ Schließlich habe sich die Familie gut eingelebt, „aber wir haben immer Heimweh gehabt. Die Mama hat oft geweint.“

An diesem Abend brachen noch viele weitere das Schweigen, jahrelang Verdrängtes, teils bis heute nicht Verarbeitetes kam zur Sprache. „Ich habe in diesem Jahr zufällig erfahren, dass mein Vater Optant war“, erzählte ein Mann. „Ich frage mich: Was hat dazu geführt, dass Menschen über Jahrzehnte nicht darüber sprechen konnten?“ „Ein Thema, das immer noch schmerzt“, so hatte Kustos Roland Sila bei der Begrüßung gemeint. „Vor 75 Jahren wurde die Südtiroler Bevölkerung vor eine zweifelhafte Wahl gestellt.“

„Es heißt immer, die Südtiroler haben für Hitler-Deutschland gewählt“, meinte Franz Trebo. „Aber sie haben für Deutschland gewählt, weil sie weg von der italienischen Unterdrückung wollten.“

Weniger bekannt ist auch, dass viele Staatenlose waren, die österreichische Staatsbürgerschaft später kaufen mussten. „Ich musste 5000 Schilling bezahlen“, erzählte ein Mann. Ein anderer hat Verständnis für die Flüchtlinge heute: „Ich kann nachfühlen, wie es ihnen geht.“ Und schließlich meinte eine Frau: „Aber eines muss man sagen: Unsere Vorfahren, das waren alles Österreicher.“

Optanten, Doch-nicht-Auswanderer, Dableiber und Rückkehrer: Zeitzeugen erinnern sich

Elisabeth Plattner, Mölten, geb. 1925, Optantin, nicht ausgewandert: „Die italienische Lehrerin hat kein Wort Deutsch gekonnt und wir keines Italienisch.“

Elisabeth Kronthaler, Erl, geb. 1929, Optantin: „Wir sind alle ausgewiesen worden, weil der Vater bei einer illegalen Versammlung 1939 erwischt worden ist. Aber das Weggehen war schlimm.“

Regina Dodner, Milland, geb. 1926, Optantin, nicht ausgewandert: „Als dann 1940 das Auswandern losging, hat mein Mann mit Ross und Wagen in die Täler hineinfahren müssen, um die Leute zum Bahnhof zu fahren. Er hat furchtbare Szenen erlebt. Die Leute haben geweint.“

Charlotte Müller, Meran, geb. 1933, Rücksiedlerin: „Ich habe immer Heimweh gehabt, immer. Es war ein kalter Winter draußen, ’39, und die Menschen sind nicht so freundlich gewesen, wie es halt immer ist mit Zuwanderern. Es hat immer geheißen: ,Die Walschen sind da!‘ “

Theresia Sanin, St. Michael, geb. 1930, Dableiberin: „Meine Eltern waren sich einig, dass sie dableiben. Nur haben sie einen Verdruss gehabt, weil auch durch unsere Familie ein Riss gegangen ist. Die Schwester Hilde war schon verheiratet und deren Mann hat gemeint, dass er draußen als Bäcker mehr zu erwarten hat. Er ist sofort nach Stalingrad einberufen worden und als Vermisster dort geblieben.“

Johann Fischer, Kurtatsch, geb. 1927, Optant, nicht ausgewandert: „Das Wort Heimat ist vergewaltigt geworden durch die faschistische Diktatur. Das haben wir nicht verstanden, dass es bei den Nazi das Gleiche war.“

Hilde Gartner, Schwaz, geb. 1924, Optantin: „Die Nordtiroler haben auch keine besondere Freude gehabt über den Zuzug der Südtiroler, da sind wir einmal ganz ehrlich. Die Südtiroler sind vom Staat bevorzugt worden, was natürlich zu Missstimmungen geführt hat.“




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