Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 24.02.2015


„Operation Greenup“

Echte „Inglorious Basterds“ in Tirol

Der Beginn der „Operation Greenup“ jährt sich dieser Tage zum 70. Mal: Ein Oberperfer Deserteur und zwei jüdische Emigranten spionierten in Tirol für den US-Geheimdienst.

© VeranstalterDas „Greenup“-Team in Oberperfuss kurz nach der Befreiung im Mai 1945: v. l. Franz Weber, Hans Wijnberg und Fred Mayer.



Von Michael Domanig

Oberperfuss – Die Geschichte der „Operation Greenup“ liest sich wie das Drehbuch zu einem Spionagethriller oder die Vorlage zu Quentin Tarantinos „Inglorious Basterds“: Ende Februar 1945 trafen in Oberperfuss drei Männer in Wehrmachtsuniformen ein, die Tage zuvor per Fallschirm über dem Sulztaler Ferner abgesprungen waren. Zwei von ihnen, Fred Mayer und Hans Wijnberg, waren jüdische Emigranten, der Dritte, Franz Weber, ein 25-jähriger Wehrmachtsdeserteur aus Oberperfuss. Alle drei waren als Agenten des amerikanischen Armeegeheimdienstes OSS tätig – und teilten sich ein Ziel: aktiv zum Sturz des NS-Regimes beizutragen.

Franz Weber, vor seiner Desertion in Oberitalien, 1944.
- Manfred Weber

Aufgaben und Rollenverteilung waren klar definiert: Mayer sollte als Kundschafter den Eisenbahnverkehr über den Brenner beobachten – die Hauptversorgungslinie der deutschen Truppen in Italien – und Informationen über die tatsächliche Stärke der mythenumrankten „Alpenfestung“ sammeln. Wijnberg sollte diese Daten per Funk an die OSS-Leitstelle in Bari weiterleiten. Und Franz Weber fungierte als ortskundiger „Pfadfinder“.

Hunderte solcher OSS-Agententeams wurden ab Herbst 1944 über Europa abgesetzt – doch die „Operation Greenup“ sei „in mehrfacher Hinsicht außergewöhnlich“, meint Matthias Breit, Leiter des Gemeindemuseums Absam: Erstens hätten alle drei den lebensgefährlichen Spezialeinsatz überlebt. Zweitens seien die Informationen „von hoher Qualität“ gewesen, so Breit. Die Operation Greenup habe etwa dazu beigetragen, dass der Luftkrieg in Tirol – im Vergleich mit Deutschland – „verhältnismäßig wenige zivile Opfer gefordert“ habe, weil Rüstungstransporte beispielsweise erst auf der Brennerstrecke angegriffen wurden. Mayer fand auch heraus, dass die NS-Rüstungsbetriebe in Jenbach und Kematen die Produktion bereits eingestellt hatten – sicher ein Grund, „dass sie nicht mehr bombardiert wurden“, erklärt Breit. Zudem habe die Operation „zur Entmystifizierung der Alpenfestung“ beigetragen, die ja größtenteils nur NS-Propaganda war. Greenup wurde generell zu einem wichtigen „Kristallisationspunkt des Tiroler Widerstandes“, wie der Historiker und Politologe Peter Pirker schreibt. Er wird am morgigen Mittwoch gemeinsam mit Breit einen Vortragsabend über die Operation Greenup in Oberperfuss gestalten – um 19.30 Uhr im Peter-Anich-Haus (Moderation: Irene Heisz, Eintritt frei).

Luise Weber, die die Operation mit ihren Schwestern aktiv unterstützte.
- Manfred Weber

Dass Franz Weber jüdische Emigranten in sein Heimatdorf einschleusen und bis Kriegsende in wechselnden Verstecken einquartieren konnte, ist deshalb besonders beachtenswert, weil die geheimen Tätigkeiten vielen Oberperfern bekannt waren. Aktive Unterstützung scheinen vor allem Frauen geleistet zu haben – etwa Franz Webers Schwestern: Luise Weber gelang es als Krankenschwester beispielsweise, Leutnantsuniform und Lazarettpapiere für die Tarnung Fred Mayers zu besorgen.

Ebenso erstaunlich ist aber, dass Franz Webers herausragende Leistung im Widerstand bis heute kaum bekannt ist. Nicht einmal seine Biographie auf der Parlamentshomepage – Weber war nach dem Krieg Landtags-, Bundesrats- und Nationalratsabgeordneter – weist darauf hin. Erst durch die kanadische Doku „The Real Inglorious Bastards“ (sie ist am Donnerstag um 19.30 Uhr im ORF Tirol Studio 3 in Innsbruck zu sehen) erwachte das Interesse an diesem „weißen Fleck der jüngeren Oberperfer Geschichte“, wie es Bürgermeisterin Johanna Obojes-Rubatscher formuliert.