Letztes Update am Mo, 12.09.2016 07:07

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Bezirk Landeck

Mure in Grins: 276 Helfer sahen nur noch Schlamm und Geröll

Die erste Schätzung zu den Muren-Schäden in Grins liegt bei fünf Millionen Euro. Zivilschutzalarm löste auch Irritationen im Raum Landeck aus.

Unterhalb der Arlbergschnellstraße bei Grins war nur noch ein riesiger Murenkegel samt zerstörten Lkw zu sehen.

© Matthias ReichleUnterhalb der Arlbergschnellstraße bei Grins war nur noch ein riesiger Murenkegel samt zerstörten Lkw zu sehen.



Landeck, Grins – Mehrere Lkw lagen wie Spielzeug durcheinandergewirbelt, steckten metertief im Schlamm und Geröll. „Schlimm“, stellte LH Günther Platter am Sonntagvormittag beim Anblick der Schäden im betroffenen Gewerbegebiet westlich von Landeck fest – in Graf bei Grins. Auch Schaulustige kamen, sämtliche Parkplätze rund um die drei vermurten Betriebe waren besetzt.

Feuerwehr-Funktionäre mit Bezirkskommandant Hermann Wolf begleiteten den Landeshauptmann. Sie hatten Unglaubliches seit Beginn der Naturkatastrophe am Samtag gegen 20 Uhr geleistet. In Summe standen 276 Helfer mit 47 Fahrzeugen im anstrengenden Nachteinsatz. Die Arbeiten konzentrierten sich auf eine Fläche von 25.000 Quadratmeter rund um den Murenkegel am Zusammenfluss von Sanna und Mühlbach.

Samstag gegen 22 Uhr, Ortsteil Graf bei Grins: Feuerwehrmänner pumpen Wasser im Eingangsbereich eines Kfz-Händlers ab.
Samstag gegen 22 Uhr, Ortsteil Graf bei Grins: Feuerwehrmänner pumpen Wasser im Eingangsbereich eines Kfz-Händlers ab.
- Zoom Tirol

„Die Betriebe waren aber nicht mehr zu retten“, beschrieb Wolf die Situation unmittelbar nach dem Abgang der Mühlbach-Mure. Seine Männer standen bis zur Hüfte im Wasser. „Es war viel zu gefährlich. Da haben wir niemandem mehr erlaubt, das Umfeld der Mure zu betreten“, betonte er. Wildbach-Gebietsbauleiter Gebhard Walter erläuterte, das Geschiebe habe ein Volumen von bis zu 50.000 Kubikmetern.

Die Infrastrukturschäden werden laut Landeshauptmann auf rund fünf Mio. Euro geschätzt. Vorläufig. Details müssten noch ermittelt werden. Bei der Schadensabwicklung werde das Land behilflich sein. Wie voriges Jahr bei den Muren in See und im Sellrain stünden Mittel aus dem Katastrophenfonds zur Verfügung. Für die Aufräumarbeiten im schwer beschädigten Gewerbegebiet kündigte er auch Unterstützung durch Bundesheersoldaten an. Diese würden ab heute Montag mit Kübeln und Schaufeln anrücken.

Bei den Aufräumarbeiten im Gewerbegebiet Grins/Graf ist vor allem Körper-Einsatz gefragt. Der Bagger räumt das Flussbett der Sanna.
Bei den Aufräumarbeiten im Gewerbegebiet Grins/Graf ist vor allem Körper-Einsatz gefragt. Der Bagger räumt das Flussbett der Sanna.
- Matthias Reichle

Die Entscheidung, Zivilschutzalarm für den Raum Landeck auszulösen, sei richtig gewesen, so Platter. Weil man das Gefahrenpotenzial mit der aufgestauten Sanna zu nächtlicher Stunde nicht abschätzen habe können. Zudem habe man Vorsorge treffen wollen, damit sich Schaulustige im Fall einer Flutwelle nicht in Gefahr bringen.

Ein Missverständnis gab es allerdings in der Landecker Bezirkseinsatzzentrale (BEZ). Dort hieß es auf TT-Anfrage, der Landeshauptmann habe eine Informationssperre angeordnet. „Stimmt nicht. Im Gegenteil, ich habe gesagt, die Information muss jetzt zu einer Offensive gebündelt und koordiniert werden“, klärte Platter auf. In der Hitze des Gefechtes sei das aber offenbar nicht richtig verstanden worden.

LH Günther Platter (2. v. l.) am Sonntagvormittag auf Lokalaugenschein: Feuerwehr-Funktionäre informierten ihn über die Schäden.
LH Günther Platter (2. v. l.) am Sonntagvormittag auf Lokalaugenschein: Feuerwehr-Funktionäre informierten ihn über die Schäden.
- Matthias Reichle

Für Bezirkshauptmann Markus Maaß war das Katastrophen-Management dank der in Land­eck entwickelten Software „Contwise LISA“ erfolgreich. „Der Einsatz konnte prompt, zielgerichtet und effizient koordiniert werden.“ Er selbst war wegen einer Mure in Strengen eingesperrt, habe aber den Ablauf am Handy verfolgen können. „Die Helfer und Rettungskräfte konnten sofort eingewiesen werden und die wichtigen Standorte besetzen. Weil die Alarmierung auch Irritationen unter der Bevölkerung ausgelöst hatte, riet Maaß, die alljährliche Zivilschutzwarnung im Oktober besser zu beachten.

Die Murengefahr am Mühlbach und Lattenbach – beide haben ihren Ursprung oberhalb von Grins – sei derzeit nicht akut, erklärte WLV-Mann Gebhard Walter nach dem Erkundungsflug. „Das Geschiebepotenzial oben im Anbruchgebiet wird von uns jährlich neu bewertet“, so der Experte. (hwe, mr)