Letztes Update am Di, 17.01.2017 19:06

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Krisengebiete

Die zehn größten „unbekannten“ Katastrophen weltweit

Sieben von zehn Krisen weltweit, die es im Vorjahr nicht oder kaum in die Nachrichten geschafft haben, betreffen laut der Hilfsorganisation CARE Afrika.

Millionen Kinder leiden in Afrika unter massiver Unterernährung.

© APMillionen Kinder leiden in Afrika unter massiver Unterernährung.



Wien - Afrika ist der Kontinent der vernachlässigten Katastrophen. Die Hilfsorganisation CARE hat am Dienstag zehn humanitäre Krisen vorgestellt, die es im Vorjahr nicht oder kaum in die Medien geschafft haben. Sieben dieser zehn Krisenherde liegen demnach in Afrika. In vielen Fällen ist ein Gemisch mehrerer Ursachen dafür verantwortlich, dass es zu einer humanitären Katastrophe kommt.

Laut Wolfgang Jamann, Generalsekretär und CEO von CARE International, sind diese humanitären Krisen nicht einfach vergessen. „Sie sind von der Aufmerksamkeit der Weltenlenker bewusst ignoriert und vernachlässigt.“ Andrea Barschdorf-Hager, Geschäftsführerin von CARE Österreich, ergänzte: „Politiker beschäftigen sich meistens vor allem mit den sichtbaren Krisen, um ihren Wählern zu zeigen, dass sie handeln.“ Medienaufmerksamkeit und Spenden für humanitäre Krisen seien eng miteinander verbunden. Menschen im Fernsehen leiden zu sehen, zwinge viele Menschen, hinzuschauen und zu spenden.

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- APA

Eritrea von El Nino schwer getroffen

Nichts zu hören, zu sehen oder zu lesen war im Vorjahr beispielsweise über Eritrea. Journalisten und Mitarbeiter von Hilfsorganisationen haben kaum Zugang in dem Land, das vom Klimaphänomen El Nino schwer getroffen wurde. Nach UNO-Schätzungen gibt es in dem Land etwa zwei Millionen Menschen ohne adäquate Nahrungsmittelversorgung, vor allem Kinder sind schwer betroffen. Jedes Monat verlassen laut UNO etwa 5.000 Menschen das Land.

Ebenfalls in Afrika liegt Krisenherd Nummer zwei, Burundi. In dem ostafrikanischen Binnenstaat hat ein politischer Konflikt die humanitäre Katastrophe ausgelöst, nachdem Staatschef Pierre Nkurunziza im Frühjahr 2015 angekündigt hatte, für ein drittes Mandat anzutreten. Trotz starker Proteste der Opposition wurde Nkurunziza im Juli 2015 im Amt bestätigt, seitdem nahm die Gewalt immer weiter zu. 300.000 Bürger flüchteten in Nachbarländer, drei Millionen Menschen benötigen humanitäre Hilfe. Zwei Millionen wissen nicht, wie sie ihre Familien ernähren sollen.

Madagaskar vor Hungerkatastrophe

Madagaskar steht vor einer Hungerkatastrophe. Mehrere Jahre andauernde Dürre und El Nino, haben im Süden der afrikanischen Insel Getreide, Reis und Maniok verkümmern lassen. 1,5 Millionen Menschen sind auf Nothilfe angewiesen. Das erste nichtafrikanische Land auf der CARE-Liste ins Nordkorea, aus dem manchmal Meldungen über Atomtests dringen. Kaum bekannt ist jedoch, dass 18 Millionen Menschen - rund 70 Prozent der Bevölkerung - CARE zufolge zu wenig zu essen haben, darunter mehr als zwei Millionen Kinder.

Der fünfte Krisenherd betrifft mehrere Staaten, die Anrainer des Tschadbeckens in Afrika sind: Kamerun, Tschad, Niger und Nigeria. Hier kommen Konflikte - Boko Haram in Nigeria, dazu Auseinandersetzungen in der Zentralafrikanischen Republik und im Sudan -, wodurch viele Menschen vertrieben wurden. Bewaffnete verüben Überfälle, zahlreiche vertriebene Frauen und Mädchen sind sexuellen Übergriffen ausgesetzt. Buben wiederum werden als Kindersoldaten in Milizen gezwungen. 21 Millionen Menschen sind betroffen, 9,2 Millionen benötigen laut CARE akute Hilfe.

20 Jahre Krieg in D.R. Kongo

In der Demokratischen Republik Kongo herrscht seit 20 Jahren Krieg und praktisch ebenso lang eine humanitäre Krise. Sieben Millionen Menschen benötigen humanitäre Hilfe, 1,8 Millionen sind vertrieben. Zu den Konflikten kommen Dürreperioden durch El Nino sowie zahlreiche Geflüchtete aus Nachbarstaaten wie Burundi, der Zentralafrikanischen Republik und aus dem Südsudan. Manche Gebiete sind zudem No-Go-Areas für Mitarbeiter von Hilfsorganisationen.

Eine Dauerkrise, die kaum beachtet wird, gibt es auch in Bangladesch, wo der Monsun jedes Jahr für schwere Überschwemmungen sorgt. 2016 waren davon vier Millionen Menschen in dem südasiatischen Staat betroffen. Das tropische Papua-Neuguinea wurde vom Klimaphänomen El Nino schwer getroffen, Dürren und Frost in höheren Regionen waren die Folge. 1,4 Millionen Menschen litten an Hunger.

Sechs Millionen Menschen im Sudan in akuter Todesgefahr

Die Krisen Neun und Zehn sind wieder durch Konflikte bedingt und liegen beide unweit voneinander in Afrika. In der Zentralafrikanischen Republik tobt ein Konflikt, der 2013 voll ausgebrochen ist. Zwei Millionen Menschen benötigen als Folge davon dringend Nahrung und humanitäre Hilfe, 380.000 sind auf der Flucht. Humanitäre Hilfe ist kaum möglich, da die Kriegsparteien vor Angriffen nicht zurückschrecken. Auch im Sudan tobt seit langem ein Konflikt, etwa in Darfur. Sechs Millionen Menschen sind dort in akuter Todesgefahr, drei Millionen vertrieben, zwei Millionen Kinder akut unterernährt. Dazu kommen 250.000 Flüchtlinge aus dem Südsudan.

Laut CARE müssten zu einer wirkungsvollen Bekämpfung der Katastrophen sechs Punkte umgesetzt werden: In den Kriegsgebieten müssten die Auseinandersetzungen beendet werden und die Beteiligten dazu gebracht werden, humanitäres Völkerrecht zu respektieren. Dazu wird mehr Geld benötigt. Außerdem müssten lokale Partnerschaften an Ort und Stelle ausgebaut werden. Wichtig wäre auch, besonders Frauen an Ort und Stelle in die Hilfsanstrengungen einzubinden. Schließlich ist Hartnäckigkeit gegenüber Medien gefragt, um mehr über die Krisenzonen zu veröffentlichen. (APA)