Letztes Update am Fr, 16.06.2017 13:36

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Großbritannien

Hochhausbrand in London: 30 Tote, Suche nach Vermissten

Die Zahl der Todesopfer steigt wie befürchtet. Die Ermittlungen zur Brandursache laufen: Hinweise auf Brandstiftung wurden bislang nicht gefunden.

Angehörige suchen nach Vermissten, Menschen drücken ihre Betroffenheit aus.

© Reuters/Paul HackettAngehörige suchen nach Vermissten, Menschen drücken ihre Betroffenheit aus.



London – Zwei Tage nach der Brandkatastrophe in London gingen die Suche nach weiteren Opfern sowie die Ermittlungen zur Brandursache weiter. Bislang ist völlig unklar, wie viele Menschen in dem Hochhaus ums Leben gekommen sind. Am Freitag stieg die Zahl der Todesopfer von 17 auf 30: Dies bestätigte Stuart Cundy von der Londoner Metropolitan Police. Zwölf Leichen wurden bislang geborgen und werden nun obduziert. Unter den Toten ist auch eine Person, die ihren schweren Verletzungen im Krankenhaus erlegen ist, teilte die Polizei in einer Aussendung. In dem Sozialbau mit 120 Wohnungen lebten britischen Medienberichten zufolge zwischen 400 und 600 Menschen.

„Unsere oberste Priorität ist es, alle Opfer zu bergen und zu identifizieren“, hieß es einem Tweet der Polizei. Sobald die Identität ohne Zweifel feststehe, würden die Angehörigen informiert.

Zwölf Verletzte noch in kritischem Zustand

Freunde und Verwandte haben verzweifelt mit Postern und in sozialen Medien nach Vermissten gesucht. Auch mit diesen Familien steht die Polizei laut Cundy in engem Kontakt.

24 Menschen wurden am Freitag noch in Krankenhäusern der britischen Hauptstadt behandelt. Der Zustand von zwölf Patienten sei derzeit kritisch, teilte die Gesundheitsbehörde mit. Die Feuerwehr blieb auch am Freitag im Einsatz. Der Brand im Grenfell Tower ist Augenzeugenberichten zufolge noch nicht vollständig gelöscht.

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Ermittlungen zur Brandursache laufen

„Die Bedingungen im Grenfell Tower bedeuten für uns, dass die Suche nach und Bergung von den Opfern extrem herausfordernd ist. Die obersten Stockwerke sind auf Grund der Schäden besonders gefährlich“, erklräte Cundy. „Die traurige Wahrheit ist: Die Arbeit wird noch viele, viele Wochen dauern.“

Die Ermittlungen zur Brandursache laufen unterdessen auf Hochtouren. Ermittler aus allen Abteilungen von Scotland Yard wurden zusammengezogen. Hauptverantwortlich ist ein Chefinspektor der Mordkommision. Spezialisten haben bereist die Wohnung, in der das Feuer ausgebrochen ist, untersucht. „Wir haben dort bislang nichts gefunden, das darauf hindeutet, dass der Brand absichtlich gelegt wurde“, hieß es in der Aussendung. Nichtsdestotrotz würden die Ermittlungen weiterhin in alle Richtungen weiterlaufen.

Dabei arbeitet die Polizei eng mit den Spezialisten der Feuerwehr sowie der Gesundheits- und Sicherheitsbehörde zusammen. Es werde auch untersucht, wie die Menschen starben, was passiert ist und warum.

Erstes Opfer identifiziert

In der Zwischenzeit wurde das erste Opfer identifiziert. Es handelt sich um einen syrischen Flüchtling namens Mohammed Alhajali.

Sein Bruder Omar brach in Tränen aus, als er von der Flucht der beiden aus dem 14. Stock berichtete. Omar dachte, dass sein Bruder entkommen konnte, er hatte ihn allerdings aus den Augen verloren. Nun wurde bekannt, dass Mohammed es nicht ins Freie geschafft hat. Kurz vor seinem Tod hatte er noch mit Omar telefoniert: „Warum hast du mich allein gelassen. Ich sterbe. Ich kann nicht atmen.“

Junges Paar aus Italien vermisst

Die Suche nach Opfern in dem völlig ausgebrannten Gebäude gestaltete sich schwierig und für die Helfer gefährlich. Das Gebäude im Stadtteil Kensington gilt zwar nicht als einsturzgefährdet, aber die Ränder des 24-stöckigen Turms seien in den oberen Stockwerken unsicher, hatte die Feuerwehrchefin Dany Cotton am Donnerstag gesagt. „Ich schicke keine Feuerwehrleute da rein.“ Deswegen sollten Hunde weiter nach Vermissten suchen. Auch Drohen werden eingesetzt. Die Rettungskräfte gingen nicht davon aus, noch jemanden lebend zu finden.

Nach der verheerenden Brandkatastrophe bangt Italien um ein vermisstes, junges Paar aus der Region Venetien. Die beiden 27-jährigen Architekten waren im März nach London gezogen und hatten im Grenfell Tower eine Wohnung gemietet.

„Wir hegen kaum noch Hoffnung, dass Gloria und Marco noch am Leben sind. Doch bis zum Schluss wollen wir an ein Wunder glauben“, sagte der Vater des jungen Mannes aus der Provinz Venedig, der mit seiner aus der Nähe von Padua stammenden Freundin nach London gezogen war. Die junge Frau habe sich aus dem brennenden Haus telefonisch noch von ihrer Mutter verabschiedet. „Unser Sohn hat uns noch gesagt, dass die Wohnung voller Rauch und die Lage kritisch war. Danach haben wir nichts mehr von ihm gehört“, berichtete der Vater.

Fassadenverkleidung für Mieterinitiative gefährlich

Anwohner hatten sich über den angeblich mangelnden Brandschutz in dem Gebäude beschwert, das 1974 erbaut und von 2014 bis 2016 saniert worden war. Londons Bürgermeister Sadiq Khan versprach umfassende Aufklärung. „Es wird im Laufe der nächsten Tage viele Fragen zur Ursache dieser Tragödie geben, und ich möchte den Londonern versichern, dass wir dazu alle Antworten bekommen werden.“

Oppositionsführer Jeremy Corbyn sagte, die Politiker müssten alles tun, um sicherzustellen, dass die Wahrheit über die Tragödie ans Licht komme. Der Labour-Abgeordnete David Lammy sagte, viele der Sozialbauten aus den 1970er Jahren – wie das Grenfell-Hochhaus –, sollten abgerissen werden. Sie hätten keine einfachen Notausgänge und keine Sprinkleranlagen.

Viel Ärger fokussierte sich auch auf die erst kürzlich angebrachte Fassadenverkleidung. Die Grenfell-Mieterinitiative teilte mit, man habe wegen der schlechten Sicherheitsstandards in dem Hochhaus und anderswo im Bezirk in den vergangenen Jahren häufig gewarnt. „All unsere Warnungen stießen auf taube Ohren und wir prognostizierten, dass eine Katastrophe wie diese unausweichlich und nur eine Frage der Zeit sei.“

Neue Wohnungen bis zum Wochenende

Alle Bewohner des Grenfell Towers sollen bis zum Wochenende neue Wohnungen erhalten. Das sagte Megan Hession von der Stadtverwaltung in Kensington und Chelsea am Freitag. Zahlreiche Menschen hatten auch die vergangene Nacht noch in Turnhallen und Hotels verbracht.

Königin Elizabeth II. und Prinz William haben Opfer und Helfer der Brandkatastrophe getroffen. Die Queen und ihr Enkel besuchten am Freitag eine Notunterkunft in einem Fitness-Center im Stadtteil Kensington in der Nähe des Brandorts. Schon am Donnerstag hatte die Monarchin den Mut der Feuerwehrleute und die „unglaubliche Großzügigkeit“ der freiwilligen Helfer gewürdigt. (dpa, APA, Reuters, TT.com)