Letztes Update am Di, 04.07.2017 13:12

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Bayern

Busunglück in Bayern: Ärger über Gaffer, Suche nach Ursache

18 Tote, 30 Verletzte: Das ist die schreckliche Bilanz eines Busbrandes in Bayern. Kritik gibt es an „unverantwortlichen“ Autofahrern. Experten versuchen, die Ursache für den Brand zu finden.

Von dem Reisebus blieb nur das Gerüst übrig.

© AFP/Christof StacheVon dem Reisebus blieb nur das Gerüst übrig.



Münchberg - Eine Reise endet in einer Tragödie: 18 Menschen sind beim Brand eines Reisebusses auf der Autobahn 9 in Nordbayern in den Flammen gestorben. 30 weitere Reisende wurden verletzt – drei schwebten am Dienstag noch in Lebensgefahr. Die Opfer waren auf dem Weg aus Sachsen in Richtung Gardasee. Der Bus war am Montagmorgen aus noch ungeklärter Ursache auf einen Lastwagen aufgefahren und in Brand geraten. Nur ein Stahlgerippe blieb übrig. In dem Fahrzeug hatten 46 Reisende sowie zwei Fahrer gesessen. In die Trauer mischt sich Ärger über Autofahrer, die die Rettungsgasse behinderten.

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) beklagte ein „völlig unverantwortliches und beschämendes Verhalten“ mancher Autofahrer. Weil die Rettungsgasse nicht breit genug war, hätten vor allem die großen Einsatzfahrzeuge wertvolle Zeit verloren. Auf der Gegenfahrbahn hätten zudem einige Gaffer beinahe weitere Unfälle verursacht.

Dobrindt erwägt höhere Bußgelder für Gaffer

Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) sagte: „Die Disziplin der Leute ist ärgerlich.“ Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) erwägt, das Bußgeld für Gaffer zu erhöhen. „Es ist in der Tat unverantwortlich und beschämend, wenn auf der Gegenfahrbahn die Geschwindigkeit drastisch vermindert wird, um zu sehen, was passiert ist“, sagte er am Montagabend im ARD-„Brennpunkt“. „Ich bin auch bereit, die Bußgelder zu erhöhen, wenn wir noch mehr abschreckende Wirkung brauchen - das ist die eine Seite. Das andere ist, den Autofahrern bewusst machen, was sie durch ihr Verhalten auslösen können“, so Dobrindt. Wer die Einsatzkräfte behindere, könne auch mit Gefängnis bestraft werden.

Feuerwehrfahrzeuge schirmten die Unglücksstelle vor Blicken von der Gegenspur ab, nachdem diese wieder für den verkehr frei gegeben worden war. Am Montagabend war dann auch die Unfallstelle geräumt.
Feuerwehrfahrzeuge schirmten die Unglücksstelle vor Blicken von der Gegenspur ab, nachdem diese wieder für den verkehr frei gegeben worden war. Am Montagabend war dann auch die Unfallstelle geräumt.
- dpa/Bodo Schackow

Herrmann betonte: „Es ist so schnell wie irgend möglich Hilfe geleistet worden.“ Etwa 100 Polizisten und mehr als 150 Rettungskräfte waren im Einsatz. Nach Angaben der Integrierten Leitstelle waren Bus und Lkw-Anhänger ineinander verkeilt, zeitweise habe auch ein angrenzender Wald gebrannt.

Hermann für Kontrollen der Rettungsgassen

Der bayerische Innenminister legte am Dienstagmorgen im Deutschlandfunk nach. Er forderte ein konsequenteres Vorgehen gegen Autofahrer, die bei Staus keine Rettungsgasse bilden. Der Gesetzgeber reagiere „sehr konsequent“, sagte Herrmann im Deutschlandfunk. Das Entscheidende sei aber, dass das Einhalten der Vorschriften dann auch kontrolliert werde.

Daher müsse künftig bei Staus auch ohne Rettungseinsätze vorsorglich kontrolliert werden, ob eine Rettungsgasse gebildet werde, ergänzte Herrmann. Wenn es erst um Menschenleben gehe, habe die Polizei dafür keine Zeit mehr. „Jeder von uns muss das kapieren“, sagte er. Es gebe schließlich auch Geschwindigkeits- und Alkoholkontrollen.

Erste Verletzte wieder zu Hause in Sachsen

Die ersten der rund zwei Dutzend Verletzten aus Sachsen sind aus Krankenhäusern in Oberfranken entlassen worden. Noch am Montag hätten sieben Patienten die Heimreise angetreten, zumeist mit Hilfe von Angehörigen, teilte das Sozialministerium in Dresden mit.

Am Dienstag sollten sechs weitere Menschen folgen, für die mit dem Roten Kreuz ein Rücktransport organisiert worden sei. Auch für Mittwoch stehe schon ein Rücktransport fest, sagte eine Sprecherin. Ob darüber hinaus noch andere Insassen des Unglücksbusses ihre Heimreise nach Sachsen auf eigene Faust organisiert hätten, sei nicht bekannt.

Bis auf zwei Schwerstverletzte, die in Spezialkliniken außerhalb Bayerns behandelt würden, seien nach dem Unglück alle Opfer auf Kliniken in Oberfranken verteilt worden.

Alles, was vom Bus übrig blieb.
Alles, was vom Bus übrig blieb.
- dpa/Matthias Balk

Kriminaltechnische Untersuchung am Buswrack

Der Tag danach steht vor allem im Zeichen der Trauer – und der Ursachenforschung: Die Überlebenden der Katastrophe sollten – soweit das möglich ist – befragt werden, sagte ein Sprecher des Polizeipräsidiums Oberfranken am Dienstag. Darunter ist auch einer der beiden Busfahrer. „Das wird sicher nicht heute abgeschlossen werden“, sagte der Sprecher. Der Zustand der 30 Verletzten sei unverändert.

Das Wrack, das nur noch ein verkohltes Gerippe des Busses ist, wird nach Angaben des Polizeisprechers kriminaltechnisch untersucht und von einem Gutachter besichtigt. Über die Brandursache gibt es mehrere Spekulationen: Einen Brand schon vor dem Unfall oder einen Kurzschluss wegen beschädigter Elektroleitungen nach dem Aufprall oder eine abgerissene Kraftstoffleitung – in allen deutschen Medien erklärten Experten ihre Theorien.

Toter Busfahrer unter Verdacht

Die Ermittler widersprachen am Dienstag Spekulationen, der völlig ausgebrannte Reisebus könnte bereits vor dem Zusammenstoß mit einem Lastwagen gebrannt haben. Nach vorläufiger Einschätzung der beiden eingesetzten Gutachter gebe es dafür bisher keine Hinweise. Vieles spreche dafür, dass der Bus erst aufgrund der Kollision mit dem Anhänger des Lastwagens Feuer gefangen habe.

Die Ermittler konzentrieren sich auf den ums Leben gekommenen Fahrer als möglicher Verursacher. Gegen andere Menschen werde nicht ermittelt, sagte ein Polizeisprecher am Dienstag. Geprüft würden auch mögliche technische Fehler.

Die Staatsanwaltschaft durchsuchte inzwischen den Firmensitz des Busunternehmens des verunglückten Fahrzeugs. Dabei seien Unterlagen zu dem Bus und den beiden Lenkern beschlagnahmt worden.

Ob die Brandursache jemals endgültig geklärt werden kann, ist derzeit noch offen. Das werde auf jeden Fall noch einige Zeit dauern, sagte der Polizeisprecher.

Feuer breitete sich offenbar binnen Minuten aus

Auch die Frage, warum sich die Flammen in rasender Geschwindigkeit ausbreiteten, soll geklärt werden. Die ersten Feuerwehrmänner waren nur zehn Minuten nach dem Notruf an der Unglücksstelle. Das „brannte der Bus bereits lichterloh“, sagte ein Sprecher der Feuerwehr. Die Hitze war so groß, dass die Retter nichts mehr für die 18 eingeschlossenen Menschen tun konnten.

Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer, sagte im ARD-Brennpunkt am Montagabend: „Das große Problem liegt in den Innenraum-Materialien der Busse: Sie sind deutlich leichter entflammbar als die, die die Deutsche Bahn verbauen muss.“

Ein Experte sagte, dass auch eine automatische Löscheinrichtung die Katastrophe kaum hätte verhindern können. Diese lösche im Motorraum, eventuell auch im Gepäckraum und in der Toilette, dürfe aber nicht im Innenraum löschen, sagte Johannes Hübner vom RDA Internationalen Bustouristik Verband in Köln. Die chemischen Löschmittel könnten Passagiere sonst beeinträchtigen. (dpa, APA/AFP, TT.com)