Letztes Update am Mi, 23.05.2018 14:15

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Jahresbericht

Ärzte ohne Grenzen: Bei Rohingya droht „Krise in der Krise“

Die einsetzenden heftigen Monsunregen in Bangladesch lassen Überschwemmungen, Erdrutsche und den Ausbruch von Krankheiten in den Flüchtlingslagern befürchten.

Angehörige der muslimischen Minderheit Rohingya in Myanmar.

© AFPAngehörige der muslimischen Minderheit Rohingya in Myanmar.



Wien, Yangon – Die Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ warnt vor einer „Krise in der Krise“ in den Flüchtlingscamps der Rohingya in Bangladesch. Die einsetzenden heftigen Monsunregen lassen Überschwemmungen, Erdrutsche und den Ausbruch von Krankheiten befürchten, sagte Margaretha Maleh, Präsidentin von „Ärzte ohne Grenzen“ in Österreich, am Mittwoch anlässlich der Präsentation des Jahresberichts 2017 in Wien.

Mehr als 900.000 aus Myanmar geflüchtete Angehörige der muslimischen Minderheit leben nach Angaben von „Ärzte ohne Grenzen“ (Medecins Sans Frontieres/MSF) unter an sich schon schwierigsten Bedingungen im Nachbarland. Die internationale Organisation hat ihre Kapazitäten erhöht und zusätzlich zu vier Spitälern, drei Gesundheitszentren und zehn Gesundheitsposten ein 100-Betten-Krankenhaus errichtet, um für die Behandlung zusätzlicher Patienten mit Durchfallerkrankungen und schlimmstenfalls Cholera gewappnet zu sein.

Zugleich warnte Maleh vor Plänen der Regierungen von Bangladesch und Myanmar, die Flüchtlinge zurückzubringen. „Die Menschen sind vor unglaublicher Gewalt geflohen, und immer noch flüchten Menschen über die Grenze.“ Die Berliner Kinderärztin Mona Tamannai, kürzlich von einem Einsatz im Rohingya-Camp in Bangladesch zurückgekehrt, berichtete von einem mangelernährten Vierjährigen mit vernarbter Speiseröhre. Er war in Myanmar von Uniformierten gezwungen worden, Batteriesäure zu trinken.

EU „unterstützt System der Ausbeutung“ in Libyen

Ihre Kritik erneuert haben „Ärzte ohne Grenzen“ an der EU-Politik gegenüber Libyen und dem mangelnden Schutz von Flüchtlingen mit dem Ziel Europa in dem nordafrikanischen Staat. „Wer Libyen dabei unterstützt, Menschen abzufangen und in das Bürgerkriegsland zurückzuführen, unterstützt ein kriminelles System der Misshandlung und Ausbeutung“, sagte Geschäftsführer Mario Thaler.

Im September 2017 habe man EU-Kommission und -Staaten auf die katastrophalen Zustände in libyschen Lagern aufmerksam gemacht, wo es zu Missbrauch, Vergewaltigungen und Versklavung kommt. „Die Kassandra-Rufe wurden nicht gehört. Erst nach einem CNN-Bericht gab es große Aufregung“, sagte Thaler. „Seither ist wenig passiert.“

Ebola-Einsatz im Kongo angelaufen

Nach dem Ebola-Ausbruch in der Demokratischen Republik Kongo mit mehr als 50 Verdachtsfällen haben „Ärzte ohne Grenzen“ 50 Tonnen Material in das betroffene Gebiet geschickt, um Kranke zu isolieren und zu behandeln sowie bei der Aufklärung der Bevölkerung zu helfen. Zwei Isolierstationen wurden eingerichtet, zwei Behandlungszentren werden aufgebaut.

Vom Wiener Büro der Organisation wurden im vergangenen Jahr 156 Einsatzkräfte zu 226 Hilfseinsätzen in 45 Ländern entsandt, die Nothilfe im Umfang von 771 Monaten leisteten. „Das ist die bisher höchste Einsatzzeit durch Fachkräfte aus Österreich und Zentraleuropa“, sagte Thaler. An Spenden hat die österreichische Sektion im vergangenen Jahr mehr als 23 Millionen Euro eingenommen. 63 Hilfseinsätze wurden unterstützt. (APA)

Weitere Infos zu den Hilfseinsätzen mit österreichische Unterstützung im Jahresbericht von „Ärzte ohne Grenzen“ unter www.msf.at/jahresbericht-2017