Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 01.08.2018


Exklusiv

Tiroler am Vulkan in Lombok: „Wir sind einfach losgerannt“

Der Tiroler Reinhard Egger und Freundin Theresa waren auf dem Gipfel des indonesischen Vulkans Rinjani, als die Erde zu beben begann. 543 eingeschlossene Urlauber wurden gerettet.

© Reinhard Egger/Facebook„Für alle, die sich Sorgen machen, uns geht es gut“, schreibt der Tiroler Rennrodler Reinhard Egger gestern auf Facebook und postet dazu dieses Bild, das ihn mit seiner Freundin Theresa zeigt.



Von Benedikt Mair

Innsbruck, Lombok – Auch drei Tage danach muss Reinhard Egger immer wieder kurz schlucken, wenn er von dem berichtet, was er und seine Freundin Theresa am Sonntag erlebt haben. Die zwei Tiroler waren gerade am Gipfel des Vulkans Rinjani auf der indonesischen Insel Lombok, als ein Erdbeben der Stärke 6,4 die Region erschütterte. Viele Menschen starben, die beiden Urlauber jedoch blieben unverletzt. „Aber ganz ehrlich, wir hatten einen riesigen Schutzengel. So wie viele andere auch“, sagt Egger.

Die Geschichte des 28-jährigen professionellen Rennrodlers und zweifachen Olympia-Teilnehmers beginnt einige Stunden vor dem verheerenden Beben, um 2 Uhr nachts Ortszeit: „Wir haben in einer Unterkunft auf rund 1600 Höhenmetern übernachtet. Und mussten so früh aufstehen, damit wir rechtzeitig zum Sonnenaufgang am Gipfel auf 3726 Höhenmetern sind. Unser Guide hatte angekündigt, dass es eine sehr anstrengende Tour wird – und hatte Recht behalten. Je näher wir dem Ziel kamen, desto mühsamer wurde jeder Schritt.“ Vier Stunden haben sie für den Aufstieg zum Gipfel gebraucht, über Geröllfelder, die einer Mondlandschaft gleichen.

Oben angekommen eröffnete sich dann der fantastische Ausblick: „Vor uns lag der Krater, in ihm der See. Zu diesem Zeitpunkt waren etwa 40 Menschen dort oben. Alle haben Erinnerungsfotos gemacht, die Sonne ging auf. Und wir haben uns schon wieder für den Abstieg bereit gemacht.“ Plötzlich habe Egger ein mulmiges Gefühl verspürt. „Ich dachte zuerst, dass mir schwindelig wird, die Anstrengung doch zu groß war. Bis ich merkte: Es geht allen gleich. Wir schmissen uns zu Boden. Das krächzende Rumoren, das zu hören war, kann ich kaum beschreiben. Fünf, sechs, sieben Sekunden. Wir haben unsere Sachen geschnappt. Und dann sind wird einfach losgerannt. Hinter uns brach der Kraterrand ab und das Geröll stürzte in die Tiefe“, schildert er.

Sie rannten. Rannten um ihr Leben, sagt Egger, wussten nicht, was vor sich ging. „Ich habe kurz geglaubt, dass der Vulkan ausbricht und es mit uns vorbei ist.“ Sie rannten weiter. Vor ihnen taten sich Risse im Boden auf. Im Lager angekommen, in dem sie kurz zuvor noch die Nacht verbracht hatten, war alles zerstört, einige Gebäude „in sich zusammengebrochen. Immer wieder gab es kleine Nachbeben.“ Nach langer Wartezeit wurden Egger, seine Freundin und andere Mitglieder der Wandergruppe schließlich mit einem Bus abgeholt und zu einer Unterkunft gebracht. „Menschen haben geweint, lagen sich in den Armen. Es war fatal, die totale Überforderung. Als ich abends geduscht habe, bin ich zusammengezuckt, als sich der Wasserdruck verändert hat, ich dachte, es ginge schon wieder los. So richtig verarbeitet habe ich das Erlebte immer noch nicht.“

Während die zwei Tiroler sich bereits am Sonntag in Sicherheit bringen konnten, waren Hunderte Wanderer tagelang auf dem Rinjani eingeschlossen, Geröll und Schlamm versperrten den Weg ins Tal. Wie die indonesischen Behörden gestern mitteilten, sind inzwischen aber mindestens 543 Wanderer gerettet worden. Lediglich zehn Menschen waren am Dienstag noch in dem schwer zugänglichen Gelände. Die Bilanz des Bebens: 16 Tote und mehr als 350 Verletzte.

Der in Langkampfen lebende Egger und seine aus Kundl stammende Freundin wollen ihren Urlaub nach langem Hin-und-her-Überlegen doch noch genießen. Sie befinden sich derzeit im Süden der Insel Lombok, am Meer. In vier Tagen geht es zurück in die Heimat. Eines steht für den begeisterten Wanderer aber fest: „Der Rinjani ist der letzte Berg in einer seismisch aktiven Zone, den ich bestiegen habe.“


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