Letztes Update am Fr, 02.11.2018 16:57

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Unwetter in Kärnten

Massiver Felssturz im Lesachtal: 40 Soldaten retten sich im letzten Moment

Im Kärntner Lesachtal hat es am Freitag einen massiven Felssturz gegeben, der um ein Haar 40 Soldaten des Bundesheeres getroffen hätte. Nach der Unwetterkatastrophe könnten die Betroffenen unterdessen auf großen Teilen der Schäden sitzenbleiben.

Ein durch den Steinschlag beschädigtes Bundesheer-Fahrzeug.

© BundesheerEin durch den Steinschlag beschädigtes Bundesheer-Fahrzeug.



Klagenfurt – Dramatischer Zwischenfall beim Unwetter-Hilfseinsatz im Kärntner Lesachtal. Nahe der Ortschaft Promeggen lösten sich aus einem steilen Hang Tonnen von Gestein und donnerten zu Tal. 40 Soldaten des Bundesheeres konnten sich im letzten Moment retten. Wie Bürgermeister Johann Windbichler bestätigte, hörten die Soldaten das Donnern der sich lösenden Felsen und konnten sich gerade noch in Sicherheit bringen. Ein Bundesheer-Fahrzeug wurde schwer getroffen.

„Das Bundesheer arbeitete sich in Richtung Maria Luggau vor zur Abbruchstelle der Bundesstraße“, erklärte Windbichler. Am Hang oberhalb lösten sich die riesigen Felsblöcke. „Es war sehr kritisch. Es hätte Tote geben können.“ Nach dem Vorfall wurden die Einsatzkräfte von der Stelle abgezogen, auch die Feuerwehrleute die von der Osttiroler Seite her an der Wiederherstellung der Verbindung arbeiteten.

Nach dem Felssturz wurden die Einsatzkräfte von der Stelle abgezogen.
Nach dem Felssturz wurden die Einsatzkräfte von der Stelle abgezogen.
- Bundesheer

„Die Hänge sind in Bewegung“

Windbichler: „Der Steinschlag ist die nächste große Gefahr, die wir jetzt haben. Das tritt jetzt vermehrt auf.“ Die Hänge seien aufgeweicht, die Bäume umgestürzt. Auch Regen hatte Am Freitag wieder eingesetzt, berichtet der Bürgermeister. „Die Hänge sind in Bewegung.“ Nun wurde der Landesgeologe eingeflogen, um die Situation einer neuen Bewertung zu unterziehen.

Die Stimmung in der Bevölkerung im seit bald eine Woche von der Außenwelt abgeschnittenen Tal sei angespannt aber ruhig, sagte Windbichler. „Die Lesachtaler sind ja gewohnt, dass man immer wieder eingeschlossen ist im Tal. Es ist eine angespannte Ruhe, keine Hysterie - solange wir keinen Personenschaden haben, das ist das Wichtigste. Die Leute bleiben so gut es geht daheim.“ Er selbst kenne Katastrophensituationen aus seiner Zeit als Feuerwehrkommandant, sagte der Bürgermeister. „Man muss einfach Schritt für Schritt die Prioritäten abarbeiten.“

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Im Gailtal liefen die Arbeiten zur Absicherung der Dämme weiter. Blackhawk-Hubschrauber des Bundesheeres waren im Einsatz. Mit Flussbausteinen und Schotter sollten die eingestürzten Dämme provisorisch wieder hergestellt werden. Heinz Pansi, Bezirkshauptmann von Hermagor, gab sich überzeugt, dass die Folgen der Unwetter mit Föhnsturm und Hochwasser die Menschen in den betroffenen Gebieten noch über Monate beschäftigen werden. „Mit dem Windbruch haben wir uns noch gar nicht beschäftigt.“

Schäden im dreistelligen Millionenbereich

Trotz Beteuerungen von Behörden und Politik könnten Betroffene der Unwetter-Katastrophe im Süden Österreichs auf großen Teilen der Schäden sitzenbleiben. Eine Pflichtversicherung für Hochwasserschäden gebe es noch immer nicht, kritisierte Gerhard Schöffmann von der Kärntner Landesversicherung am Freitag. Er geht von Schäden im dreistelligen Millionenbereich aus.

Gebäudeschäden allein bei 200 Millionen Euro

„Für die Betroffenen ist das eine sehr schwierige Geschichte.“ Den Versichertenschaden, also das, was die Versicherer bezahlen werden, schätzt der Vorstandsdirektor allein in Kärnten auf 30 bis 50 Millionen Euro. Das sei aber nur ein Bruchteil dessen, was tatsächlich passiert sei. Der tatsächlich eingetretene wirtschaftliche Schaden liege um ein x-faches höher. Allein die Gebäudeschäden dürften sich auf 200 Millionen Euro belaufen. „Die Gesamtschäden mit Infrastruktur, Straßen, Brücken, Windbruch, den Folgeschäden in der Landwirtschaft lassen sich kaum abschätzen.“

Während Sturmschäden – etwa abgedeckte Häuser – zur Gänze von den Versicherungen bezahlt werden, seien die Deckungen bei Hochwasserschäden nur sehr eingeschränkt. Und laut Schöffmann sei aktuell der überwiegende Teil der Schäden den Hochwassern zuzurechnen. „Wir haben hier eine Deckung von 10.000 bis 12.000 Euro pro Einfamilienhaus. Ein vollgelaufenes Haus, dort müssen Sie mit Schäden rechnen, die sich an der 100.000 Euro-Grenze befinden.“

„Katastrophenfonds zahlt nur sehr eingeschränkt“

Die Differenz werde zum Teil aus dem Katastrophenfonds bezahlt – bewertet nach dem Zeitwert. Für einen 30 Jahre alten Fußboden werde deshalb so gut wie nichts mehr bezahlt, bemängelte Schöffmann. Eine Versicherung würde den Neuwert als Basis nehmen. Abgesehen davon dauere die Abwicklung über den Katastrophenfonds oft sehr lange. So seien etwa bis heute noch nicht alle Schäden des Hochwassers in Lavamünd im Jahr 2012 abgeschlossen.

„Es steht zu befürchten, dass sehr viele sehr viel weniger bekommen werden, als sie erwarten.“ In aller Regel klinge es sehr schön, wenn die Politik Hilfe zusage, für die Betroffenen entspreche das aber letzten Endes nicht den Tatsachen, wie die Vergangenheit gezeigt habe, sagte Schöffmann. „Der Katastrophenfonds zahlt nur sehr eingeschränkt.“ Eine obligatorische Pflichtversicherung, angebunden an die Feuerversicherung, würde im Jahr nicht mehr als 20 bis 50 Euro pro Haushalt kosten, erklärte der Versicherungschef. „Das würde jene massiv entlasten, die jetzt so schwer betroffen sind.“ Fertige Konzepte der Versicherungen dafür gebe es schon lange. „Seit mehr als zehn Jahren bemühen wir uns darum, eine solche Regelung zu bekommen. Die Konzepte liegen aber unbearbeitet in den zuständigen Ministerien.“ (TT.com, APA9