Letztes Update am Mi, 04.12.2019 10:59

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Erinnerung

Air+Style-Tragödie vor 20 Jahren: Wunden, die nie ganz verheilen

Auf den Tag vor 20 Jahren endete der Air+Style-Snowboard-Contest mit einer Tragödie. Sechs Mädchen starben. Veranstaltungs-Boss Andrew Hourmont und der damalige Sieger Stefan Gimpl erinnern sich.

Am 4. Dezember 1999 war die Bergisel-Arena prächtig gefüllt. Über die tatsächliche Zuschauerzahl scheiden sich bis heute die Geister.

© falkAm 4. Dezember 1999 war die Bergisel-Arena prächtig gefüllt. Über die tatsächliche Zuschauerzahl scheiden sich bis heute die Geister.



Von Max Ischia

Innsbruck — Andrew Hourmont trägt Schwarz. Von Kopf bis Fuß. Selbst die Schleife, die seinen rechten Arm nach einer Schulteroperation fixiert, passt dazu. „Das ist Zufall", sagt der 53-Jährige, der heute vor 20 Jahren binnen Minuten unvermittelt von den höchsten Höhen in die tiefsten Tiefen stürzte. Gerade noch hatte der gebürtige Waliser mit 20.000, 30.000 oder gar 45.000 Fans — so genau ließ sich das nie ermitteln — über den ersten österreichischen Air+Style-Sieg durch Stefan Gimpl gejubelt, da sah sich der OK-Boss Minuten später mit Bildern und Realitäten konfrontiert, denen kein Mensch gewachsen sein konnte.

Fünf Mädchen verloren beim Verlassen des Bergisel-Stadions ihr Leben. Weitere 38 Menschen wurden zum Teil schwer verletzt, vier sind bis heute Pflegefälle — erdrückt von der Menschenwalze, die sich beim Westausgang bei heillosem Gedränge nichts ahnend ihren Weg bahnte.

Eine unsagbare Tragödie, welche viele Familien auf eine knüppelharte Probe stellte und den kometenhaften Aufstieg des Snowboard-Kult- Events nicht minder rasant stoppte. Seither erinnert eine Gedenksäule am Bergisel an die Tragödie vor zwanzig Jahren. Hourmont brauchte gezählte sieben Jahre, um den Unglücksort erstmals wieder aufzusuchen. Später, exakt im Jänner 2008, kehrte der Air+Style nach Stationen in Seefeld, München und Moskau erstmals wieder auf den Bergisel zurück, ehe das schleichende Ende mit zwei Events auf dem Gelände der Olympia World (2016, 2017) eingeläutet wurde.

Auch die Einsatzkräfte waren an diesem schicksalshaften 4. Dezember 1999 über die Maßen gefordert.
Auch die Einsatzkräfte waren an diesem schicksalshaften 4. Dezember 1999 über die Maßen gefordert.
- lta.alt

Hourmont wird heute nicht auf dem Bergisel anzutreffen sein, vielmehr „irgendwo alleine spazieren gehen und ganz bewusst in mich gehen". Mit dem 4. Dezember habe er Frieden geschlossen. Schließen müssen. „Die ersten zehn Jahre waren schwer, ich bin in das viel zitierte schwarze Loch gefallen. Aber irgendwann habe ich mir klargemacht, dass ich wieder an die Zukunft glauben muss."

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Eine Zukunft, die so ziemlich genau in einem Jahr einen Nachfolge-Event des Air+Style am Bergisel vorsieht. „Gerade mit der Stadt Innsbruck stehen diesbezüglich noch Gespräche an", sagt einer, der seinen Traum von einer globalen Big-Air-Tour noch nicht begraben hat. Knapp sechs Jahre, nachdem Hourmont die Marke Air+Style an Snowboard-Superstar Shaun White (USA) verkauft hat, ist vom einstigen Glanz nicht mehr viel geblieben.

Eine Gedenksäule erinnert „an die Unfallopfer vom Bergisel am 4. Dezember 1999“, wie es auf der Inschrift heißt.
Eine Gedenksäule erinnert „an die Unfallopfer vom Bergisel am 4. Dezember 1999“, wie es auf der Inschrift heißt.
- TT / Thomas Boehm

Nicht ausgeschlossen, dass der anstehende Air+Style am 14. Dezember in Peking das Ende einer 25-jährigen Ära einläutet. „Schade, wenn es so weit kommen sollte", sagt Hourmont, der sich vor drei Jahren gänzlich aus dem Air+Style zurückgezogen hat.

Stefan Gimpl war 1999 gerade 20, als der Salzburger bei seiner Air+Style-Premiere die Massen verzückte und als erster Österreicher den „Ring of Glory" überstreifen durfte. „Ein wahr gewordener Traum", der binnen weniger Minuten zur Randnotiz verkam. Auch für den Leoganger selbst. „Mir wurde damals drastisch vor Augen geführt, wie unwichtig so ein Sieg eigentlich im Leben ist. Auch wenn man als Sportler natürlich alles für den Erfolg tut."

Falls es im Dezember 2020 wieder einen „coolen Contest" am Bergisel geben sollte, würde das Gimpl nur begrüßen. Vorerst genießt er aber das Papaglück: Lebensgefährtin Christina brachte am 1. Dezember Söhnchen Johannes zur Welt.

Die langen Schatten des Bergisel-Unglücks

Tragödie: Es ist die Nacht des 4. Dezember 1999. Nach Ende des Air+Style-Snowboard-Contests drängen Tausende zu den Ausgängen des alten Bergiselstadions. Beim Westausgang sammeln sich die Massen, ein Absperrzaun bricht. Jugendliche stürzen, die unwissende Masse drückt nach und fünf Frauen im Alter von 15 und 21 Jahren finden dabei den Tod. 38 Personen erleiden Verletzungen, vier Besucher bleiben Pflegefälle, ein Mädchen stirbt 2003 an den Folgen der schweren Verletzungen.

Verantwortung: Stadt Innsbruck und Land Tirol wurden zur Haftung herangezogen, weil das baufällige Bergiselstadion nicht mehr den Sicherheitsstandards entsprach. Laut Gutachten hätten 1999 nur 6000 Besucher eingelassen werden dürfen, um das Stadion innerhalb von acht Minuten zu räumen. Zugelassen waren aber 38.000 Zuschauer. Deshalb geriet auch die Veranstaltungsbehörde ins Kreuzfeuer.

Sofortmaßnahmen: Für das ein Monat später stattfindende Skispringen wird die Zuschauerzahl auf 25.000 reduziert, mit Bau der neuen Schanze gar auf 22.500. Dazu werden Sektoren eingeführt und diese auch farblich gekennzeichnet. Auch das Abströmen der Zuschauer wurde fortan sektorenweise geregelt.

Haftung: Infolge des Schadenersatzprozesses einigten sich Stadt Innsbruck, Land Tirol und die Uniqa-Versicherung mit den Opfern auf die Schadenersatzzahlung von 10,7 Millionen Euro.

Letzter Prozess 2005: Das Gericht schloss sechs Jahre nach dem Unglück die Akten. Der damalige Sicherheitschef Gerald Falger wurde freigesprochen. (TT)