Letztes Update am Mo, 11.11.2013 14:49

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Tausende Tote auf Philippinen

Lage in Taifun-Gebiet „apokalyptisch“, Tirol beschließt 350.000 Euro Soforthilfe

Das gewaltige Ausmaß der Zerstörung durch „Haiyan“ wird immer deutlicher: Tausende Tote, eine halbe Million Obdachlose, die Infrastruktur verwüstet. Hilfe für die Opfer kommt nun auch vom Land Tirol. Auf der Insel Cebu hat der Tiroler Michael Weinold den Jahrhundert-Taifun hautnah miterlebt.

© REUTERSZerstörung so weit das Auge reicht: In Tacloban City stehen Zehntausende Menschen vor dem Nichts.



Innsbruck/Tacloban City - Die Tiroler Landesregierung stellt 350.000 Euro Soforthilfe für die Opfer des Taifuns „Haiyan“ auf den Philippinen bereit. Das gab Landeshauptmann Günther Platter am Montag in einer Aussendung bekannt. „Angesichts der schrecklichen Bilder von den Auswirkungen der Taifun-Katastrophe ist es mir ein Herzensanliegen, hier Solidarität mit den betroffenen Menschen zu zeigen“, so Platter. Die Abwicklung der Hilfsgelder erfolgt über SOS Kinderdorf International. Die Organisation mit ihrem Hauptsitz im Innsbrucker Stadtteil Amras werde das Geld für Sofortmaßnahmen vor Ort einsetzen.

Die Menschen werden verrückt. Sie plündern die Geschäfte, um Reis und Milch zu finden. Ich habe Angst, dass sie sich wegen des Hungers in einer Woche gegenseitig umbringen.
Andrew Pomeda, Lehrer aus Tacloban City

Im Katastrophengebiet wird Hilfe dringend benötigt. Für Zehntausende Filipinos verschlimmert sich die Situation mit jeder Stunde. Der Hilfsappell aus Tacloban City, der Hauptstadt der Provinz Leyte ist eindringlich: „Bitte, bitte schickt uns Hilfe! Wir brauchen Wasser.“ Allein dort sollen 10.000 Menschen ums Leben gekommen sein, die 200.000-Einwohner-Stadt wurde von „Haiyan“ dem Erdboden gleichgemacht.

Manche suchten in Trümmern nach Brauchbarem. Etwa 300 Soldaten waren im Einsatz, um Plünderungen zu unterbinden. Überdies seien 500 Pioniere um die Stadt herum im Einsatz, um Straßen freizuräumen. Ein Anrainer beschrieb die Gewalt: „Die Menschen werden verrückt. Sie plündern die Geschäfte, um Reis und Milch zu finden. Ich habe Angst, dass sie sich wegen des Hungers in einer Woche gegenseitig umbringen“, sagte der Lehrer Andrew Pomeda.

Rettungskräfte überfordert

In Tacloban verwesten am Montag bei Temperaturen von mehr als 30 Grad die herumliegenden Leichen in den Straßen. Anrainer sprachen von unvorstellbarem Geruch. Die Lokalbehörden bereiteten Massengräber vor. Die wegen des schweren Erdbebens im Oktober ohnehin strapazierten Rettungskräfte scheinen restlos überfordert. Es fehlt an Gerät, um die langsam aus aller Welt eintreffenden Hilfsgüter in die Katastrophengebiete bringen zu können.

- APA

Nur drei Transportflugzeuge des Militärs waren vom nahe gelegenen Flughafen in Cebu aus im Einsatz, um das Katastrophengebiet mit dem Nötigsten zu versorgen. Laut Ärzte ohne Grenzen (MSF) wurde der Airport in Tacloban ebenso wie viele Straßen zerstört, es sei fast unmöglich, Telefonate zu führen. Das erschwerte die humanitäre Hilfe. MSF bringt in den kommenden drei Tagen nach eigenen Angaben 200 Tonnen Hilfsgüter in die Region. Der Flughafen in Tacloban wurde laut Augenzeugen von Hunderten Menschen belagert, die dringend auf Trinkwasser und Nahrungsmittel hofften.

Doch nicht nur in Tacloban, auch an vielen anderen Orten zeigt sich ein vergleichbares Bild der Verwüstung. Mehrere betroffene Gebiete sind noch von der Außenwelt abgeschnitten, nur langsam wird die Kommunikation wieder hergestellt. Noch ist also nicht bekannt, wie viele Menschen dem Taifun tatsächlich zum Opfer gefallen sind. Tausende Menschen wurden am Montag noch vermisst - allein 2000 in der dem Erdboden gleichgemachten Ortschaft Basey.

Laut den Vereinten Nationen haben mehr als eine halbe Million Menschen im Land ihre Häuser verloren. Viele hatten auch am dritten Tag nach dem Taifun keinen Zugang zu Lebensmitteln, Trinkwasser oder Medikamenten. Von dem Sturm insgesamt betroffen sind nach UN-Angaben etwa 9,5 Millionen Menschen.

Von einer „apokalyptischen Situation“ sprach der Chef der Caritas Auslandshilfe Österreich, Christoph Schweifer. Zwei im Krisengebiet eingetroffene Mitarbeiter der Organisation „sehen eigentlich nur Trümmerhaufen“, sagte Schweifer im Ö1-Morgenjournal am Montag. Es fehle grundsätzlich an allem - an Wasser, Nahrungsmitteln, Hygienematerial und Notunterkünften, betonte die Caritas. Große Hilfsmengen müssten rasch zu den Menschen gebracht werden, „gleichzeitig ist aber die Logistik zusammengebrochen“, erklärte Schweifer die Herausforderung, vor der die Hilfsteams standen. Der Flughafen funktionierte nicht, Telefonieren ebenso wenig. „Allein sich einen Überblick zu verschaffen, ist eine enorme Herausforderung.“

Trinkwasser und Lebensmittel sind rar nach der Katastrophe.
- REUTERS

Tiroler Volontär schockiert

Der Tiroler Michael Weinold hat die Auswirkungen von „Haiyan“ auf der Insel Cebu miterlebt. Der 18-Jährige arbeitet im Rahmen eines Volontariats in einem Waisenhaus von Salesianer Don Bosco außerhalb der Großstadt Cebu City, die rund 250 Kilometer südwestlich von Tacloban liegt.

„Strommasten brachen wie Zahnstocher, riesige Bäume fielen einfach um, Gebäude wurden schwer beschädigt. Dann kamen Überschwemmungen dazu“, schilderte Weinold. „Wir sind noch immer mir den Aufräumarbeiten beschäftigt.“ Und das obwohl der Taifun bei Cebu nicht so stark gewütet habe wie in anderen Landesteilen. „Über die Lage nördlich von uns habe ich erst nach Tagen erfahren, als wir wieder Internet hatten. Die Berichte über 10.000 Tote sind natürlich schockierend. Ich kenne Leute dort.“

Weinold war bei seiner Ankunft auf den Philippinen im Rahmen eines Volontariats mit dem Erdbeben von Mitte Oktober konfrontiert. Nun erlebte der junge Mann die nächste Naturkatastrophe mit. Tage vor Eintreffen des „Supertaifuns“ wurde er gewarnt. „Eine Woche lang auf allen Wetteralarm-Webseiten die Ankunft des Sturms mitzuverfolgen, das war allein schon sehr gruselig“, erzählte Weingold.

Der Tiroler half mit den Kindern des Waisenhauses beim Verpacken von Hilfsgütern. „Der Umfang der Hilfsarbeiten ist viel größer als nach dem Erdbeben“, sagte Weinold. Zahlreiche verzweifelte Menschen suchten in den von Don Bosco geführten Schulen in Cebu Hilfe, berichtete Jugend eine Welt. Sie werden dort mit dem Nötigsten versorgt.

In Tacloban werden die Leichen in Massengräbern bestattet.
- REUTERS

Viele Orte noch nicht erreicht

Die philippinische Regierung hat die am Wochenende kursierende Totenzahl von etwa 10.000 noch nicht kommentiert. Die offiziell bestätigte Zahl liegt bei 492, gilt aber als unwahrscheinlich. „Wir wollen niemand alarmieren, der nach Verwandten sucht“, sagte Präsident Benigno Aquino. „Unsere Priorität sind die Lebenden.“

Spenden für die Opfer des Taifuns

Caritas Tirol: RLB, BLZ 36.000 Konto 670950, Kennwort „Katastrophe Philippinen“

Rotes Kreuz: Erste Bank, BLZ 20111, Konto 40014400144, Kennwort „Überflutungen Philippinen“

Jugend eine Welt: Raiffeisen Landesbank Tirol, BLZ 36000, Konto 24000

Hilfswerk Austria: PSK, BLZ 60000, Konto 90001002, Kennwort „Philippinen“

Ärzte ohne Grenzen: PSK, BLZ 60.000, Konto 93040950, Kennwort „Notfall-Fonds“

Der Polizeichef der Provinz Leyte, Elmer Soria, sagte örtlichen Medien, viele Orte entlang der Küsten seien von Rettungskräften noch gar nicht erreicht worden. Die Aufräumarbeiten könnten in den nächsten Tagen durch weitere Regenfälle erschwert werden. Ab Dienstag sind heftige Niederschläge vorhergesagt.

Reporter des Senders ANC erreichten inzwischen mit Mopeds erstmals den 40.000-Einwohner-Ort Guiuan. Die Journalisten zeigten Bilder unglaublicher Verwüstung: Der Rest eines Kirchturms ragte in die Luft. Tonnenschwere Gesteinsbrocken waren meterweit verstreut, viele Häuser und Hütten zerstört. Auch hier dürften die Opferzahlen in die Tausenden gehen.

Der Sturm war am Freitag mit Windstärken von bis zu 380 Kilometern pro Stunde über den Inselstaat in Südostasien hinweggefegt. Er ist damit einer der stärksten Taifune, die jemals auf Land trafen. Viele verglichen den Sturm, der heftige Wassermassen bewegte, mit dem Tsunami aus dem Jahr 2004 im Indischen Ozean. Mittlerweile bewegte sich der Sturm auf Vietnam zu - er hat jedoch deutlich an Stärke verloren. (tt.com, APA/Reuters/dpa/AFP)