Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 17.01.2016


Leute

Durchs Stubenfenster grüßt die Streif

Ernst Hinterseer, Sieger im Olympia-Slalom von 1960, hat sich mit seiner Gattin Reingard am Fuße des Hahnenkamms eine Pension gebaut, wohnt aber inzwischen in einem gemütlich eingerichteten Zubau.

Der Hausherr auf einem der Balkone, die sich um den Wohnraum ziehen

© hoeDer Hausherr auf einem der Balkone, die sich um den Wohnraum ziehen



Von Peter Hörhager

Kitzbühel – Wenn in der kommenden Woche die Gladiatoren des Ski-Weltcups über die Streif brettern, dann schweben sie vorher in den Hahnenkamm-Gondeln über das Haus eines Großen ihrer Zunft – über jenes von Ernst Hinterseer sen. 200 Meter oberhalb der Talstation hat er sich 1961 eine Pension gebaut. Ein Jahr nach seinem erfolgreichsten Jahr also, in welchem er – in Squaw Valley – Olympiasieger im Slalom (es war die einzige „Goldene“ für Österreich) und damit auch Weltmeister wurde, und als Draufgabe noch eine Bronzemedaille im Riesenslalom gewann. „Es war eine turbulente Zeit“, erinnert sich der Kitzbühler, „denn in der Saison 1957/58 drohte das Aus meiner Sportlerkarriere – ich kam beim Training für die Arlberg-Kandahar-Abfahrt in St. Anton schwer zu Sturz, erlitt einen Beinbruch und war aufgrund einer Embolie sogar kurzzeitig in Lebensgefahr.“

2002 übergab er die Pension, die er einst mit den Dollars finanzierte, die er als Profi zwischen 1961 und 1967 (1963 wurde er sogar Profi-Gesamt-Weltmeister) in den USA verdient hatte, an Sohn Guido. Dieser führt sie seither mit seiner Gattin Kerstin. Der Senior hat seinen Wohnraum in den ersten Stock eines Zubaues verlegt und fühlt sich dort „pudelwohl“. Verständlich – er überblickt den gesamten Kessel, in dem seine Vaterstadt liegt, hat den Wilden Kaiser zum Greifen nahe vor sich, die Skipiste führt direkt an der Pension vorbei. Und die nutzt der Ernst, der am 27. Februar 84 Jahre alt wird, noch fleißig. „Ich schnall’ mir noch fast jeden Tag die Brettl’n an“, betont er und ergänzt, dass er auch in der schneefreien Zeit auf dem Hahnenkamm „dahoam ist“ oder in die Fluten des Schwarzsees taucht.

Logischerweise ist die sportliche Vergangenheit des rüstigen, bodenständigen Kitzbühlers auch in dessen Wohnraum nachvollziehbar. Fotos des Wunderteams (Toni Sailer, Hias Leitner, Anderl Molterer, Fritz Huber . . .), Ernst in Aktion, dazu die Gold- und WM-Medaillen, die Urkunde, die er als österreichischer Sportler des Jahres 1960 erhielt, das goldenen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich, nicht zu vergessen den Ehrenring der Stadtgemeinde Kitzbühel („die für mich wichtigste Auszeichnung“) zeigt er beim Rundgang voll Stolz. Und Fotos der Familie, vor allem der sechs Enkel. Einem von ihnen folgt er auch in ferne Städte – Lukas Hinterseer spielt ja in der deutschen Bundesliga beim FC Ingolstadt.

Seine Wohnung, von der sich Fenster in alle Himmelsrichtungen öffnen, charakterisiert Ernst Hinterseer als „gemütlich, ländlich, nicht zu überladen, ausgestattet mit Gegenständen, die mir und meiner Frau lieb sind“. Darunter befinden sich auch einige Erbstücke, von denen „ich mich nie trennen würde“. Und in guter tirolischer Tradition gibt es auch einen „Herrgottswinkel“. Der große Balkon, der sich fast um den ganzen Zubau zieht, und die Sauna sind weitere Orte des Wohlfühlens im Hause Hinterseer. Wenn es draußen kalt ist, wärmt in der Stube (auch) das offene Feuer im gemauerten Kamin.

Übrigens: Der Ernst zieht auch heuer im Rahmen des Hahnenkammrennens eine Startnummer über – gemeinsam mit weiteren Kitz-Legenden bei der KitzCharity-Trophy, die am Samstag nach der Abfahrt gestartet wird, und deren Erlös bedürftigen Bergbauernkindern zugute kommt.