Letztes Update am Mi, 10.07.2013 08:24

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Jugendstrafvollzug

Erneut Jugendlicher in Haftanstalt mit Besenstiel vergewaltigt

Erneut gelangt ein brutaler Vergewaltigungsfall ans Tageslicht. Ein weiterer Jugendlicher wurde mit einem Besenstiel gequält. Dieses Mal in der Justizanstalt Gerasdorf. Inzwischen hat die Justiz zugegeben, dass es heuer bereits vier Missbrauchsfälle gab.

(Symbolfoto)

© thomas boehm(Symbolfoto)



Gerasdorf bei Wien – Wie die Wiener Wochenzeitung Falter in ihrer am Mittwoch erscheinenden Ausgabe berichtet, wurde nicht nur in der Justizanstalt Josefstadt ein Jugendlicher mit einem Besenstiel vergewaltigt. Wie nun bekannt wird, wurde nur vier Monate zuvor ein 16-jähriger Gefangener in der Jugendjustizanstalt Gerasdorf ebenfalls mit einem Besen sexuell missbraucht. Justizministerin Beatrix Karl sprach allerdings stets davon, dass der Fall in der Josefstadt ein „Einzelfall“ sei.

Dem widerspricht nun die Darstellung im Falter. Der Fall ereignete sich Anfang Januar und wird von der Staatsanwaltschaft Wiener Neustadt angeklagt. Der Jugendliche wurde im Freizeitraum des Gefängnisses von einem 17-Jährigen vergewaltigt.

„Die Aufsicht durch Beamte hatte versagt. Der mutmaßliche Täter hatte schon in der Josefstadt einen Mithäftling verletzt und wurde deshalb nach Gerasdorf überstellt“, schreibt der Falter. In der Justizanstalt wird demnach beklagt, dass sich zu wenige Beamte um zu viele Gefangene kümmern müssten und Verbrechen daher unter den prekären Umständen nicht zu verhindern seien.

Gefängnisstudie prangert Zustände im Jugendknast an

Der Falter berichtet weiters über eine Gefängnisstudie, die das Ludwig Boltzmann Institut für Menschenrechte und der Weisse Ring dem Justizministerium im Januar vorlegten. Darin üben die Experten schwere Kritik an den Zuständen im Jugendknast. Vor allem das Einsatzkommando, das Jugendliche in Notfällen rufen können, würde die Insassen mit Schlägen traktieren und sei deshalb sehr gefürchtet. Jugendliche müssen immer wieder schwere Übergriffe durch Insassen erdulden, so die Studienautoren.

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Im Falter meldet sich auch Irene Oberschlick, die Anwältin jenes 14-jährigen Buben zu Wort, der in der Josefstadt missbraucht wurde. Die ersten Aussagen von Justizministerin Karl über den Fall seien „unverschämt“ gewesen. Die Justiz dürfe keine Jugendlichen mehr in die Josefstadt schicken, fordert sie, weil diese dort „erniedrigender Behandlung“ und einem „System der Demütigung“ ausgeliefert seien. Jugendrichter, die Minderjährige in die Josefstadt einweisen würden Übergriffe „missbilligend in Kauf nehmen“.

Erneut Ruf nach Rücktritt der Justizministerin

„Justizministerin Karl ist rücktrittsreif. Eine Ministerin, die öffentlich von einem Einzelfall spricht, obwohl ihr bekannt sein müsste, dass es weitere sexuelle Gewaltdelikte im Jugendstrafvollzug gegeben hat, ist nicht mehr vertrauenswürdig“, reagierte der Grüne Justizsprecher, Albert Steinhauser auf den Vorabbericht.

Steinhauser forderte von Karl, dass die Zahlen über Übergriffe im Strafvollzug von Insassen an Insassen offengelegt werden. Die Zeit der Geheimniskrämerei sei vorbei: „Justizministerin Karl hat, entweder vom weiteren Vergewaltigungsfall bereits gewusst und die Öffentlichkeit falsch informiert, oder sie hat es nicht gewusst, was für eine Ressortverantwortliche untragbar ist.“

„Das ist ein Skandal“

Team Stronach Jugendsprecher Stefan Markowitz fordert angesichts des bekannt gewordenen zweiten Falles einer Vergewaltigung eines Jugendlichen in einer Justizanstalt ÖVP-Justizministerin Karl zum sofortigen Handeln auf. „Karl hat einen tragischen Missbrauchsfall in der Justizanstalt Josefstadt als Einzelfall verharmlost und will offenbar weitere Fälle vertuschen. Das ist ein Skandal. Ich erwarte mir von Karl, dass sie endliche Maßnahmen setzt, damit so etwas nie mehr passiert. Andernfalls ist Karl rücktrittsreif.“

Eingeständnis unter öffentlichem Druck?

Am späten Dienstagnachmittag wurde bekannt, dass der Justiz heuer bereits vier Fälle von Übergriffen auf jugendliche Insassen im Strafvollzug bekannt sind. Nachdem Beatrix Karl letzte Woche von einem Einzelfall gesprochen hatte ein Eingeständnis, das wohl im Lichte des Drucks durch die öffentliche Berichterstattung zu sehen ist. Sven Pöllauer, der Sprecher der Justizministerin, bestätigte am Dienstag einen entsprechenden Vorabbericht der Tageszeitung Presse. Neben den bereits bekannten Fällen sei es demnach auch in den Jugendabteilungen Graz und Linz zu Missbrauchsfällen gekommen. (tt.com, APA, OTS)




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