Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 15.06.2015


Natur

Vergifteter Adler fliegt wieder

Ein vierjähriger Jungadler überlebte knapp eine Bleivergiftung. Dank Tierfreunden aus Ischgl und dem Greifvogelpark Telfes kann der König der Lüfte bald wieder abheben.

© Robert GuflerTierärztin Tanja Meister und Greifvogel-Flüsterer Mathias Premm haben den vierjährigen Adler in den letzten zweieinhalb Monaten gesund gepflegt.Foto: Robert Gufler



Von Matthias Reichle

Ischgl, Telfes – Der Steinadler machte keinen Mucks. „Er hat nur leicht den Kopf bewegt“, erinnert sich Toni Prinoth an den Augenblick, als ihn nur noch wenige Meter vom König der Lüfte trennten. Normalerweise kann das majestätische Tier nur mit viel Glück aus großer Entfernung beobachtet werden. „An diesem Tag kam Arthur, ein Gemeindearbeiter aus ­Ischgl, zu mir und fragte, ob ich ein Fernglas habe – 50 Meter hinter meinem Haus liege ein großer Vogel“, erzählt Prinoth wie es am 3. April zu dem bewegenden Zusammentreffen kam. Gemeinsam gingen die beiden Männer nachschauen und wurden damit zu Lebensrettern.

Der vierjährige Adler, der am Boden kauerte, war nämlich dem Tode nah. Messungen ergaben später, dass sein Blut mit 2600 Mikrogramm Blei pro Liter belastet war – bereits 600 sind toxisch. Die Finder griffen zum Telefon und informierten die Wattener Tierärztin Tanja Meister. In der Praxis der Veterinärmedizinerin sind schon viele verletzte Greifvögel gesund geworden. Vor zwei Jahren hat sie einen alten Steinadler, dem man den Namen „Opa“ gab, gerettet. Auch er hatte eine tödliche Dosis Blei im Körper.

Das Schwermetall kam höchstwahrscheinlich über Munitionsrückstände im Fleisch eines verendeten Wildtiers in den Organismus der Vögel. „Es greift dort die Nerven an“, erklärt der Leiter des Greifvogelparks in Telfes, Mathias Premm, die tückische Wirkung des Giftes. Der Patient aus Ischgl wurde noch am selben Tag bei ihm untergebracht und seither mit viel persönlichem Einsatz gepflegt. „Der Adler konnte nicht fliegen, hocken oder fressen, gar nichts. Den klaubten die Leute zusammen wie ein Hendl.“ Die Lage war kritisch, die Erfolgsaussichten trotz teurer Medikamente und viel Zuwendung nicht 100-prozentig.

Inzwischen haben sich die Bleiwerte jedoch wieder normalisiert – „er hat noch Probleme mit den Füßen durch das viele Liegen“, ergänzt er. Wehwehchen, die der Greifvogel-Flüsterer seinem Patienten in Handarbeit wegmassiert.

Beim Adler handelt es sich um ein vierjähriges männliches Jungtier – einen Jugendlichen. Er hat noch kein eigenes Revier, sondern fliegt weite Strecken. Darum ist auch nicht gesichert, dass sich der Adler im Paznaun vergiftet hat, erklärt der Kappler Jäger und Landesjägermeister-Stv. Ernst Rudigier. „Er kann das Blei in Italien, der Schweiz oder beispielsweise in Vorarlberg, selbstverständlich aber auch in Tirol aufgenommen haben. Dass es bleihaltige Munition war, ist anzunehmen, aber natürlich nicht abgesichert.“ Rudigier selbst ist ein Verfechter von bleifreien Projektilen.

In Kürze soll der Adler wieder im Paznauner Jamtal bei Galtür ausgewildert werden, berichtet der Jäger. Der Vogel wird dort nicht bleiben, sondern weiter umherziehen, bis er alt genug ist, um sich ein eigenes Revier zu suchen.

Tierärztin Tanja Meister wünscht sich, dass andere ebenso aufmerksam in der Natur unterwegs sind wie die Ischgler, die glücklicherweise noch rechtzeitig auf den Vogel stießen und Alarm geschlagen haben.

Der Finder Toni Prinoth freut sich bereits, den Adler wieder in die Freiheit fliegen zu sehen – mit einem langen Leben vor sich.