Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 15.04.2018


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Zu viel, zu großflächige Düngung: Fast keine Schmetterlinge mehr

Tirols Bauern bringen derzeit intensiv Gülle und Mist auf die Felder aus. Falterexperte Peter Huemer wünscht sich, dass gewisse Flächen nur einmal im Jahr gemäht werden.

© iStockphotoBläulinge oder der Rote Scheckenfalter waren früher in Tirol weit verbreitet und sind durch intensive Düngun­g und häufigen Grasschnitt im Talboden weitgehend ausgestorben.



Von Brigitte Warenski

Innsbruck — Durchschnittlich drei- bis viermal im Jahr werden Güll­e, Jauche oder Mist auf Tirols Felder ausgebracht, damit das Gras schneller wächst. Meist genauso oft wird — im Gegensatz zu früher — auch gemäht, wie Zahlen belegen. Gab es in Tirol 1999 noch 7962 einmähdige Wiesen (Statistik Austria), waren es 2010 nur noch 4701, was einen Rückgang von 41 Prozent bedeutet.

Bläuling.
- Buchner/Tiroler Landesmuseum

Diese intensive Bewirtschaftung hat laut Tiroler Schmetterlingsexperte Peter Huemer „zu einem dramatischen Rückgang" bei Schmetterlingen geführt, was auch in einer großen Studie in Süd­tirol — die sich auf Nordtirol übertragen lässt — belegt wurde. „Raupen und Falter finden durch den häufigen und sehr großflächigen Grasschnitt keine Rückzugsgebiete mehr. Dazu kommt, dass durch die häufige Düngung fast keine Blumen mehr wachsen und damit die Nahrungsgrundlage fehlt. Und viele Schmetterlingsarten reagieren zudem sehr empfindlich auf Dünger."

„Von durchschnittlich 30 bis 40 Tagfalterarten einer einmahdigen Blumenwiese überleben maximal zwei bis drei in Graswüsten", sagt Hueme­r. Der Wissenschafter wünscht sich daher, dass sich die Bauern dazu durchringen könnten, gewisse Flächen wieder wie früher nur einmal im Jahr zu mähen, möglichst wenig zu düngen und Blühstreifen an den Waldrändern übrig zu lassen. „Das würde die Schmetterlinge und die Blumenwiesen zurückbringen und Einheimische ebenso erfreuen wie Touristen, die Tirol zu Recht gerade wegen seiner Naturvielfalt besonders schätzen." Weil die Landwirte keinen wirtschaftlichen Schaden davontragen dürften, „liegt es in den Händen der Politik, aktiv zu werden. Es müssen umweltfreundliche Maßnahmen stärker gefördert werden."

Roter Scheckenfalter.
- falter

Auch Sebastian Theis­sing-Matei von Greenpeace spricht „von ökologischen Wüsten", die die Insekten wegen der vielen Grasschnitte und Düngung vorfinden. Damit die einzelnen Bauern keine Einbußen erleiden, wenn sie auf gewissen Flächen weniger mähen, „wird es eine finanzielle Kompensation geben müssen". Statt Direktzahlungen müssten Fördermittel „viel stärker an konkrete Umweltleistungen gebunden werden". Es gebe in Österreich laut Theissing-Matei zwar einige sehr gute umweltfördernde Maßnahmen, wie das Aktionsprogramm Nitrat und ÖPUL, „aber 75 bis 80 Prozent der Förderungen sind immer noch an die Fläche und nicht an die Bewirtschaftung gebunden". Einen Teil der Agrar­umweltförderprogramme könnte Österreich im Alleingang forcieren, für andere müsste man sich in den derzeit laufenden Verhandlungen zur GAP-Reform nach 2020 EU-weit starkmachen. „Aber da wäre es extrem wichtig, dass sich Österreich progressiv zeigt, und das sehe ich derzeit nicht. Landwirtschaftskammer und Bauernbund verteidigen noch immer die Direkt­zahlungen", kritisiert er.

Höchst problematisch seien auch Antibiotika­rückstände und antibiotikaresistente Keime, die im Dünger festgestellt wurden — was besonders in Deutschland ein heiß diskutiertes Thema ist. „Das hängt natürlich mit der Massentierhaltung zusammen. Wenn viele Tiere auf engem Raum leben müssen, werden sie häufiger krank und müssen öfter mit Antibiotika behandelt werden. Über 90 Prozent der Medikamente werden ausgeschieden und gelangen im Kreislauf mit der Düngung wieder auf die Felder. Und es werden viele Futterstoffe aus Südamerika importiert, mit denen wir sozusagen die Probleme mit importieren. Es wäre viel sinnvoller, regional Futtermittel anzubauen und diese hier bei uns zu verfüttern. Damit wissen wir, was letztendlich auf die Felder als Dünger kommt."

In der Tiroler Landwirtschaftskammer will man die Kritik an der Düngung nicht so hinnehmen. „Mist, Gülle und Jauche sind aus der Sicht der Landwirtschaft ein wertvolles Betriebsmittel. Im Sinne der Kreislaufwirtschaft kann durch die Ausbringung von Wirtschaftsdünger weitgehend auf synthetische Dünger verzichtet werden. Tirol liegt im österreichweiten Spitzenfeld", heißt es. Weil in Tirol die Laufstallhaltung auf dem Vormarsch ist, „wird aufgrund neuester wissenschaftlicher Ergebnisse zwar häufiger gedüngt, allerdings werden geringere Dosen ausgebracht". Zudem würden sich bereits 90 Prozent der Betriebe an ÖPUL beteiligen, „wodurch sie sich verpflichten, einen gewissen Anteil ihrer Flächen als Blühflächen stehen zu lassen und erst zu einem späteren Zeitpunkt zu mähen".