Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 04.10.2018


Natur

Ein Wiener hilft das Meer säubern

Vor wenigen Tagen ist nahe San Francisco ein riesiger Müllfänger ins Meer geschickt worden. Das „Ocean Cleanup“-Projekt will die Ozeane von Plastik befreien – mit Hilfe des Wieners Gerhard Herndl.

© Alexander BochdanskyGerhard Herndl (l.) beim Vorbereiten der Sammelgefäße für den Tiefseegang auf dem Forschungsschiff Pelagia.



Von Evelin Stark

Wien, San Francisco – Im Schneckentempo zieht eine riesige schwarze Kunststoffröhre mit der Aufschrift „System 001“ durch die Bucht von San Francisco. Der 600 Meter lange überdimensionale Schlauch hält Kurs auf den größten Müllteppich der Welt, zwischen Kalifornien und Hawaii. Der Große Pazifische Müllwirbel – der „Great Pacific Garbage Patch“ – gehört zu den fünf größten Strömungswirbeln weltweit, an denen sich gigantische Mengen Plastikmüll sammeln.

Das medienwirksame Gesicht zur Initiative „Ocean Cleanup“ ist der 24-jährige Niederländer Boyan Slat. Bereits mit 16 Jahren fing er im Rahmen eines Schulprojekts damit an, sich mit der Problematik zu beschäftigen. In den vergangenen Jahren ist es ihm gelungen, ein laut der Projekt-Website mittlerweile rund 70 Personen umfassendes Team zu formen, das sich der Befreiung der Ozeane vom stetig anwachsenden Plastikmüll widmet.

Das „System 001“ befindet sich seit 15. September auf seinem Testplatz außerhalb der Küste San Franciscos.
- Ocean Cleanup

Einer, der dem jungen Aktivisten beratend zur Seite steht und das „Ocean Clean­up“-Projekt unterstützt, ist der Wiener Meeresbiologe Gerhard Herndl.

Für Herndl, der am Department für Limnologie und Bio-Ozeanographie der Uni Wien forscht, ist der Ansatz ein wichtiger Beitrag, um der Verschmutzung entgegenzuwirken. „Boyan Slat hat mich vor etwa zwei Jahren kontaktiert, als er nach einer Lösung suchte, wie das Plastik großflächig eingesammelt werden kann“, sagt Herndl.

Der Plastikmüll sammelt sich im „Great Pacific Garbage Patch“ zu Haufen an.
- iStock Unreleased

Der „Great Pacific Garbage Patch“ sei entgegen vieler vermittelter Bilder keine kompakt­e riesige Müllinsel: „Wir sind selbst schon mit dem Schiff da durchgefahren. Man sieht hin und wieder Plastik treiben, aber da ist keine Insel von Müll.“ Im Gegenteil, es sei ein riesengroßes Gebiet, über das sich der Müll verteile. Das Plastik sammle sich aufgrund der so genannten Kreiselströmung des Wassers an. Experten schätzen, dass allein dort 1,8 Billionen Plastikteile treiben, und das auf 1,6 Millionen Quadratkilometern. Darin hätte Österreich 19-mal Platz.

Dagegen klingt eine 600 Meter lange Schwimmnudel relativ klein. Dennoch: Die Idee der speziellen Kunststoff-Konstruktion, die aus einzelnen Röhren von einem Meter Durchmesser einen Schlauch bildet, ist es, dass dieser autonom funktioniert. Der Schlauch treibt passiv im Wasser und soll sich durch die Strömung wie zwei Fangarme zu einer großen U-Form zusammenziehen.

„Dadurch wirkt er wie eine große Bucht, die durch den Wind an der Wasseroberfläche schneller treibt als der Müll und so die großen Plastikteile mitnehmen kann“, erklärt der Forscher. Unter der Wasseroberfläche hänge ein drei Meter langes Tuch, das wie ein Vorhang agiere und dank seiner Dichte auch kleinere Teile mitziehen könne.

Das Vorhaben befindet sich derzeit noch in der Testphase, erweist sich aber als durchaus vielversprechend: „Das Rohr, das außerhalb von San Francisco platziert wurde, hat sich tatsächlich zum U gebogen und ist stabil“, so Herndl.

Man müsse nun noch abwarten, ob auch das Einsammeln der Hochsee-Müllhalde so reibungslos verläuft, wie es in einem Versuch mit einem kleineren Floß in der Nordsee der Fall war. Dann erst würde es nämlich Sinn machen, zum „Great Pacific Garbage Patch“ zu gehen.

Der 24-jährige Niederländer Boyan Slat erklärt der Presse am Tag des Teststarts des „Systems 001“, was die Pläne des „Ocean Cleanup“ sind.
- Ocean Cleanup

„Mit dem 600 m langen Floß sollten den Berechnungen zufolge etwa 50 Prozent des weltweiten Plastikmülls in fünf Jahren eingesammelt werden. Insgesamt sollten etwa 60 Plastikfänger in allen Weltmeeren zum Einsatz kommen“, zeigt sich der Wissenschafter optimistisch.

Damit ist zwar schon viel getan, aber längst nicht alles. Das böse Wort „Mikroplastik“ taucht nämlich unweigerlich in diesem Zusammenhang auf. Viele dieser Plastikteilchen sind dichter und damit schwerer als Wasser, andere weniger dicht, und so verteilen sie sich in den Schichten des Ozeans kilometertief bis in die Tiefsee. Dort unten befindet sich auch das eigentliche Forschungsgebiet von Gerhard Herndl.

Seine Forschungsplattform „PLENTY – Plastics in the Environment and Society“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, zu untersuchen, ob und in welcher Form Mikroplastik in der Tiefsee abgebaut werden kann. „Wir haben spezielle Sammelgefäße entwickelt, die den Druck aushalten, der in 7000 Metern Tiefe herrscht“, sagt er. So könnten er und sein Team Wasserproben von so weit unten sammeln, wo vorher noch kaum jemand hätte forschen können.

„Die Tiefsee nimmt mit 70 Prozent das größte Volumen der Weltmeere ein. Sie ist aber noch wenig erforscht und gibt der Wissenschaft viele Rätsel auf“, erklärt der Wiener.

In der Tiefsee, so Herndl, gebe es Leben, und das vor allem in Form von Mikroorganismen. „Während sich an der Oberfläche rund eine Million Mikroorganismen pro Milliliter Wasser befinden, sind es in der Tiefsee etwa 10.000 pro Milliliter.“ Da die mikroskopisch kleinen Lebewesen diejenigen seien, die am meisten zum Stoffwechsel der Tiefsee beitragen, sei es wichtig, mehr darüber herauszufinden, welche der Einzeller dort sind und wovon sie leben.

Tatsächlich seien er und sein Team in ihren Erkenntnissen so weit, dass manche Mikroorganismen das Mikroplastik abbauen können. „Das Problem ist aber, dass man Mikroplastik nicht aus dem Wasser filtern kann und es so schwierig ist, festzustellen, wie viel davon sich tatsächlich im Meer befindet“, sagt der Meeresbiologe.

Bei so viel Beschäftigung mit diesem omnipräsenten Rohstoff ist es wenig verwunderlich, dass Herndl selbst versucht, diesen zu vermeiden, soweit es möglich ist. „Das Problem allerdings ist, dass nur ein geringer Bruchteil des anfallenden Kunststoffs einer Wiederverwertung zugeführt wird.“